Nsumbu - ein fast vergessenes Afrikanisches Wildnisgebiet

Seit 2017 betreibt die ZGF das Nsumbu-Tanganjika-Schutzprojekt im Norden Sambias, um ein besonders vielfältiges Wildnisgebiet zu erhalten.

Von Katharina Hensen

„Hast du schon mal von Nsumbu gehört?“, frage ich meinen Vater am Telefon. Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Meinst du diesen Fitness-Trend mit Samba-Musik?“ „Nicht Zumba! NSUMBU.“

Nsumbu elephants
Elefanten am Tanganjikasee ©Craig Zytkow

Mein Vater liest täglich die Zeitung und die Tagesschau ist ein fester Bestandteil seines Tages. Aber von Nsumbu hört er heute offensichtlich zum ersten Mal. Damit ist er laut Craig Zytkow, ZGF-Projektleiter des Nsumbu-Tanganjika-Schutzprojekts, kein Einzelfall. „Nsumbu ist meiner Erfahrung nach eine vergessene Gegend dieser Erde, von

der nur wenige Menschen gehört haben und deren globale Bedeutung völlig unbekannt ist.“ Craig Zytkow ist 39 Jahre alt, kam in Sambia zur Welt und hat fast sein ganzes Leben in Nsumbu verbracht. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen im Nsumbu-Nationalpark, ganz im Norden Sambias, an den Ufern des Tanganjikasees. Gerade ist er eine Woche lang zu Gast im ZGF-Büro in Frankfurt und erzählt lebhaft von seiner Arbeit. Viel Vorwissen in Sachen Nsumbu, das muss ich meinem Vater zugutehalten, haben auch ich und meine Kollegen nicht.

„Nsumbu ist außergewöhnlich vielfältig“, schwärmt Craig Zytkow. „Die Elefanten, die hier leben, sind die Überbleibsel einer einst viel größeren Population, die zwischen Sambia und dem Süden der Demokratischen Republik Kongo umherwanderte.“ Leider wurde die gesamte Population über Jahrzehnte hinweg durch Wilderei massiv dezimiert. Heute sind die Elefanten von Nsumbu die einzigen im Norden Sambias und im Süden der Demokratischen Republik Kongo und die einzigen am Ufer des Tanganjikasees. Nur hier kann man Elefanten beim Schwimmen im Tanganjikasee beobachten. „Es gibt viele Orte mit mehr Elefanten oder vielfältigeren Wäldern. Aber es gibt nur sehr wenige Orte, die wirklich von allem etwas haben. Und das ist es, was das Ökosystem so besonders macht: seine enorme

Vielfalt“, sagt Craig.

Außergewöhnlich vielfältig

Map Nsumbu
Das ZGF-Projekt Nsumbu-Tanganjika ist nicht nur im Nationalpark, sondern auch in den angrenzenden Wildschutzgebieten aktiv ©himmelbraun

2012 gründete Craig Zytkow die sambische Naturschutzorganisation „Conservation Lake Tanganyika“. 2017 wurde daraus das ZGFProjekt „Nsumbu-Tanganjika“. Es ist ein Kooperationsprojekt mit der sambischen Naturschutzbehörde DNPW (Department of National Parks and Wildlife) und verfolgt das Ziel, durch professionelles Schutzgebietsmanagement die große Vielfalt an Lebensräumen und Tierarten zu erhalten. Eine gut ausgebildete Rangertruppe leistet dabei einen entscheidenden Beitrag. Daher war in den beiden letzten Jahren einer der Projektschwerpunkte die Auswahl, das Training und die Ausrüstung von Rangern sowie die Einsatzplanung. Inzwischen patrouillieren 70 Ranger in 15 Teams kontinuierlich durch das Ökosystem. Unter anderem konfiszieren sie in den Dörfern selbstgebaute, illegale Schusswaffen und sammeln Schlingenfallen ein. Weil inzwischen dauerhaft Ranger in Nsumbu unterwegs sind, gibt es deutlich weniger Wilderei und die Elefantenpopulation erholt sich. „Wir sehen immer öfter Jungtiere und die Herden wirken weniger gestresst. Das zeigt uns, dass wir erfolgreich sind“, berichtet Craig Zytkow.


Da der Einsatz der Ranger die Sicherheitslage in Nsumbu verbessert hat, sollen in den nächsten Jahren einige Schlüsselarten wie Löwen oder Spitzmaulnashörner wiederangesiedelt werden, wie Craig Zytkow erläutert: „Einst gab es in Nsumbu eine gesunde Nashornpopulation. Aber jahrzehnte- und womöglich sogar jahrhundertelange Wilderei hat dazu geführt, dass Spitzmaulnashörner völlig verschwunden sind. 2020 werden wir mit den langwierigen Vorbereitungen für Wiederansiedlungen beginnen. Das ist sehr aufregend.“

Es gibt viel zu tun

Banded water cobra
Im Tanganjikasee lebt die gefährdete Gebänderte Wasserkobra (Naja annulata). Das charakteristische Bändermuster entwickelt sich erst im Alter von ein bis zwei Jahren ©©Craig Zytkow

Weitere Projektkomponenten sind unter anderem das Monitoring von Wildtieren mittels Kamerafallen und Senderhalsbändern, die Wartung von Fahrzeugen, die Entwicklung von Landnutzungsplänen und die Zusammenarbeit mit den Gemeinden, die an den Parkgrenzen leben. Craig Zytkow ist überzeugt davon, dass sie eine Schlüsselrolle beim Schutz von Nsumbu einnehmen: „Die Menschen, die hier leben, sind sehr arm. Sie verstehen sehr wohl, dass Naturschutz wichtig ist, aber trotzdem ist es manchmal nicht leicht, ihnen zu sagen, dass sie diesen Baum nicht fällen oder dieses Tier nicht jagen sollen. Die Gemeinden müssen unmittelbar vom Schutz Nsumbus profitieren. Und wir müssen das sicherstellen.“ Dafür sollen in den nächsten Jahren weitere COCOBA-Gruppen entstehen, sogenannte Community Conservation Banks, das sind Kleinstbanken, die von den Dorfbewohnern selbst verwaltet werden und es ihnen ermöglichen, kleine, umweltverträgliche Unternehmungen aufzubauen. Das Konzept ist bereits in anderen ZGF-Projekten in Afrika etabliert und erfolgreich. Und schon heute ist das Nsumbu-Tanganjika-Schutzprojekt nach der sambischen Naturschutzbehörde der zweitgrößte Arbeitgeber in der Region.

 

„Wir haben noch viel Arbeit vor uns“, betont Craig Zytkow. „Aber ich bin sehr stolz darauf, was wir bisher mit dem Nsumbu-Tanganjika-Schutzprojekt erreicht haben.“ Mein Vater hört aufmerksam zu, als ich ihm erzähle, was Craig uns an diesem Tag so mitreißend geschildert hat. „Nsumbu sagst du? Das merk ich mir.“