Wie zählt man eigentlich Tiger?

Dichter Regenwald, es ist schwül und heiß. Ein Hügel reiht sich an den nächsten. Hügel heißt auf Indonesisch Bukit und weil es hier so viele davon gibt, heißt der Nationalpark, in dem wir uns befinden, Bukit Tiga Puluh – oder „30 Hügel“. Und über diese wandert das Team um ZGF-Mitarbeiterin Eny Wahyu Lestari. Hunderte Kilometer bewegen sie sich durch das Gelände, um kleine Kästen zu erreichen: Kamerafallen.

Text von Kasia Janik und Marco Dinter, 24.03.21

Naturschützerinnen und Naturschützer müssen wissen, welche Tierarten in den Schutzgebieten vorkommen. Auch wie viele von ihnen und wo. Dafür suchen sie nach Tierkot und ordnen ihn der Tierart zu. Sie zählen Tiere, die sie sehen können, oder sie nehmen Geräusche auf, um Arten zu identifizieren. Manchmal werden Fallen genutzt, um kleinere Tiere zu fangen und zu bestimmen.   

Eine weitere Möglichkeit sind Kamerafallen. Kamerafallen fangen die Tiere nicht – auch wenn der Name es nahelegt. Sie machen Fotos und Videos von Wildtieren. „Das ist stressfreier für die Tiere und führt in vielen Fällen zu mehr Ergebnissen und verlässlicheren, vielfältigeren Informationen“, sagt Eny Wahyu Lestari. Sie ist die Koordinatorin der Ecosystem Monitoring Unit (EMU). Dieses Team ist Teil des ZGF-Landschaftsschutzprogramms in Bukit Tiga Puluh auf der indonesischen Insel Sumatra.

Seit 2017 arbeitet Eny in Bukit Tiga Puluh mit Kamerafallen und führt seit 2019 ein zehnköpfiges Rangerteam. Im Interview erklärt sie uns, wie und warum ihr Team Kamerafallen nutzt.

Hallo Eny. Was ist deine Aufgabe bei der ZGF?

Mein Job ist es, zwei Teams zu managen: Das Kamerafallenteam, das die Wildtierbestände mit Kamerafallen überwacht, und die Patrouille, die in Bukit Tiga Puluh Wildereraktivitäten und andere Bedrohungen aufspürt.

Der Bukit-Tiga-Puluh-Nationalpark ist Teil des gleichnamigen Ökosystems. Zusammen mit seiner Pufferzone ist er so groß wie etwa 165.000 Fußballfelder. Weite Teile sind dichter und hügeliger Regenwald. Wie beobachtet dein Team die Tierarten in diesem riesigen Gebiet?

Naturschützerinnen und Naturschützer haben verschiedene Möglichkeiten, um die Tierarten in dem Gebiet zu dokumentieren, beispielsweise durch den Nachweis von Kot oder anderen Spuren eines Tieres. Oder die Mitarbeitenden wandern auf sogenannten Transekten durch den Park. Das heißt, sie durchlaufen das Gebiet entlang einer gedachten Linie und erfassen alle Tiere, die sie sehen. Diese Methode hat den Nachteil, dass nur Tiere erfasst werden können, den man mit eigenen Augen sieht. Außerdem kann diese Methode nur tagsüber ausgeführt werden und alle nachtaktiven Arten werden nicht erfasst.

Diese Probleme haben wir mit Kamerafallen nicht. Das sind spezialisierte Kameras, die an einem Pfosten oder einem Baum befestigt werden. Sie werden im Wald platziert und schalten sich automatisch ein, wenn ein Thermosensor oder ein Bewegungsmelder ausgelöst wird. Und sie können auch nachts mit unsichtbarem Infrarotblitzlicht aufnehmen.

Wie viele Kameras verwendet ihr in Bukit Tiga Puluh?

Im Moment haben wir etwa 40 Kameras dauerhaft in der Pufferzone des Nationalparks. Innerhalb eines Jahres bekommt mein Team so genug Material, um einen guten Eindruck zu bekommen, welche Tiere in diesem Gebiet leben. Im März 2021 wollen wir damit anfangen, auch innerhalb des Nationalparks Kameras anzubringen.

Wie oft müssen die Kamerafallen kontrolliert werden? Und wie schwierig ist das?

Die Geräte können theoretisch bis zu vier Monate im Feld bleiben. Dann müssen Batterien und Speicherkarte gewechselt werden. Aber wir überprüfen sie lieber alle zwei bis drei Monate. Denn wenn viele Tiere in einem Gebiet aktiv sind, können Batterie und Speicherplatz auch schneller aufgebraucht sein. Das wollen wir vermeiden.

