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Das Amazonien Europas

Die Polesie ist eines der großen und beeindruckenden Wildnisgebiete in Europa. Mit gigantischen Sümpfen, Auenlandschaften und Feuchtwiesen ist die Polesie ein Paradies für Vögel, Amphibien und viele andere Tiere.

Von Elleni Vendras
Polesie panorama
Der Pripyat aus der Luft
Den meisten Deutschen dürfte sie unbekannt sein: die Polesie. Auch ich hatte kaum eine Vorstellung, was mich dort erwarten würde, als ich mich vor anderthalb Jahren bei der ZGF um die Projektassistenzstelle für Weißrussland bewarb. Außer vielleicht Myriaden von Stechmücken. Als ich das erste Mal am Fluss Pripyat stehe, habe ich das Gefühl, in einer anderen Zeit angekommen zu sein. So muss es auch am Rhein vor Hunderten von Jahren ausgesehen haben, als der mächtige Fluss noch frei und ungezähmt fließen durfte. Der Pripyat darf das heute noch. Mit seinen unzähligen Mäandern, Nebenflüssen und Altarmen prägt der Pripyat die Region auf ganz besondere Weise: Die Landschaft ist ein regelrechtes Labyrinth aus Gewässern, Inseln, Sümpfen, Feuchtwiesen und Auwäldern. Deshalb wird der Pripyat häufig auch als „Amazonas Europas“ bezeichnet.


Die Polesie ist flach. Berge gibt es nicht. Glatt geschliffen und eingeebnet durch die Bewegung eines Gletschers, beträgt der maximale Höhenunterschied gerade mal 150 Meter. Und genau dieser Umstand macht die Polesie zu etwas Besonderem. 

Auf gut 700 Kilometern fließt der Pripyat aufgrund des geringen Gefälles sehr langsam. Im Frühjahr bilden sich unzählige Feuchtgebiete entlang des Flusses und während des Hochwassers ähnelt der Pripyat eher einem großen See. Auf mehreren Hundert Kilometern Länge und über eine beeindruckende Breite von bis zu 30 Kilometern tritt der Fluss über seine Ufer.


Das ZGF-Projektbüro ist in Minsk, gut 200 Kilometer nördlich der Polesie. Die Fahrt dahin dauert etwa vier Stunden. Daher komme ich nur selten in den Genuss, diese Wildnis zu besuchen, die halb so groß ist wie Deutschland. Mit mehr als 186.000 Quadratkilometern ist die Polesie eine der größten Naturlandschaften Europas – mit einer West-Ost-Ausdehnung von 900 Kilometern. An ihrer breitesten Stelle erstreckt sie sich etwa 300 Kilometer in Nord-Süd-Richtung. Und die Polesie überwindet im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen, denn sie erstreckt sich über weißrussisches, polnisches, russisches und ukrainisches Territorium. Etwa 85 Prozent liegen in der Ukraine und in Weißrussland.

Sümpfe, Wiesen und Auenwald

Canoe on the Pripyat
Wissenschaftler sammeln Daten zu Vogelpopulationen am Pripyat-Fluss.

Manchmal scheint es mir, als könnte in der Polesie die Natur wirklich noch „Natur“ sein, denn hier gibt es noch großräumige intakte Lebensräume, die in den meisten Teilen unseres Kontinents sehr selten oder gar nicht mehr vorhanden sind. Riesige Sümpfe (hauptsächlich Nieder- und Durchströmungsmoore, die zu den größten intakten Mooren in Europa gehören), sumpfige Überschwemmungsgebiete, Flüsse, unzählige Seen und Altarme, überflutete Wiesen und Auenwälder, aber auch Sanddünen formen diese einzigartige Landschaft.


Trotz starker Eingriffe in die Natur zu sowjetischen Zeiten sind große Bereiche noch immer vollkommen vom Menschen unberührt geblieben. Die ausgedehnten Wälder bieten großen Säugetierarten wie Wolf, Luchs, Elch und auch Wisent ein Refugium und in letzter Zeit werden auch immer öfter wieder Braunbären gesichtet, die wahrscheinlich aus den großen Wäldern im Osten der Polesie kommen. Die Flussauen des Pripyat stellen einen wichtigen Rastplatz für Wasservögel dar, deren Zugroute im Frühjahr und Herbst durch die Polesie führt.

