Forschung im Sperrgebiet von Tschernobyl

Mithilfe von Kamerafallen erforschen zwei ZGF-Wissenschaftler Wildtiere in europäischen ZGF-Projektgebieten, die unterschiedlich stark vom Menschen beeinflusst sind. Ihre Arbeit liefert wichtige Erkenntnisse für Entscheidungsträger, bildet Grundlagen für die Erweiterung von Schutzgebieten und gibt sogar Aufschluss darüber, wie gesund Wildtierpopulationen in anderen Regionen Europas sind.

Vor 35 Jahren explodierte der Reaktor des Kernkraftwerks von Tschernobyl. Die Folgen der Reaktorkatastrophe beeinflussen bis heute das Leben Tausender Menschen. Ein riesiges Gebiet – die sogenannte Tschernobyl Sperrzone (Chernobyl Exclusion Zone, CEZ) – ist unbewohnbar. Die CEZ liegt im östlichen Teil der Polesie, einem ursprünglichen Feuchtgebiet, das halb so groß wie Deutschland ist. Seit 1986 halten sich hier aufgrund der gefährlich hohen Strahlungsbelastung kaum Menschen auf. Wildtiere jedoch vermehren sich stark.

Adam F. Smith und Svitlana Kudrenko untersuchen die Poulationen in Zusammenarbeit mit den Schutzgebietsbehörden. Sie verwenden Kamerafallen und vergleichen die Ergebnisse aus der CEZ mit denen aus anderen Schutzgebieten in Belarus und der Ukraine, in denen der der menschliche Einfluss größer ist. Die Daten, die Adam und Svitlana sammeln, liefern Entscheidungsgrundlagen für den bestmöglichen Schutz dieser Populationen.

Hallo Adam und Svitlana, was macht ihr genau?

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Adam: Ich arbeite für das ZGF-Europareferat als Wissenschaftler und bin Doktorand an der Universität Freiburg. Meine Aufgabe ist die Planung und Durchführung von Kamerafallenstudien in den ZGF-Projekten in der Polesie, den Ukrainischen Karpaten und dem Bielaviezskaja-Pusca-Nationalpark im Westen von Belarus. Dabei konzentriere ich mich vor allem auf Räuber-Beute-Beziehungen, zum Beispiel von Luchsen und Rehwild und welche Unterschiede es dabei in verschiedenen Gebieten gibt.

Svitlana: Ich arbeite in derselben Abteilung und verwende dieselben Kamerafallen, aber ich achte bei der Auswertung der Daten auf die Verbreitung von Raubtieren wie Luchs und Wolf, wie geeignet die Habitate für diese Tiere sind und wie die Koexistenz mit den Menschen im Untersuchungsgebiet klappt.

Warum werden diese Gebiete mit Kamerafallen untersucht?

Adam: Die Tschernobyl-Sperrzone wurde ausgewählt, weil es ein riesiges Gebiet ist, in dem der menschliche Einfluss seit 30 Jahren minimal ist. So ist daraus ist ein unfreiwilliges, aber einzigartiges Freilandexperiment entstanden mit einem strengen Schutzstatus, der verhindert, dass Besucher hierherkommen. Das geht nur mit Spezialgenehmigung.

Svitlana: Das bedeutet, dass uns die Daten aus Tschernobyl eine ziemlich gute Vorstellung davon geben, wie eine florierende Population aussieht. Wir vergleichen die Daten mit den Daten aus anderen Schutzgebieten in der Polesie, den Ukrainischen Karpaten und dem Bielaviezskaja-Pusca-Nationalpark in Belarus, wo es einen viel größeren menschlichen Einfluss gibt. Hier darf Jagd stattfinden, Menschen sammeln Feuerholz, Früchte oder Pilze oder besuchen die Region als Touristen.

Wie viele Kamerafallen braucht ihr, um diese Gebiete abzudecken?

Svitlana: Wir haben mehr als 200 Kamerafallen im Sperrgebiet von Tschernobyl im Einsatz und decken damit etwa zwei Drittel des Gebiets ab. Innerhalb von drei Monaten haben diese Kameras fast 30.000 Bilder gemacht. Noch dieses Jahr wollen wir 25 weitere Kameras im fehlenden Drittel verteilen, um dann das gesamte CEZ überwachen zu können. In den ZGF-Projektgebieten in Belarus sind auf 10.000 km2 98 Kamerafallen im Einsatz. Im Monitoring-Projekt für Luchse in den Ukrainischen Karpaten sind derzeit weitere 70 Kameras im Feld, die 350 km2 abdecken. Kurz gesagt: eine Menge Kamerafallen und noch mehr Arbeit für uns!
Svitlana Kudrenko Die Daten aus der Tschernobyl-Sperrzone geben uns ein Bild davon, wie eine gesunde Tierpopulation aussieht. Svitlana Kudrenko

Gibt es schon Erkenntnisse?

