Lomami: Wilderer legen Waffen nieder

In der DR Kongo wird Wilderei fast immer mit Gefängnis bestraft. Für Wilderer ist es daher fast unmöglich, sich wieder als Mitglieder der Gesellschaft zu rehabilitieren. Mit beispiellosem Mut zeigen zwei ehemalige Wilderer, dass es auch anders geht. Das ist ein starkes Signal gegen die Elefantenwilderei im kongolesischen Lomami-Nationalpark.

Frankfurt, 15.12.2020
Von Marco Dinter

Eine staubige, unbefestigte Straße in der Demokratischen Republik Kongo: Laut singend läuft ein gutes Dutzend Männer in die Stadt Opala. Sie tragen Waffen über den Schultern: Gewehre, Speere und Giftpfeile. Jeder Mann in der Gruppe trägt ein weißes Tuch um den Kopf gewickelt. Es sind Wilderer, die im Lomami-Nationalpark Jagd auf Elefanten machten. Doch an diesem Septembermorgen sind sie unterwegs, um ein neues Leben beginnen.

Eine Schatzkammer im Herzen Afrikas

Der Lomami-Nationalpark liegt mitten in Afrika, in der Demokratischen Republik Kongo. Er ist Teil der Region TL2, deren Name sich von den drei großen Flüssen ableitet, die die Gegend prägen: Tshuapa, Lualaba und Lomami. Dieses Waldgebiet gleicht einer biologischen Schatzkammer, hier leben Waldelefanten, Bonobos und Okapis. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) unterstützt das Lomami Conservation Project, das von der Biologin Dr. Terese Hart geleitet wird. Ein wichtiger Teil der Arbeit: Die Bekämpfung der Wilderei.
Ein begehrtes Beutegut der Wilderer sind Waldelefanten. Die Jagd auf sie ist illegal, aber das Elfenbein ihrer Stoßzähne ist auf den Schwarzmärkten viel wert. Die Bevölkerung der DR Kongo ist eine der ärmsten der Erde. Wenn die Familie ernährt werden muss, die medizinische Versorgung teuer ist, erscheint die Elefantenjagd als Ausweg sehr verlockend. Daher ziehen mehrere Wilderergruppen durch das TL2-Gebiet. Um nicht aufgespürt zu werden, leben sie in provisorisch errichteten Camps im Wald. Die Verfolgung der Gruppen im tiefen Regenwald ist schwierig. Doch es gibt Hoffnung.

Es braucht Mut, aufzuhören

Die Wilderer, die singend ihre Waffen nach Opala tragen, werden von einem Mann namens Ranger Lavino angeführt. Terese Hart erinnert sich an eine prägende Begegnung mit ihm: „Auf unserem Rückweg aus Opala hielten wir mit unserem Einbaum bei dem kleinen Dorf Olemandeko, um unser Mittagsessen aufzuwärmen. Als wir den Einbaum an den Strand zogen, traten drei Männer mit AK47-Gewehren aus dem Schatten.“ Zwei der Männer waren ihr als Anführer von Wilderergruppen bekannt: Ranger Lavino und Bekita Gaston Kitona. Sie wollten mit Terese sprechen. Die Elfenbeinjäger hatten beschlossen, ihren Lebensunterhalt fortan nicht mehr auf illegale Weise verdienen zu wollen. Doch Wilderei wird hart bestraft. Wenn sie nicht ins Gefängnis wollen, müssten sie im Wald versteckt bleiben – und weiter wildern, um sich über Wasser zu halten. Eine Zwickmühle.
Terese Hart beschloss, ihnen beim Ausstieg aus dieser Situation zu helfen. Wenn Lavino und Kitona tatsächlich mit der Wilderei aufhören würden, wäre das ein wichtiger Schritt zur Erhaltung der letzten Elefanten Lomamis. Terese Hart nahm Kontakt zur kongolesischen Nationalparkbehörde Institut Congolais pour la Conservation de la Nature (ICCN) auf. Zusammen mit dieser Behörde konnte sie beim Verteidigungsministerium eine Begnadigung für die beiden Männer erwirken.

Ein neues Leben beginnt

Am 27. Februar 2020 übergaben Kitona und seine Männer ihre Waffen an die kongolesische Armee. Die ehemaligen Wilderer bestätigten mit ihrer Unterschrift, nie mehr in Wilderei verwickelt werden zu wollen. Stattdessen haben die meisten von ihnen zugestimmt, für die ICCN zu arbeiten.  

Kitona ist sehr glücklich, die Wilderei hinter sich gelassen zu haben und dankt der Regierung für die Möglichkeit, auszusteigen: "Ich habe im Wald sehr gelitten", sagt er. Kitona wünscht sich, dass seine Landsleute seinem Beispiel folgen und den Mut fassen, die Wilderei ebenfalls aufzugeben.  

Inzwischen arbeitet der Ex-Wilderer mit der Parkbehörde ICCN und dem ZGF-Team. Bebe Bofenda, der ZGF-Campleiter berichtet, Kitona sei „mutig, sehr sozial und bereit, sehr hart zu arbeiten“. Das Wissen, das der ehemalige Wilderer sich in all den Jahren auf der Jagd nach Elefanten angeeignet hat, kommt nun dem Naturschutz zu Gute. Und tatsächlich folgen andere seinem Beispiel. Einer von ihnen ist Ranger Lavino. Er und seine Männer wollen die Wilderei hinter sich lassen und sind bereit, sich ebenfalls zu ergeben.  

Nachdem Lavino und seine Männer singend nach Opala gelaufen sind, übergeben auch sie ihre Waffen den Behörden und unterschreiben Vereinbarungen, nie wieder an Elefantenwilderei teilzuhaben. Die Zukunft wird zeigen, ob sich auch weitere Wilderer ein Beispiel an diesen Vorreitern nehmen. Wenn sie ihnen folgen, werden die Elefanten im Lomami-Nationalpark ein Stück sicherer sein.

Mehr zum Thema