Manatis im Yaguas-Nationalpark

Im Nordosten Perus befindet sich ein riesiger Regenwald: Yaguas. Dort wurden nun erstmals Amazonas-Manatis entdeckt.

Dem noch jungen Yaguas-Nationalpark und seinem Team stehen viele Aufgaben bei der Erkundung und Erforschung bevor, um die Region besser kennenzulernen und folglich schützen zu können. Während des Wildtiermonitorings im Yaguas-Nationalpark wurden nun erstmals Amazonas-Manatis dort entdeckt.
Manati Monitoring Team (A. Baertschi)
Das ZGF/SERNANP-Team beim Monitoring.
Acht Stunden lang „All you can eat“ und dann zehn Stunden schlafen – was für manche Menschen ein Traum wäre, ist Realität für die Rundschwanzseekuh, auch unter dem Namen Manati bekannt. Gemeinsam mit den Gabelschwanzseekühen, den Dugongs, bilden die Manatis die Ordnung der Seekühe (Sirenia). Von den drei Manati- Arten ist der Amazonas-Manati die einzige Art, die ausschließlich im Süßwasser lebt. Mit einer Geschwindigkeit von drei bis sieben Stundenkilometern schwimmen die sowohl am Tage wie in der Nacht aktiven Tiere gemächlich durch die warmen Gewässer des Amazonasgebiets.

Der Amazonas-Manati ist mit einer Körperlänge von bis zu 2,8 Metern und einem Gewicht von 500 Kilogramm die kleinste unter den drei Manati-Arten. Sie ernähren sich ausschließlich von Wasserpflanzen, die sie nahe der Wasseroberfläche „abweiden“. Diese behäbige Lebensweise macht sie allerdings zur leichten Beute für Jäger, die besonderes Interesse am Fleisch, Fett und der Tierhaut haben. Neben Wilderern bedrohen die steigende Verschmutzung der Gewässer, die Rodung der Amazonasregenwälder und der zunehmende Schiffsverkehr den Lebensraum der Amazonas-Manatis. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft den Amazonas-Manati (Trichechus inunguis) als gefährdet ein und in Peru ist er eine geschützte Art.

Tierzählung in trüben Amazonasgewässern

Yaguas (A. Baertschi)
Unterwegs in Yaguas, der Heimat von Riesenottern, Flussdelfinen und Amazonas-Manatis.
Nach der Gründung des Yaguas-Nationalparks im Jahr 2018 wurde Claus García, unser Projektleiter vor Ort, während einer Veranstaltung über Yaguas gefragt, ob Amazonas-Manatis im Nationalpark vorkämen. „Das wissen wir nicht“, musste Claus gestehen. Er erklärte, dass aus den angrenzenden lokalen Gemeinden von Seekühen berichtet worden war, es aber keine Aufzeichnungen oder Beweise dafür gäbe. Mit dem Vorsatz, diese Frage zukünftig richtig beantworten zu können, schickte das peruanische ZGF-Team die Biologin Cynthia Díaz Córdova zusammen mit den beiden Parkrangern Joel Sánchez Gonzales und Amador Pérez Tuanama nach Yaguas, um Tierzählungen durchzuführen und festzustellen, wie es um die Manatis im Park steht.
Die drei sollten herausfinden, ob und wenn ja, wie viele Manatis in den Gewässern von Yaguas leben und ein Monitoring für die Seekühe dort aufbauen. Ein kontinuierliches Wildtiermonitoring gibt uns dank der jährlichen Zählungen die Möglichkeit, eine Zunahme oder Abnahme der Populationsgrößen festzustellen und auf dieser Grundlage wichtige Entscheidungen zum Schutz der Tiere zu treffen.
Cynthia, Joel und Amador saßen also über Tage jeweils stundenlang auf einem kleinen Schlauchboot, kämpften mit Millionen von Stechmücken, brütender Hitze und plötzlichen Regengüssen. Im feuchtwarmen, weitläufigen Amazonasgebiet ist so ein Monitoring viel aufwendiger als man sich das vorstellt. Mit Stillsitzen und auf die Tiere warten, ist es nicht getan. Denn gerade bei der Zählung von Manatis macht es das trübe, undurchsichtige Wasser besonders schwer, die Tiere wortwörtlich „im Auge zu behalten“. Die Manatis tauchen normalerweise jede Minute zum Atmen auf, können aber auch bis zu 15 Minuten unter Wasser bleiben. Mithilfe eines Sonars, das Schallwellen aussendet, um Objekte oder Körper zu orten, können die Seekühe jedoch auch unter Wasser aufgespürt werden. Das Gerät wird am Boot befestigt und dann bewegt man sich sehr langsam auf dem Fluss vorwärts. „Das Sonar kann nur dann Bilder generieren, wenn das Boot in Bewegung ist. Sobald wir anhalten, entstehen keine Bilder mehr“, berichtet Cynthia. Auf dem Bildschirm werden die Muster der empfangenen Schallwellen sichtbar gemacht und so lässt sich der Körper eines Manatis, ebenso wie Fischschwärme, erkennen.

Acht Manatis, aber keine Fressplätze

Manati Sonar.png
Unterwasser-Sonarbild mit einem Manati.
Mit einem Motorboot und einem Schlauchboot war unser Forschungsteam bei der ersten Zählung im letzten Jahr insgesamt vier Tage lang von früh bis spät unterwegs und legte 78 Flusskilometer zurück. Und das hat sich gelohnt: Sieben Manatis wurden vom Sonar registriert. Ein halbes Jahr später, im März 2019, wurden die Untersuchungen wiederholt und diesmal sogar acht Amazonas- Manatis nachgewiesen.

Die positive Überraschung warf gleichzeitig spannende Fragen auf, denn es wurden bisher keine typischen Fressplätze gefunden, an denen die bekannten Lieblingswasserpflanzen der Manatis vorkommen. Hierfür kann es laut Cynthia drei mögliche Erklärungen geben. Es wäre denkbar, dass sich die Fressplätze in den Nebenflüssen, den Altarmen und Lagunen befinden, die für ein Boot unzugänglich sind und daher noch nicht entdeckt wurden. Die zweite Möglichkeit wäre, dass sich die Manatis dem Yaguas-Flusssystem angepasst haben, indem sie sich von Früchten und Pflanzen ernähren, die als Nahrung für die Art bisher noch nicht bekannt sind. Als Letztes ziehen unsere Kollegen in Erwägung, dass sich die Fressstellen außerhalb des Nationalparks befinden könnten, denn es ist bekannt, dass Amazonas- Manatis lange saisonale Wanderungen unternehmen und auch viele Monate ohne Nahrung auskommen.
Mit der großzügigen finanziellen Unterstützung von zwei ZGF-Mitgliedern konnten ein modernes und robustes Schlauchboot sowie ein besseres Sonargerät gekauft werden. Wir hoffen daher, beim nächsten Monitoringeinsatz mit dem neuen Sonar mehr Manatis zu finden. Mit ortskundigen Rangern könnte es uns gelingen, mögliche Fressplätze zu identifizieren und so Antworten auf die offenen Fragen zu bekommen. Wir wollen herausfinden, ob der Yaguas-Nationalpark ein wichtiger Lebensraum für die gefährdeten Amazonas-Manatis ist und welche Maßnahmen getroffen werden können, um diese Seekühe besser zu schützen. Mit finanzieller Unterstützung der Schweizer Fondation Segré und gemeinsam mit Partnerorganisationen vor Ort setzt sich die ZGF für den Schutz dieses Parks ein.

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