Interview mit Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller

"1,6 Milliarden Menschen leben von und mit Wäldern. Deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Enwicklungszusammenarbeit, die Naturgebiete zu schützen."

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ unterstützt mit dem Naturerbe-Fonds Legacy Landscapes Fund eine internationale Stiftung, deren Ansatz bislang einzigartig ist: eine langfristige finanzielle Absicherung von Schutzgebieten – gemeinsam getragen aus staatlichen und privaten Mitteln. Wir fragten Bundesminister Dr. Gerd Müller zu der Idee dahinter.

ZGF GORILLA: Herr Dr. Müller, Ihr Ministerium ist Gründer der Stiftung Legacy Landscapes Fund. Die Kernaufgabe des BMZ ist „wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. Wie hängt der Schutz von großen Naturgebieten damit zusammen?

German minister for economic cooperation and development, Gerd Müller (2nd from left), during the handover of a Husky aircraft for surveillance of Selous Game reserve in Tanzania with FZS hat. © Christof Schenck
Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei der Übergabe eines Überwachungsflugzeugs im Selous Game Reserve (März 2016, Bild: Christof Schenck)
Dr. Gerd Müller: Ohne Naturgebiete gibt es kein menschliches Leben, wie wir es kennen. Wälder, Ozeane und andere natürliche Lebensräume sind die Lebensgrundlage für Milliarden Menschen. Allein 1,6 Milliarden Menschen leben von und mit Wäldern. Und deshalb ist es auch eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, die Naturgebiete zu schützen. Zudem sind sie unverzichtbar für den Klimaschutz: Sie speichern etwa 20 Prozent des Kohlenstoffs an Land, versorgen weltweit ein Drittel der 100 größten Städte mit Trinkwasser und sichern die biologische Vielfalt. Drei Viertel der artenreichsten Gebiete sind übrigens in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Wie ist es um die natürlichen Lebensräume bestellt?

Dieser Schatz unserer Erde ist in Gefahr. Alle vier Sekunden wird weltweit Wald von der Fläche eines Fußballfeldes abgeholzt – auch für Soja oder Palmölplantagen. Die Zerstörung der Regenwälder durch Brandrodung etwa im Amazonas, im Kongo-Becken und in Indonesien macht elf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus! Eine Folge: Die biologische Vielfalt nimmt rasant ab. Jeden Tag verschwinden bis zu 150 Pflanzen- und Tierarten von der Erde. Je mehr aber die natürlichen Lebensräume schrumpfen, desto größer ist die Gefahr, dass Viren vom Tier auf den Menschen überspringen. Corona ist das jüngste Beispiel. Deswegen müssen wir viel entschlossener die natürlichen Lebensräume schützen und gegen Wildtierhandel und Wildtiermärkte vorgehen.

Was ist aus Ihrer Sicht das Neue, das Innovative am Legacy-Landscapes-Ansatz?

Der Staat kann den Schutz der Naturgebiete nicht allein leisten. Der neue Naturerbe- Fonds bündelt öffentliche und private Beiträge für eine „Grundversorgung“ besonderer Schutzgebiete. Die Mittel fließen dazu in einen Kapitalstock der gemeinnützigen Stiftung. Damit wird eine „Ewigkeitsfinanzierung“ angestrebt, sodass die Finanzierung auch in Krisensituationen gesichert ist. In Uganda kommen beispielsweise 90 Prozent der Einnahmen der Naturschutzbehörden aus Gebühren der Touristen. Das bricht durch Corona jetzt weg. Mit dem Legacy Landscapes Fund schaffen wir nun einen langfristigen Vorsorgemechanismus für derartige Krisen.

Wer beteiligt sich an dem neuen Fonds?

Vier philanthropische Stiftungen haben bereits erklärt, dass sie mitmachen und mindestens 30 Millionen US-Dollar bereitstellen. Weitere Zusagen werden 2021 hinzukommen. In der Startphase können wir für ausgewählte Schutzgebiete eine Mindestfinanzierung von einer Million US-Dollar für mindestens 15 Jahre garantieren. Das geht weit über die üblichen Zusagen von drei oder sechs Jahren hinaus.