Diese Landschaft ist in so mancher Hinsicht eine Landschaft der Superlative: Hunderttausende von Zugvögeln ziehen durch die Polesie. Dazu gehören bis zu 350.000 Pfeifenten, bis zu 200.000 Kampfläufer und bis zu 30.000 Uferschnepfen. Nirgendwo sonst in Mittel- und Osteuropa kommen so große Ansammlungen von Kampfläufern und Uferschnepfen vor wie in den Flussauen des Pripyat. I Still wie ein See erscheint der Pripyat. In den Feuchtgebieten brüten zahlreiche Vogelarten, darunter auch weltweit gefährdete Arten wie der Schelladler und der Seggenrohrsänger. Der Großteil der Weltpopulation des Seggenrohrsängers lebt in der Polesie, im Moor Zvaniec. Es ist das weltweit bedeutendste Brutgebiet für diese Art. Darüber hinaus gibt es hier bedeutende Vorkommen von Doppelschnepfen, Terekwasserläufern, Sandregenpfeifern und weiteren Wasservögeln wie Zwergseeschwalben, Weißbart-Seeschwalben, Zwergmöwen, Sturmmöwen und Spießenten. Die Liste der Vögel, die sich in den Flussauen und Feuchtwiesen der Polesie, zumindest einen Teil des Jahres, heimisch fühlen, ist lang. Auch beherbergt die Polesie große Populationen der Europäischen Sumpfschildkröte und sogar der extrem seltene Desman, auch Bisamrüssler genannt, lebt an den Flüssen der Polesie.

International herausragende Bedeutung

Sandpiper
Ein Bruchwasserläufer an den Ufern des Pripyat

Viele Teilgebiete der Polesie sind von internationaler Bedeutung für den Naturschutz und beispielsweise als UNESCO-Biosphärenreservate oder als Ramsar-Gebiete anerkannt. Ein besonderer Landstrich zu beiden Seiten der Landesgrenze zwischen Weißrussland und Ukraine ist auch die Sperrzone, die aufgrund der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl errichtet werden musste. Dass hier in den letzten Jahren die Rückkehr von Bär, Wolf und Luchs und der Anstieg der Anzahl anderer Wildtiere beobachtet wurde, glaube ich sofort. Im letzten Winter war ich bei einer Elchzählung aus der Luft dabei, als wir mit einem Hubschrauber das Tschernobyl-Gebiet streiften. Im Schnee sah ich plötzlich ein dichtes Labyrinth aus unzähligen Spuren. Hirsche, Elche und Rehe, Wölfe, Füchse und Feldhasen – es dürfte alles dabei gewesen sein. Vor allem Wölfe scheinen sich in dem von Menschen verlassenen Gebiet sehr wohlzufühlen. Sie kommen dort inzwischen siebenmal häufiger vor als in anderen Schutzgebieten Weißrusslands.


Leider setzt der Mensch auch der Polesie zu: Feuchtgebiete wurden in den letzten Jahrzehnten trockengelegt, große, noch intakte Auenlandschaften durch den Bau von Wegen und Straßen zerschnitten und die Forstwirtschaft breitet sich immer weiter aus. Verheerende Auswirkungen wird zudem der geplante Bau einer 2.000 Kilometer langen Wasserstraße mit dem Namen E 40 haben.


Seit 2015 arbeitet die ZGF mit den Naturschutzorganisationen APB-Birdlife Belarus und der Ukrainian Society for the Protection of Birds (USPB) zusammen, die auch beide Partner im internationalen Netzwerk von BirdLife International sind, daran, die Polesie zu bewahren. Die ZGF und ihre Projektpartner konzentrieren sich dabei auf das Kerngebiet der Polesie in der Region Mittlerer Pripyat.


Elleni Vendras ist ZGF-Projektassistentin in Weißrussland.