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Der lange Weg zu neuen Naturwäldern in Hessen

Anfang April 2019 wurden 6400 Hektar Staatswald in Hessen in Naturwaldfläche umgewandelt. Dort wird zukünftig auf forstwirtschaftliche Nutzung verzichtet. Damit die Politik zugunsten der Natur entscheidet, ist viel Arbeit notwendig. Ein Werkstattbericht.

Von Manuel Schweiger
Dieser Artikel ist im Gorilla Magazin August 2019 erschienen.
Manuel Schweiger (Daniel Rosengren)
Manuel Schweiger, ZGF Wildnisreferent
In Naturwäldern kann sich der Wald ganz ohne Zutun des Menschen natürlich entwickeln – und Hessen bekommt nun einige neue solcher Naturwälder, die für Mensch und Natur ein Segen sind.

Naturwald heißt: Menschen sind weiterhin eingeladen, den Wald zu betreten und zu erleben, es werden aber keine Bäume mehr gefällt. Alte Bäume bleiben, anders als im Wirtschaftswald, stehen, bis sie morsch werden und zusammenbrechen. Als „Totholz“ sind sie „biologisches Gold“ und bieten einen einzigartigen Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Pilze. Je größer der einzelne Naturwald, desto größer ist seine Standortvielfalt und desto mehr ökologische Nischen können sich entwickeln. Dieser Prozess des Wachsens und Weichens dient dem Schutz der Artenvielfalt und ist zugleich für den Klimaschutz sinnvoll.

Die hessische Umweltministerin Priska Hinz stellte Anfang April insgesamt 6.400 Hektar Staatswaldflächen vor: „Die Erweiterung der Naturwälder im Staatswald führt dazu, dass zukünftig über ganz Hessen verteilt die Lebensräume vieler Tier- und Pflanzenarten vergrößert und gesichert werden. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt“, freute sich Ministerin Hinz. Damit sind im waldreichsten Bundesland mittlerweile 31.900 Hektar für die freie Entfaltung der Natur vorgesehen. Doch der Weg dahin war lang.

Langer Atem zahlt sich aus

Es ist inzwischen vier Jahre her, dass die ZGF begann, sich in Hessen in die Debatten um die Ausweisung von Naturwäldern einzubringen. Damals bereitete die Landesregierung zusammen mit dem Landesbetrieb HessenForst gerade den zweiten Schwung an Flächen vor, die sich fortan natürlich entwickeln sollten. Als frischgebackener Wildnisreferent der ZGF stieß ich 2015 zu den Verhandlungen dazu und stellte fest, dass fast ausschließlich kleine Flächen vorgesehen waren. Das waren zum Teil Autobahnrandstreifen – so klein, dass sie nicht mal auf Karten darstellbar waren. Große zusammenhängende Gebiete fehlten im Katalog. Dabei sind es insbesondere die großen Gebiete, die so wichtig sind als Rückzugsräume für die Arten, die an unsere Buchenwaldökosysteme angepasst sind.

Gemeinsam zum Erfolg

Die ZGF musste nicht lange nach Verbündeten suchen. Mit dem NABU Hessen, Greenpeace Deutschland, dem WWF, dem BUND Hessen und später auch der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz fand sich ein breites Bündnis, das sich fortan für große Naturwälder in Hessen einsetzte. Schon bei der Ausweisung der zweiten Tranche an Flächen 2016 hatten wir prompt Erfolg: Mehrere große Gebiete wurden aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen. Das größte war ein Gebiet im Wispertaunus von mehr als 1.000 Hektar Größe, das aufgrund seiner Vielzahl an seltenen Arten und als Teil des größten zusammenhängenden Waldgebietes Hessens als Schatzkammer der biologischen Vielfalt gelten darf.