Das Überprüfen der Kamerafallen ist unkompliziert, ähnlich wie bei einer normalen Kamera. Aber es kostet einiges an körperlicher Ausdauer, um zu ihnen zu gelangen. Im Grunde wandert unser Team jedes Mal bis zu 100 Kilometer durch dichten und hügeligen Regenwald. Das Wetter kann wechselhaft sein und die Kameras sind dort aufgestellt, wo die Tiere sind: in abgelegenen Gebieten. Zusätzlich müssen wir unsere schwere Ausrüstung tragen und genug Vorräte, um damit mehrere Wochen auszukommen.

Woher wisst ihr, wo ihr die Kameras anbringen müsst?

Wir suchen Tierpfade und folgen ihnen, um die besten Aufnahmepositionen zu finden. Wenn wir auf eine Lichtung kommen, befestigen wir die Kamera an einem Baum. Manchmal platzieren wir die Kameras auch in Metallkäfigen. Das ist vor allem wichtig, wenn wir damit Elefanten aufnehmen. Die sind neugierig und spielen sonst mit unseren Geräten.

Der Sumatra-Tiger ist eine Art, die noch etwas Zusatzarbeit erfordert. Für die Tiger befestigen wir zwei Kameras gegenüber voneinander, um das Streifenmuster aufzunehmen. Das ist ein einzigartiges Merkmal, das wir zur Identifizierung der Tiere nutzen. So wissen wir, dass wir seit 2013 schon 34 ausgewachsene Tiger und fünf Jungtiere fotografiert haben. Eins dieser Tiere war ein verletztes Weibchen, das wir über die Jahre mehrere Male aufgenommen haben. Sie hatte Probleme mit einem Bein. Wir dachten, sie würde sterben. Aber sie hat überlebt und die Kameras konnten es beweisen!

Wie viel Zeit braucht ihr, um die Bilder auszuwerten?

Die Analyse der Kameradaten ist zeitaufwendig. Wir müssen jedes Bild betrachten und auf jeder Aufnahme die Tierarten bestimmen. Bisher haben wir 34 verschiedene Arten mit den Kameras dokumentiert. Wie viel Zeit wir für die Auswertung einer einzelnen Kamera brauchen, ist unterschiedlich. Es kommt darauf an, wie viele Bilder und Videos die Kamera aufgenommen hat. Also wie viele Tiere in dem Gebiet waren, wie leicht es ist, die Tiere zu identifizieren und welche Kameraeinstellungen wir benutzt haben. Es kann zwischen einer Woche bis zu einem Monat dauern, die Fotos auszuwerten und sie in der Datenbank abzulegen.

Die meisten Teammitglieder haben mehr als fünf Jahre Erfahrung mit Kamerafallen und Artbestimmung und sie sind schnell darin, einzelne Tiere zu identifizieren. Und wir trainieren kontinuierlich. Manchmal, wenn wir Zeit haben, zeige ich ihnen zufällige Bilder von Tieren und sie müssen die Art erkennen. Oft klappt das ohne Probleme! Das macht mich sehr stolz.

In das Aufstellen der Kameras, die Kontrollen und die Analyse der Daten wird viel Zeit investiert. Ist es das wert?

Ja, auf jeden Fall! Im Vergleich zu anderen Methoden geben uns die Kamerafallen den besten Eindruck von dem Gebiet, das wir untersuchen. Es ist kein perfektes Werkzeug, da es viel Wartung benötigt und die Auswertung lange dauert. Außerdem können die Kameras von Wildtieren oder durch Vandalismus zerstört werden. Aber im Ganzen leisten die Kameras einen großen Beitrag zu dem Wissen über die Tiere in unserem Gebiet : Ob die Arten in den Bereichen vorkommen, wo die Kameras aufgestellt wurden, wie die Tiere sich verhalten, Details über Bedrohungen für Tierwelt und Ökosysteme.  

Vor ein paar Jahren haben wir zum Beispiel Tiere aufgenommen, die Verletzungen hatten oder deren Gliedmaßen verformt waren. Dafür verantwortlich waren mit hoher Wahrscheinlichkeit Schlingenfallen, die von Wilderern ausgelegt wurden. Solche Verletzungen gab es bei Wildschweinen, Malaienbären, Sumatra-Tigern und vielen anderen Tieren. Es war traurig anzusehen. Basierend auf diesen Entdeckungen konnten wir unsere Patrouillen in den Gebieten verstärken, in denen wir Fallen vermuteten. So konnten wir uns darauf konzentrieren, die Schlingfallen zu finden und unschädlich zu machen.

Mit den Bildern aus den Kamerafallen haben wir ein Buch zusammengestellt, das die Tierwelt in Bukit Tiga Puluh beschreibt. Dieses Buch ist auf Englisch und in Indonesisch erschienen. Dadurch kann es von vielen genutzt werden. Von den Bewohnern im Umland von Bukit Tiga Puluh, Besuchern des Nationalparks, aber auch politischen Entscheidern, die zum Beispiel über die Vergrößerung des Schutzgebietes beraten. Wir haben auch zahlreiche Kamerafallen-Videos auf YouTube gestellt.

Danke für deine Zeit, Eny!

Info: Ökologisches Monitoring

Die Grundlage für jede Naturschutzarbeit ist zu wissen, welche Pflanzen- und Tierarten in einem Gebiet vorkommen. Nur so kann man Entwicklungen in einem Ökosystem genau untersuchen und bewerten, ob Naturschutzmaßnahmen funktionieren. Diese Arbeit nennt sich „Ökologisches Monitoring“ und wird in allen ZGF-Gebieten durchgeführt. Je nachdem, welche Art man beobachtet und was genau man erfahren möchte, unterscheiden sich die Methoden. Ein paar werden hier erklärt:

Kotproben: Manche Tierarten setzen Kot ab, der für die Art sehr typisch ist. Wenn man diesen im Untersuchungsgebiet findet, kann man das Vorkommen einiger Arten gut belegen.

Genetische Methoden: Wenn man Kot oder andere Proben, zum Beispiel Haare, findet, kann man diese auch genetisch untersuchen. Hierfür isoliert man das Erbgut des Tieres aus der Probe. Im Erbgut sind viele Informationen enthalten, zum Beispiel Art und Geschlecht des Tieres. Mithilfe des „genetischen Fingerabdrucks“ lassen sich sogar Individuen unterscheiden. Je nach Gelände ist das Auffinden solcher Proben jedoch schwierig und die dazugehörige Analyse im Labor ist teuer.

Transektmethode: Bei der Transektmethode schreiten die Zählenden eine gedachte Linie durch das Gebiet ab. Sie notieren die Anzahl der Tiere, die sie sehen, und die Entfernung zu ihnen. Mit mathematischen Modellen lässt sich hieraus eine Gesamtdichte für das Gebiet ableiten. Wie im Interview erwähnt, ist diese Methode im dichten Regenwald aber schwierig umzusetzen. Außerdem eignet sie sich nur für wenig scheue und tagaktive Tiere.

Flugzeugzählungen: Die ZGF-Teams in der Serengeti nutzen eine Methode, die der Transektmethode sehr ähnlich ist. Um die großen Herden von Gnus, Zebras und Antilopen in der Savanne zu zählen, überfliegen sie die Tiere mit einem Flugzeug. Auch hier werden festgelegte Transekte abgeflogen und die Anzahl der Tiere hochgerechnet.

Rückfangmethode: Diese Methode eignet sich für kleinere Arten. Man fängt die Tiere mit Fallen oder per Hand (zum Beispiel bei Libellen), zählt und markiert sie. Anschließend werden sie wieder frei gelassen. Nach einem gewissen Zeitraum fängt man erneut die gleiche Anzahl Tiere. Durch das Verhältnis von markierten zu unmarkierten Tieren im zweiten Durchgang kann man die gesamte Größe der Population schätzen.

Schlafnester: Bei der Zählung von Menschenaffen nutzt man ebenfalls die Transektmethode. Hier zählt man jedoch nicht die Tiere, die für gewöhnlich vor dem Menschen fliehen. Stattdessen schaut man nach den Schlafnestern, die alle Menschenaffen jeden Abend neu bauen. Hierbei muss man jedoch beachten, dass auch ältere Schlafnester noch sichtbar sind und die Schätzung mathematisch korrigieren.

Akustische Methoden: Einige Tiere zeigen durch akustische Signale, wo sie sich aufhalten. Am bekanntesten ist das bei Vögeln. Geübte Lauscher können anhand ihres Gesangs nicht nur die Art erkennen, sondern auch verschiedene Individuen unterscheiden.

Kamerafallen: Die Vorteile von Kamerafallen sind vielfältig. Arten können sicher identifiziert werden und sie eignen sich auch für scheue und nachtaktive Arten. Jedoch erfassen Kamerafallen nur größere Tiere. Kleinsäuger, Fledermäuse und viele andere Tiere können nicht aufgenommen werden. Außerdem ist diese Methode sehr zeitaufwendig.