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Es wird enger in der Serengeti

Eine neue wissenschaftliche Publikation zeigt: selbst riesige Schutzgebiete sind nicht vor dem gefeit, was außerhalb ihrer Grenzen passiert.

Es wird eng auf unserem Planeten. 7,63 Milliarden Menschen leben zurzeit auf unserem Globus und aktuell kommen Jahr für Jahr 78 Millionen hinzu, wie die UNO prophezeit. Allein auf dem afrikanischen Kontinent wird bis 2050 eine Milliarde Menschen mehr leben. Tausend Millionen Menschen mehr. All diese Menschen werden Ressourcen benötigen: sauberes Trinkwasser, Agrarflächen, Siedlungsflächen, Straßen und Infrastruktur. Der Konflikt um Naturräume, die noch das bieten, was wir zum Leben brauchen, wird wachsen.   

 

Tansania hat 16 Nationalparks und zahlreiche Schutzgebiete mit unterschiedlichen Schutz- und Nutzungskonzepten, 35,5 Prozent der Landesfläche stehen seit 2017 unter Schutz. Dass aber auch diese Schutzgebiete keine Inseln sind, die vom enorm steigenden Ressourcenverbrauch in ihrem Umfeld unbeeinflusst bleiben, das hat jetzt eine Gruppe von internationalen Wissenschaftlern am Beispiel des Serengeti-Mara-Ökosystems in Tansania und Kenia deutlich gezeigt. Hauptautor Michiel Veldhuis von der Universität im niederländischen Groningen und seine Kollegen haben Daten aus vier Jahrzehnten ausgewertet. In ihrem am 29. März erschienenen Beitrag im Wissenschaftsmagazin Science (Band 363, Seite 1424) zeigen sie, dass selbst das mit 40.000 Quadratkilometer riesige Serengeti-Mara-Ökosystem nicht unbeeinflusst bleibt von dem, was außerhalb seiner Grenzen vorgeht. „Unsere Arbeit zeigt, dass der Einfluss von Menschen genauso ernsthaft berücksichtigt werden muss wie die wesentlich besser bekannten Faktoren Klimawandel und Wilderei“, sagt Dr. Colin Beale von der Universität in York, einer der Autoren. 

Immer mehr Menschen siedeln am Rande der Schutzgebiete

 

Das Serengeti-Mara-Ökosystem besteht aus einem Verbund an geschützten Gebieten, mit dem berühmten Serengeti Nationalpark im Zentrum. Außerhalb der Schutzgebiete siedeln immer mehr Menschen, zwischen 1999 und 2012 wuchs die Bevölkerung laut Veldhuis und Kollegen um durchschnittlich 2,4 pro Jahr. Innerhalb von 13 Jahren ist die Bevölkerung somit um ein Drittel angestiegen. Unter anderem auch deswegen, weil Menschen aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten dank des Tourismus in den Schutzgebieten, zuwanderten.  

 

Wo mehr Menschen leben, weidet jedoch auch immer mehr Nutzvieh und werden immer mehr landwirtschaftliche Flächen angelegt. Die Rinderherden rund um die Serengeti wuchsen im Schnitt um 0,9 Prozent, Schafe und Ziegen sogar um 3,8 Prozent pro Jahr. Und während 1984 erst auf 37 Prozent der Fläche Getreide und Gemüse angebaut wurden, waren es 2018 bereits 54 Prozent. 

 

All das geht nicht spurlos am Serengeti-Ökosystem vorbei. Der immense Druck an den Rändern hat mittlerweile sichtbare und messbare Effekte selbst auf die Tier- und Pflanzenwelt im Zentrum des Nationalparks, weit entfernt von Äckern und Rinderherden. Auch wenn die Savanne in der Serengeti für uns riesig und fast unendlich scheint, werden die wandernden Tiere förmlich „eingequetscht“ in den limitierten Raum. Veldhuis und Kollegen zeigen, dass sogenannte räumliche Kaskadeneffekte dazu beitragen, das Ökosystem selbst in seinem am besten geschützten Zentrum deutlich zu schwächen. Zwar ist die Anzahl Gnus, Zebras und Antilopen über die letzten Jahrzehnte sehr stabil geblieben und die Population ist gesund, doch die Wanderung der großen Herden in der Serengeti hat sich aufgrund des Drucks außerhalb der Parkgrenzen verändert.