Waldschutzgebiete für Hessen

Dieser Erfolg motivierte unser Bündnis und die Verbände erarbeiteten gemeinsam in aufwendigen Abstimmungsrunden ein fachlich fundiertes Konzept für 25 weitere Waldschutzgebiete, in denen sich künftig wieder Naturwälder entwickeln sollten. Diese 25 Gebietsvorschläge – allesamt mindestens mehrere Hundert Hektar groß – beziehen sich ausschließlich auf den Staatswald und berücksichtigen repräsentativ die verschiedenen Ausprägungen an Wald, die es in Hessen gibt. Mit diesem Konzept wandten sich die Verbände im April 2018 an die Politik und forderten seine Umsetzung ein.

Lesen Sie die Broschüre „Land der Naturwälder – 25 Waldschutzgebiete für Hessen“.

Ein Jahr später, am 9. April 2019, verkündete Hessens Umweltministerin Priska Hinz, dass zumindest ein Teil der Verbändeforderungen erfüllt würde. Unzählige Pressetermine, Exkursionen, Gespräche und Verhandlungen des Verbändebündnisses hatten den Weg dorthin geebnet. Die Aktivitäten wurden von der ZGF koordiniert.

Die Landesregierung hat von den 25 Vorschlägen nun immerhin acht (weitgehend) übernommen. Insgesamt gibt es fortan 42 Naturwaldgebiete in Hessen, die mehr als 100 Hektar groß sind und die im Laufe dieser Legislaturperiode auch rechtlich verbindliche Naturschutzgebiete werden sollen. „Mit dem Schutz großer Naturwälder setzt Hessen im Bundesvergleich Maßstäbe“, lobte ZGF-Geschäftsführer Dr. Christof Schenck diesen Schritt.

Insbesondere die großen zusammenhängenden Bereiche im Reinhardswald, am Vogelsberg, am Grünen Band bei Wanfried und im Kammerforst (Rheingau) sind ein großer Gewinn: Von diesen neuen Naturwäldern werden viele künftige Generationen von Tieren, Pflanzen, Pilzen und auch Menschen profitieren. Ein herausragender Erfolg ist auch der Schutz der nördlichen Ederseesteilhänge, der eine Erweiterung des Nationalparks Kellerwald-Edersee in greifbare Nähe rückt.

Die großen Schutzgebiete sind eine gute Ergänzung zu den vielen kleineren Flächen und verbessern die Voraussetzungen für ein umfassendes Naturwaldverbundsystem in Hessen, in dem Bäume wieder alt werden dürfen. Alte Bäume fehlen im Wirtschaftswald, wo Buchen schon im Alter von 100 bis 140 Jahren gefällt werden. Im Naturwald dagegen dürfen sie 300 Jahre alt und doppelt so dick werden. Das freut auch Spechte, die ihre Höhlen gern in sehr alte Bäume meißeln und so Baumeister für über hundert Tierarten sind, die als Nachmieter in die Höhlen einziehen können. Von alten Bäumen in Naturwäldern profitieren auch Arten wie Rotmilan und Schwarzstorch: Sie können hier stabile Horste in ungestörter Umgebung bauen und erfolgreich Nachwuchs großziehen.

Es gibt noch viel zu tun

Die hessische Biodiversitätsstrategie sieht vor, auf fünf Prozent der hessischen Waldfläche auf forstwirtschaftliche Nutzung zu verzichten. Mit der jüngsten Ausweisung von Naturwäldern erreicht Hessen einen Anteil von 3,8 Prozent Wald mit Naturwaldentwicklung. Um auf fünf Prozent zu kommen, fehlen also noch weitere 9.600 Hektar. Das von den Verbänden präsentierte Konzept hätte da noch eine ganze Reihe an Vorschlägen, welche wertvollen Waldgebiete als Schutzgebiete geeignet sind.

Um die Gebiete auch für den Menschen in Wert zu setzen, initiiert die ZGF derzeit im Wispertaunus ein Projekt zusammen mit den Kommunen. Als schöner „Nebeneffekt“ sollen dadurch die bestehenden Naturwälder erweitert und besser miteinander vernetzt werden. So ist allen geholfen.

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