Adam: Im Moment sind wir noch dabei, die Daten zu sortieren, aber wir haben eine Masse an Material aus der CEZ, das jede Menge Raub- und Beutetiere zeigt. Wir haben ausgerechnet, dass wir etwa 8.000 Fotos von Rothirschen haben. Und die Bilder aus der Polesie und den Karpaten zeigen, dass im Winter 2020/21 Luchse dort Nachwuchs bekommen haben. Das sind konkrete Belege dafür, dass die Tiere nicht nur die Gebiete durchstreifen, sondern sich dort auch fortpflanzen.

Wie wirken sich diese Informationen auf die Naturschutzarbeit der ZGF aus?

Svitlana: Die Daten der Kamerafallen helfen uns dabei, zu verstehen, welche Tierarten und wie viele Individuen in der Polesie leben und welche Lebensräume sie nutzen. Darüber hinaus lernen wir viel darüber, wie sich die Tiere zwischen den verschiedenen Ökosystemen in dem riesigen Gebiet hin und her bewegen, also zwischen Wäldern und Flüssen zum Beispiel, oder wo sie sich fortpflanzen. Das sind richtig wichtige Erkenntnisse, wenn es, wie in der Polesie, darum geht, Schutzgebieten zu erweitern.

Adam: Und die Daten, die wir in Tschernobyl sammeln, können wir mit den Daten aus anderen europäischen Gebieten vergleichen, in denen die selben Tierarten vorkommen. Dadurch können wir einschätzen, wie gut es diesen Populationen geht. Daten aus Kamerafallen sind echte Beweise und helfen bei schwierigen Entscheidungsprozessen, für die Zukunft zu planen. Wenn auf einem Foto ein Luchs oder ein Bär zu sehen ist, dann besteht kein Zweifel mehr, dass es sich um diese Tiere handelt. Wir lernen auch immer mehr über Schutzgebiete, in denen wir arbeiten. Und dieses Wissen teilen wir nicht nur mit der ZGF, sondern auch mit den Menschen, die in den Gebieten leben, und mit den Entscheidungsträgern, damit die Gebiete und ihre wilden Bewohner möglichst gut geschützt werden können.
Adam F. Smith Die Bilder der Kamerafallen sind Beweise, die Entscheidungsträgern helfen, für die Zukunft zu planen. Adam F. Smith

Gab es Fotos, auf denen ihr etwas Unerwartetes entdeckt habt?

Adam: In der Tschernobyl-Sperrzone tappte ein Bär in eine Kamerafalle. Das kam überraschend, denn normalerweise werden Bären dort nicht gesehen.

Svitlana: Im Februar fanden wir ein Bild von einem Wildschwein mit Tupfen im Fell. Das ist ungewöhnlich und wir dachten, dass es ein Hybrid sein könnte, ein Hausschwein-Wildschwein-Mischling. Das kann vorkommen. Inzwischen wissen wir zwar, dass es ein Wildschwein war, aber trotzdem was das eine interessante Beobachtung.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, Adam und Svitlana. Mehr Fotos aus Kamerafallen gibt’s im Video.

Unsere Teams nutzen weltweit Kamerafallen, um die Wildtiere in den verschiedenen Projektregionen zu erforschen. In Teil 2 der Serie erklärt Eny Wahyu Lestari, Leiterin der ZGF Ecosystem Monitoring Unit in Bukit Tiga Puluh auf Sumatra, wie Kamerafallen ihr und ihrem Team die Arbeit im indonesischen Dschungel leichter machen.

In Teil 3 der Serie erfahren wir, welche weiteren Anwendungsbereiche von Kamerafallen es in ZGF-Projekten gibt.

Bild oben: Daniel Rosengren
Die Kamerafallenstudie in der Polesie ist Teil des Projekts „Polesia – Wilderness without Borders“. Im Rahmen des Endangered Landscapes Programme wird das Projekt gefördert von Arcadia – a charitable fund of Lisbet Rausing and Peter Baldwin. Die ZGF koordiniert das Projekt, die Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit APB Birdlife Belarus, der Ukrainian Society for the Protection of Birds (USPB) sowie dem Britidh Trust for Ornithology (BTO).