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Die Wildhunde der Serengeti

Afrikanische Wildhunde sind aus großen Teilen ihres natürlichen Verbreitungsgebietes verschwunden. Doch einige sind zurückgekehrt. Und sie tragen einen berühmten Namen.

Seronera, 22. Februar 2016, von Patrick Eickemeier

Als Markus Borner 1977 für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) auf seinem Weg zur Insel Rubondo im Victoriasee durch die Serengeti reiste, war seine erste Tiersichtung westlich des Ngorongoro-Kraters ein Rudel von 42 Afrikanischen Wildhunden. Bis in die 1960er Jahre waren die Tiere sogar von Park-Rangern als “Schädlinge” geschossen worden. Doch trotz der intensiven Verfolgung gab es noch Wildhunde in großen Teilen des Serengeti-Mara-Ökosystems.
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Freilassung von Afrikanischen Wildhunden im Nyasirori-Gebiet der Serengeti im Februar 2016. Foto: Patrick Eickemeier/ZGF
Doch der Druck auf die Population nahm zu. Außerhalb der geschützten Gebiete rissen die Wildhunde immer wieder Haustiere, vor allem Ziegen. Der Konflikt mit der wachsenden menschlichen Bevölkerung spitzte sich zu und viele Rudel wurden vergiftet. In den 1980er-Jahren begannen ZGF-Mitarbeiter, einige Tiere mit Senderhalsbändern auszustatten, um ihre Bewegungen im Gebiet verfolgen zu können.

Für „bemalte Wölfe“, so die wörtliche Übersetzung ihres wissenschaftlichen Namens Lycaon pictus, ist die offene Savanne schwieriges Gelände. Für kurze Zeit war Beute im Überfluss vorhanden, wenn Herden von grasenden Tieren auf ihren Wanderungen durchs die Reviere der Rudel zogen. Doch die meiste Zeit des Jahres war Beute knapp. Wildhunde sind sehr effiziente Jäger, die ihre Beute über viele Kilometer verfolgen und selten entkommen lassen. Doch häufig, so zeigte sich, machten die größeren Hyänen den Wildhunden ihre Beute streitig und Löwen töteten Hunde als Konkurrenten.

Zudem begannen sich von Haushunden übertragene Krankheiten unter den Wildhunden zu verbreiten. Die ZGF-Mitarbeiter fanden Tollwut und später auch Staupe-Viren. Begünstigt durch das intensive Sozialleben der Wildhunde und häufigen Körperkontakt wurden oft ganze Rudel befallen und vor allem Jungtiere erlagen der Staupe. 1991 waren Wildhunde aus der Serengeti verschwunden.

Doch nur zehn Jahre später, im Jahr 2001, kehrten die Wildhunde auf natürlichem Weg in die Region zurück. Die Serengeti besiedelten sie allerdings nicht. Mehrere Rudel blieben im Loliondo-Gebiet östlich des Nationalparks. Sie hatten eine heimliche, nächtliche Lebensweise angenommen, um Menschen aus dem Weg zu gehen, aber sie rissen immer wieder Haustiere. In diesem Gebiet drohte den Rudeln erneut die Ausrottung und etwas versperrte ihnen den Weg auf sicheres Terrain im westlich gelegenen Nationalpark.

Wildhunde in der Serengeti

Das Serengeti-Wildhunde-Projekt der schottischen Universität Glasgow und des tansanischen Instituts für Wildtierforschung (Wildlife Research Institute, Tawiri) untersucht seit 2012 unter anderem die Frage, warum die Wildhunde aus Loliondo nicht weiter nach Westen wanderten. Eine mögliche Erklärung sind die wachsenden Populationen von Löwen und Hyänen innerhalb des Parks. Ihre Reviere könnten eine Barriere sein, die die Wildhunde nicht überwinden können.

Im Jahr 2012 wurde dann das erste Rudel Wildhunde im Loliondo-Gebiet eingefangen und in ein Gehege, eine so genannte Boma, nahe des Nyasirori-Gebietes in der Serengeti gebracht. Der nordwestliche Teil der Serengeti gibt es Buschland, das gut für die Wildhunde geeignet ist. Im Vergleich zur offenen Savanne können sie hier die Vegetation auch als Deckung nutzen. Das hilft beim Jagen und die Wildhunde verlieren ihre Beute auch seltener an andere Räuber.

Dennoch, das erste Rudel, das hier freigelassen wurde, blieb nicht lange. Einige der Tiere waren mit Senderhalsbändern ausgestattet, die über Satellit Positionsdaten funkten. Das Rudel wanderte nach Norden, über die Grenze zu Kenia und dann in östlicher Richtung bis zur Küste. Insgesamt legte es eine Strecke von mehr als 4000 Kilometer zurück.

Seit dieser ersten Freilassung wurden fünf weitere Rudel nach Nyasirori gebracht, 83 Wildhunde insgesamt, und die Forscher beobachten, dass diese Rudel im Gebiet bleiben und auch Nachwuchs aufziehen. Zudem wurden bisher keine Übergriffe auf Haustiere verzeichnet. Die Wildhunde finden ausreichend natürliche Beute und können den Konflikt mit Menschen in den Park-angrenzenden Gebieten vermeiden.

Rund vierzig Jahre später…

Als Markus Borner im Februar 2016 in die Serengeti zurückkehrte, jetzt als Professor an der schottischen Universität Glasgow, wurde er zur Freilassung des sechsten Rudels eingeladen. Der Ehrengast der Veranstaltung, der tansanische Minister für Natürliche Ressourcen und Tourismus, Prof. Jumanne Maghembe, nutzte die Gelegenheit und gab den 17 Tieren, die freigelassen wurden, offiziell den Namen „Borner-Rudel“.

Die Boma wurde geöffnet, aber zunächst wagte keines der Tiere den Sprung in die Freiheit. Erst als Projektmitarbeiter nachhalfen, liefen die ersten beiden Wildhunde aus dem Gehege. Und schließlich folgte das gesamte Rudel.

Eines der Weibchen hatte gerade geworfen. Das Weibchen, ihre Jungen und zwei Helfer aus dem Rudel werden noch etwas länger im Gehege bleiben, werden aber bald zu ihrem Rudel stoßen dürfen.

Von den Rudelgenossen gibt es bereits positive Berichte: sie haben an ihrem ersten Abend in Freiheit erfolgreich Jagd auf eine junge Topi-Antilope gemacht und sich am nächsten Tag mit einem freilebenden Rudel zusammengeschlossen. Die Aussichten für das Borner-Rudel und die anderen Wildhunde der Serengeti sind gut.

ZGF-Projekte in der Serengeti