Wenn aus einem Samenkorn ein Baum wächst

Seit 30 Jahren kümmert sich die ZGF um den Schutz der Riesenotter in Peru. Damals brachen zwei junge Biologen in die Wildnis auf, um Riesenotter zu erforschen.

Ein eigenes Forschungsprojekt beginnen – es ist ein bisschen so wie einen Samen zu säen. Wie wird das Ergebnis sein? Eher klein mit begrenzter Wirkung oder so groß, dass es die ganze Welt verändert? Die Saat, die Dr. Christof Schenck und Dr. Elke Staib mit ihrem Projekt zur Erforschung und zum Schutz der Riesenotter in Peru vor 30 Jahren pflanzten, hat Ergebnisse hervorgebracht, die seither die gesamten Region beeinflussen. 

Aller Anfang ist schwer

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Unglaublich viele Vogelarten leben im Manu-Nationalpark in Peru © Daniel Rosengren

Stellen Sie sich vor Sie sind ein junges Paar, Sie studieren beide Biologie und suchen gemeinsam nach Ihrer nächsten großen Herausforderung. Zur Inspiration entscheiden Sie sich, einen Teil der Erde zu bereisen, der so abgelegen ist, dass es zwei Wochen dauert, bis Sie im Boot und zu Fuß und mit viel Hilfe eines einheimischen Guides an Ihrem Ziel ankommen – im Manu-Nationalpark im Südosten Perus.

 

Genau das haben Christof Schenck und Elke Staib 1985 getan, zu einer Zeit, als die einzige Informationsquelle über diesen Nationalpark ein Südamerika-Handbuch war. Die beiden hatten Glück, waren sie doch, so beschreibt es Christof Schenck, in einer wahren Schatzkammer dieser Erde gelandet. Der Artenreichtum, mit dem sich die beiden jungen Biologen beschäftigen konnten, war schier endlos. Und doch war es der Riesenotter, der ihre Aufmerksamkeit erregte.

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Eine Riesenotterfamiie © Daniel Rosengren

„Wir waren wahnsinnig beeindruckt von den Riesenottern. Also fuhren wir zurück nach Hause und in die Bibliothek, um die Literatur zu studieren. Es gab ja damals weder Internet noch Google“, beschreibt Christof Schenck. Es stellte sich heraus, dass bisher fast nichts über die Tiere bekannt war, außer dass Riesenotter eine bedeutende Rolle für das Ökosystem spielen und dass sie vom Aussterben bedroht waren. „Diese zwei Punkte waren unsere Gründe dafür, dass wir das Forschungsprojekt begonnen haben“, erzählt Christof Schenck. Also kehrten er und Elke Staib fünf Jahre nach ihrem ersten Besuch in den Manu-Nationalpark zurück. Mit finanzieller Unterstützung der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und Plänen für zwei Doktorarbeiten im Bereich Verhaltensforschung und Ökologie sowie Schutz der Riesenotter.

Es wurde kein Spaziergang

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Elke Staib, Christof Schenck und ihr Guide ©Christof Schenck

Das Leben in einem Regenwald fernab der Zivilisation kann ein fantastisches Abenteuer sein. Bis die Moskitos kommen, bis Kleidung nie wieder trocknet, bis sich selbst der Reisepass in der extrem hohen Luftfeuchtigkeit beginnt, aufzulösen und es völlig unmöglich ist, schnell zusätzliche Ressourcen zu beschaffen. „Unsere Reisen dauerten jeweils drei bis fünf Monate. Wir mussten alles mitbringen, was wir in dieser Zeit brauchen würden. Unser Überleben hing davon ab, dass wir gut organisiert waren und alles vorausgeplant hatten“, erinnert sich Christof Schenck.

 

Trotz dieser Herausforderungen hielten Christof Schenck und Elke Staib durch. Ihre Forscherleidenschaft und ihre Liebe zum Manu-Nationalpark ließen sie jahrelang weitermachen. Sie sammelten Daten über die Lebensweise der Riesenotter und ihren Lebensraum und fanden heraus, dass nicht nur der intensive Tourismus negative Auswirkungen auf die Tiere hatte, sondern auch die Verschmutzung der Umwelt durch das Quecksilber der illegalen Goldwäscher eine ernste Gefahr für Mensch und Tier in der gesamten Region bedeutete. 

