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Offener Brief an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Stoppen Sie das Artensterben und übernehmen Sie Verantwortung für die Bewahrung der Lebensgrundlagen jetziger und zukünftiger Generationen.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 

am 6. Mai 2019 hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) seinen Bericht zum globalen Zustand der Biologischen Vielfalt der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Dieser zeichnet ein erschreckendes und äußerst besorgniserregendes Bild von der Zukunftsfähigkeit der Lebensgrundlagen jetziger und zukünftiger Generationen, wenn nicht sofortige Entscheidungen undMaßnahmen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt national und international umgesetzt werden.

Es bestehen keine Zweifel mehr, dass sich die Menschheit aufgrund des fortschreitenden Klimawandels sowie des rasanten Verlustes der biologischen Vielfalt mit zwei existenziellen globalen Krisen konfrontiert sieht. Diese werden dramatisch wachsende wirtschaftliche, soziale und ökologische Folgen haben. So mahnt der Weltbiodiversitätsrat deutlicher als je zuvor, dass wir an einem kritischen Wendepunkt angelangt sind, der richtungsweisend für die Zukunft der Menschheit ist und macht deutlich, dass 80% der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und zentrale Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens nicht erreicht werden, wenn nicht wirksame Maßnahmen gegen den Verlust der Biologischen Vielfalt ergriffen werden. Die Politik ist jetzt gefordert, das Gemeinwohl jetziger und zukünftiger Generationen endlich und entschieden gegenüber Partikularinteressen durchzusetzen.

Der Bericht kommt auch einer Bankrotterklärung der bisherigen internationalen und nationalen Umweltpolitik gleich. Nach der offiziellen Annahme der Convention on Biological Diversity (CBD) am 22. Mai 1992 in Rio de Janeiro hat sich die Umweltsituation weiter dramatisch verschlechtert statt verbessert, wie völkerrechtlich vereinbart. Auch die aktuelle CBD Strategie und die deutsche nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt zeigen, dass die Mehrzahl der gesetzten Ziele verfehlt werden. Seit dem 6. Mai ist es unzweifelhaft, dass die bisher getroffenen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichen, um die Ursachen für den fortschreitenden Verlust an biologischer Vielfalt wirksam zu adressieren. Der Mensch ist verantwortlich für das sechste große Artensterben auf unserem Planeten - mit immer bedrohlicher werdenden Konsequenzen für die eigene Art.

Neben anderen Faktoren beruht diese ernüchternde Bilanz politisch auf zwei Tatsachen:

 

Die Zeit drängt! Vor dem Hintergrund des IPBES Berichts verbleibt nur ein enger Zeitrahmen, um sich in Vorbereitung auf die COP 15 der CBD im Oktober 2020 auf neue ehrgeizige Ziele zum Schutz der Biologischen Vielfalt bis 2030 zu einigen. Diese Ziele müssen die konsequente Umsetzung der Empfehlungen des Weltbiodiversitätsrates widerspiegeln.

Wir wenden uns anlässlich der am Dienstag nächster Woche stattfindenden „Ninth Trondheim Conference on Biodiversity“, auf der in Vorbereitung auf die COP 15 Lösungen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt diskutiert werden, an Sie als Bundeskanzlerin.

Als Reaktion auf IPBES Bericht erwarten wir von der deutschen Bundesregierung vorrangig

zwei Dinge:

Deutschland kommt wegen seiner Wirtschaftskraft und aufgrund der Tatsache, dass es auf der COP 15 die EU-Ratspräsidentschaft innehat, eine wichtige Führungsrolle zu. Für die Verabschiedung einer erfolgreichen CBD 2030 Strategie wird es daher entscheidend sein, dass die Bundesregierung dieser Rolle gerecht wird und sich unter Ihrer Führung:

Ihr persönliches Engagement und eine übergreifende Rolle des Kanzleramtes erachten wir als unabdingbar. Beides ist notwendig, um die Wichtigkeit und Dringlichkeit ambitionierter Ziele und Positionen zu unterstreichen und zu verhindern, dass diese unterschiedlichen ressortspezifischen Interessen und Streitigkeiten zum Opfer fallen.

 

Frau Bundeskanzlerin, Sie persönlich haben bereits in kritischen Momenten der Umweltpolitik – wie nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima – unter Beweis gestellt, dass Sie wegweisende und einschneidende Maßnahmen und Entscheidungen auf den Weg bringen können, wenn das Wohl und die Sicherheit jetziger und zukünftiger Generationen auf dem Spiel stehen. Solch ein verantwortungsvolles Handeln ist jetzt wichtiger und dringender als je zuvor.

 

Wir fordern Sie auf: Zeigen Sie Entschlossenheit und Durchsetzungswillen, werden Sie aktiv gegen das Artensterben und für die Bewahrung der Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger Generationen! Sorgen Sie dafür, dass die notwendigen Entscheidungen getroffen werden, statt sich Mutlosigkeit und Versagen bei einem der zentralen Zukunftsthemen nachsagen lassen müssen.

Frau Bundeskanzlerin, sorgen Sie insbesondere dafür, dass bis Ende 2030:

Hochachtungsvoll

Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Prof. Dr. Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin

Prof. Dr. Volker Mosbrugger, Generaldirektor des Forschungsinstituts und

Naturkundemuseums Senckenberg, Frankfurt am Main

Dr. Georg Schwede, Representative Europe, Campaign for Nature