 

Mit den veränderten Tierbewegungen haben sich auch andere Parameter des Ökosystems geändert: Pflanzengesellschaften, Feuer, der Boden, sogar die Mykorrhiza, also die Lebensgemeinschaften von Pilzen in den Wurzeln von Pflanzen. Der treibende Faktor für diesen Effekt ist, dass die Tiere gezwungen sind in Gebiete zu wandern, die eine schlechtere Lebensraumqualität für sie aufweisen. Selbst in so riesigen und gut geschützten Gebieten wie der Serengeti sehen wir, dass das was außerhalb passiert, einen Einfluss auf das System hat.

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Kühe grasen verbotenerweise im Schutzgebiet Ikorongo Game Reserve, einem Teil des Serengeti Ökosystems.

Schutzgebiete sorgen dafür, dass Flüsse sauberes Wasser liefern, dass Wälder und Böden Wasser speichern. 

 

Einfluss auf das System heißt beispielsweise, die Böden sind nicht mehr in der Lage die gleiche Menge Kohlendioxyd oder Nährstoffe zu speichern und die Fähigkeit Niederschläge aufzunehmen sinkt. Kurzum, das gesamte System ist weniger belastbar. Michiel Veldhuis von der Universität Groningen sagt dazu: „Wir müssen dringend umdenken, wie wir mit den Grenzen von Schutzgebieten umgehen, um die biologische Vielfalt zu erhalten. Die Zukunft der wichtigsten Schutzgebiete der Welt und der mit ihnen verbundenen Menschen hängt davon ab.“     

 

Menschen, die angrenzend an Schutzgebiete leben, profitieren von deren sogenannten „Ökosystemleistungen“, das heisst, dass Flüsse sauberes Wasser liefern, dass Wälder dank ihres Mikroklimas Dürre auf den Feldern verhindern. Der Druck und die Versuchung ist groß, in die Schutzgebiete hineinzudrängen, und unmittelbar von ihren Ressourcen zu profitieren. Die große Herausforderung wird darin bestehen, den Menschen aber auch den zuständigen Regierungen immer wieder klar zu machen, dass eine Ausbeutung der im Schutzgebiet liegenden Ressourcen die natürliche Lebensgrundlage der kommenden Generationen unwiederbringlich zerstört. Dass eine derartige Ausbeutung den Ast absägt, auf dem die Menschen sitzen. 

 

Für Dr. Simon Mduma, den Direktor des Tanzania Wildlife Research Institute kommt die Studie gerade recht. „Die Ergebnisse kommen zur rechten Zeit, denn die tansanische Regierung unternimmt jetzt wichtige Schritte, um das Thema anzugehen“, sagt Mduma. Die Publikation liefere die wissenschaftliche Grundlage zu den weitreichenden Konsequenzen des Bevölkerungsdrucks im Serengeti-Mara Ökosytem, Informationen, die die politisch Verantwortlichen dringend brauchten.

 

Naturschutz braucht Kontrolle - sonst verlieren alle

 

Die Autoren der Studie betonen die Notwendigkeit einer guten Landnutzungsplanung um die Schutzgebiete herum, einer Verringerung des Weidedrucks durch Vieh und Ackerbau sowie einen noch besseren Schutz der Kerngebiete. „Das ist genau das, was wir mit unseren Projekten um die Serengeti herum vorantreiben“, sagt Michael Thompson vom Büro der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt in Arusha (Tansania). „Gemeinsam mit den Gemeinden versuchen wir eine nachhaltige Landnutzung zu entwickeln, die die natürlichen Ressourcen schont. Gleichzeitig stärken wir den Nationalpark mit Ausrüstung und Knowhow, damit er in der Lage ist, seine Grenzen gegen illegales Eindringen zu verteidigen.“ In der Serengeti ist an vielen Stellen zu beobachten, wie Kühe und Ziegen in den Park getrieben werden und der Vegetation gewaltig zusetzten. Doch ein Schutzgebiet ist weder Selbstbedienungsladen noch ein reines Refugium für seltene Tiere. Es ist die Absicherung der Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort. Naturschutz braucht daher auch konsequente Kontrolle. Sonst verlieren am Ende alle.      


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