Wie kann man sich die Arbeit des Legacy Landscapes Fund vorstellen?

Die Förderung geht an international erfahrene NGOs wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die nachweisen können, dass sie bereits langfristige, erfolgreiche Partnerschaften mit den nationalen Schutzbehörden und den lokalen Gemeinschaften eingegangen sind. Es geht zum Beispiel um Gehälter von Wildhütern und Parkrangern, die Wartung von Infrastruktur oder den Ausbau des nachhaltigen Tourismus. Diese Aktivitäten werden durch Indikatoren jährlich nachgehalten.

Reicht das aus?

Deutschland unterstützt weltweit 500 Schutzgebiete in Entwicklungs- und Schwellenländern mit einer Fläche viermal so groß wie Deutschland. Etwa das größte grenzüberschreitende Naturschutzgebiet der Erde: das KaZa-Gebiet im südlichen Afrika, das 36 Nationalparks umfasst. Entscheidend ist aber, dass wir aus der Krise jetzt die richtigen Konsequenzen ziehen und grundsätzlich umdenken in Politik, Wirtschaft und Konsum. Die Herausforderungen sind gewaltig, aber meine Überzeugung ist weiterhin, dass wir umsetzbare Lösungskonzepte haben. Das ist auch Schwerpunkt meines neuen Buchs „Umdenken“, wo ich diese konkret aufzeige.

Gilt das auch für die Wirtschaft?

Absolut, Unternehmen müssen einen viel größeren Beitrag leisten: mit nachhaltigen Investitionen, entwaldungsfreien Lieferketten und nachhaltiger Landwirtschaft. Rund 80 Prozent der Entwaldung in den Tropen geht auf das Konto der Landwirtschaft – vor allem für die Viehzucht, Palmöl und Soja. Um die Plantagen möglichst billig anzulegen, brennen die Regenwälder in Brasilien und Indonesien. Palmöl ist mittlerweile in jedem zweiten Supermarktprodukt wie Margarine, Pizza oder auch Shampoo. Immer nur billig, billig, billig – das geht am Ende auf Kosten der Natur und der Menschen. Ich bin deshalb für eine klare Zertifizierung: Wer Soja importieren will, der muss den Nachweis erbringen, dass der Anbau nicht auf gerodeten Waldflächen erfolgt ist. Das nimmt Druck von den Regenwäldern und schützt unser Klima.

Deutschland setzt mit Legacy Landscapes international Maßstäbe. Ist die Stiftung langfristig abgesichert, sodass sie auch unter zukünftigen Bundesregierungen Bestand haben wird?

Deutschland hat die Gründung des Legacy Landscapes Fund maßgeblich vorangetrieben. Es handelt sich aber um ein internationales Projekt mit der UNESCO, der Weltnaturschutzunion IUCN, der EU-Kommission, Frankreich, privaten Stiftungen und erfahrenen deutschen und internationalen Naturschutzorganisationen. Als unabhängige Stiftung besteht der Legacy Landscapes Fund auch bei einem Regierungswechsel weiter. Die finanziellen Einlagen verbleiben dauerhaft in der Stiftung und können nur im Sinne des vereinbarten Stiftungszwecks verwendet werden.

Und wie wollen Sie noch weitere finanzstarke Geber überzeugen, sich an Legacy Landscapes zu beteiligen?

Ich bin fest überzeugt, dass der Legacy Landscapes Fund ein Leuchtturm sein wird für das Biodiversitätsjahr 2021. Denn Covid-19 hat uns so klar wie nie vor Augen geführt, wie wichtig intakte Ökosysteme für die Gesundheit der Menschen sind. Bei der UN-Biodiversitätskonvention nächstes Jahr in China werden wir über einen neuen Rahmen und eine nachhaltige Finanzierung von Biodiversität verhandeln. Da wird der Fonds eine wichtige Rolle spielen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Minister.

Autor: Dagmar Andres-Brümmer
Publikationsdatum: 24. November 2020

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