Christof Schenck ...wir sind stolz, weil aus dem winzigen Samenkorn, das wir gepflanzt haben, ein starker Baum geworden ist, der ein ganzes System stabilisiert" Christof Schenck

Drei Jahrzehnte später

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Das Team der ZGF Peru im Jahr 2016 © Daniel Rosengren

Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen brachten Christof Schenck und Elke Staib einen Doktortitel und waren die Grundlage für einen Aktionsplan zum langfristigen Schutz der Riesenotter in Peru. 2002 wurde aus diesem Plan das ZGF-Schutzprogramm „Von den Anden bis zum Amazonas“. Im Rahmen dieses Programms, das in Kooperation mit der peruanischen Nationalparkbehörde SERNANP durchgeführt wird, findet noch heute biologisches Monitoring der Riesenotterpopulation und anderer Tiere statt. Es werden riesige Schutzgebiete überwacht, um sicherzustellen, dass keine illegalen Aktivitäten stattfinden und Tausende junge Menschen kommen in den Genuss von Umweltbildung. Unter anderem gibt es Riesenottermalbücher für Vorschulkinder, Mini-Ranger-Programme für ältere Kinder und für Jugendliche besteht die Möglichkeit, sich als Volunteer für den Naturschutz zu engagieren.

2020 jährt es sich zum dreißigsten Mal, dass Christof Schenck und Elke Staib zum zweiten Mal in den Regenwald aufbrachen, um Riesenotter zu erforschen. Noch heute haben ihre Erkenntnisse und Anstöße viele positive Auswirkungen.

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Das jährliche Riesenotterfestival bringt eine ganze Region zusammen © ZGF Peru
Das ZGF-Team, das das riesige Programm in neun Schutzgebieten und über acht Millionen Hektar umsetzt, ist von drei auf mehr als 50 Personen gewachsen. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entschieden sich dafür, Biologie zu studieren, nachdem sie selbst als Kinder und Jugendliche bei diversen Umweltbildungsaktivitäten mitgemacht hatten, die das ZGF-Peru-Programm seit Jahrzehnten organisiert. 

Seit 2011 ist der Riesenotter als Flaggschiffart das offizielle Markenzeichen der Region Madre de Dios. Wenig später wurde das mehrtägige Riesenotterfestival ins Leben gerufen, das seither jedes Jahr stattfindet. Die Menschen in der Region sind inzwischen stolz auf ihre Riesenotter und beteiligen sich an den Festlichkeiten. Die Umweltbildungsprogramme der ZGF haben dazu sicherlich einiges beigetragen.
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Christof Schenck ist immer noch ein engagierter Fürsprecher für den Manu-Nationalpark © Daniel Rosengren

Auch für Touristen sind die Riesenotter interessant geworden. Das kurbelt zum einen die lokale Wirtschaft an und zum anderen motiviert es die Regionalregierung, diese Region vor umweltschädlichen Aktivitäten schützen, wie Goldabbau, Abholzung und Kokahandel. Dass ein zu intensiver Tourismus den Riesenottern nicht schadet, auch dafür haben sich bereits Christof Schenck und Elke Staib eingesetzt, die herausgefunden hatten, dass zu viele Boote, den Lebensraum der Tiere schädigen und sich dadurch negativ auf die Population auswirken. Die Tourismusverbände sind ihren Anregungen gefolgt. Sanfterer Tourismus hat neben Umweltbildung und Imagekampagne mit dazu beigetragen, dass sich die Otterpopulation erholt hat.

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Christof, links von Riesenottermaskottchen Pepe, und Elke, ganz rechts, 2015 beim 25. Jubiläum des Peru-Programms © Daniel Rosengren

Auch wenn Christof Schenck und Elke Staib nicht mehr direkt in das ZGF-Peru-Programm involviert sind, verfolgen beide dessen Entwicklung sehr genau. „Wir sind sehr stolz, allerdings nicht so sehr auf uns selbst, als auf das, was aus unseren bescheidenen Anfängen geworden ist. Weil aus dem winzigen Samenkorn, das wir gepflanzt haben,  so ein großer, starker Baum gewachsen ist, der ein ganzes System stabilisiert. Das ist wirklich etwas Besonderes.“


Weitere Informationen über das ZGF-Programm in Peru finden Sie hier. Für ausführliche Infos aus dem Peru in Englischer Sprache folgen Sie bitte den untenstehenden links: