„Wir müssen dafür sorgen, dass die Finanzierung von Schutzgebieten nachhaltiger wird“

Wegen der Covid-Pandemie bleiben viele Menschen zu Hause. Dadurch fehlen Schutzgebieten wichtige Einnahmen aus dem Tourismus. ZGF-Geschäftsführer Dr. Christof Schenck fordert, die Finanzierung der Schutzgebiete besser gegen solche Krisen abzusichern.

Interview von Kasia Janik, 07. Juli 2020

Welche Verbindung besteht zwischen Biodiversität und Pandemien?

Christof Schenck: Schon vor COVID-19 wussten Wissenschaftler, dass es eine Verbindung gibt zwischen der Zerstörung von Lebensräumen und einem Anstieg von Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden, sogenannten Zoonosen. In gesunden Ökosystemen gibt es sehr viele Arten und sie sind unterschiedlich stark immun. Wenn wir die Artenvielfalt reduzieren, zum Beispiel indem wir Lebensräume zerstören, dann wird es wahrscheinlicher, dass Krankheiten sich ausbreiten. Denn Arten, die als eine Art „Blocker“ hätten dienen können, gibt es dann nicht mehr. Das ist einer der Gründe, warum es so wichtig ist, dass wir intakte Ökosysteme erhalten und Wildtiere schützen – um uns selbst vor künftigen Pandemien zu schützen.

Welche Folgen hat das Virus für die Projekte der ZGF?

Christof Schenck: Das Virus wirkt sich auf alles aus, was wir tun. Viele Schutzgebiete, gerade in Afrika, sind massiv von den Einnahmen aus dem Tourismus abhängig. Doch aufgrund von COVID-19 gibt es in vielen Ländern momentan keinen Tourismus mehr, die Einnahmen entfallen komplett. Und die Schutzgebiete können sich die Kosten für Monitoring, für Anti-Wilderei-Projekte oder für das Arbeitsmaterial der Ranger kaum mehr leisten. Und auch private Geber und die Regierungen haben weniger Geld zur Verfügung, mit dem sie den Naturschutz unterstützen könnten. Die Folgen dieser Verschlechterung bei der Finanzierung sind nicht kurzfristig, sondern werden sich wohl viele Jahre lang auf die Schutzgebiete auswirken.
Christof Schenck Das Virus wirkt sich auf alles aus, was wir tun. Viele Schutzgebiete, gerade in Afrika, sind massiv von den Einnahmen aus dem Tourismus abhängig. Christof Schenck

Kennen wir das Ausmaß dieser Folgen auf Naturschutzgebiete?

Christof Schenck: Nicht sehr genau. Wir hören zwar davon, dass Wilderei und die Jagd mit Drahtschlingen in Afrika zugenommen haben während der Pandemie, aber wir brauchen konkrete Zahlen. Darum haben wir, die ZGF, eine sogenannte COVID-19 Impact Study initiiert. Gemeinsam mit anderen Organisationen wollen wir mit dieser Studie die Auswirkungen der Pandemie auf das Management von Schutzgebieten so konkret wie möglich erfassen. Die Ergebnisse sollen uns zeigen, wie wir unsere Unterstützung für Schutzgebiete zukünftig gestalten können.

Gibt es noch weitere Auswirkungen der Pandemie?

Christof Schenck: Es gibt auch ein paar positive Effekte, die die Pandemie ausgelöst hat. Die CO2-Emmissionen zum Beispiel haben abgenommen, weil die Menschen nicht mehr reisen und einige Tiere profitieren davon, dass es keine Touristen gibt. Und COVID-19 regt uns dazu an, über die Zukunft nachzudenken und wie wir sicherstellen können, dass Schutzgebiete nachhaltiger finanziert werden.

Wie könnte eine nachhaltige Finanzierung denn aussehen?

Christof Schenck: Im Moment sammeln wir Spenden mit unserer Kampagne Mission Possible. Damit wollen wir helfen, die finanziellen Einbußen in den ZGF-Projektgebieten zu mindern, die ich gerade erwähnt hatte. Vor allem in Afrika sind die Verluste riesig. Aber wir müssen vorausplanen und hier denken wir an einen dreigliedrigen Ansatz:

Wenn eine Katastrophe eintritt, müssen wir als erstes die Grundversorgung sicherstellen. Dafür müssen wir vor dem Ernstfall einen „Notfalltopf“ einrichten, der ein Schutzgebiet übergangsweise finanziell sichert.

Dann müssen wir über Verwaltungskosten nachdenken: Das wäre über eine Initiative möglich, die sich gerade im Aufbau befindet, den sogenannten Legacy Landscapes Fonds. Dieser Fonds wird vom Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit und der KfW Entwicklungsbank gemeinsam mit mehreren großen Partnern, z. B. dem UNESCO-Welterbezentrum, der Internationalen Naturschutzunion IUCN, dem WWF, der ZGF und vielen anderen, entwickelt. Das Geld soll aus öffentlichen und philanthropischen Quellen stammen und sicherstellen, dass Gebiete mit großer biologischer Vielfalt langfristig verwaltet werden können. Ziel ist es, auf lange Sicht pro Gebiet und Jahr eine signifikante Summe zur Verfügung zu stellen, damit die Arbeit weitergehen kann, was auch immer geschieht.   

Und ich fände es wichtig, dass wir sowas wie eine „Schutzgebietsversicherung“ einrichten, die sich um die Regulierung von Katastrophen – etwa Bränden – kümmern könnte.

Wenn solche Finanzierungsmodelle sinnvoll ineinandergreifen, dann könnten wir verhindern, dass sich Krisen so katastrophal auf Schutzgebiete auswirken wie wir es zurzeit erleben.

Was können Privatleute tun, damit es solche Krisen in der Zukunft nicht mehr gibt?

Christof Schenck: Wenn wir alle langfristig überleben wollen, mit denselben Lebensbedingungen, an die wir angepasst sind, dann müssen wir jetzt schleunigst aufwachen. Jeder Mensch kann eine Menge tun: Politiker wählen, die wissen, dass Naturschutz wichtig ist. Entscheidungen hinterfragen, die wir jeden Tag treffen, zum Beispiel, ob wir das Auto nehmen oder lieber den öffentlichen Nahverkehr. Weitersagen das die Natur geschützt werden muss. Spenden, über die eigenen Investments nachdenken und entscheiden, wo das eigene Erbe einmal gut aufgehoben sein wird. Jeder einzelne von uns hat Möglichkeiten, etwas zu bewirken.