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Daniel und Goliath: Auf Tuchfühlung mit Guyanas Tierwelt

Daniel Rosengren ist Naturfotograf. Im Februar 2017 war er zum ersten Mal in Guyana, um die Arbeit der ZGF fotografisch zu dokumentieren.

Von Daniel Rosengren

 

Bevor ich in ein Land reise, in dem ich noch nie war, lese ich mich ein und informiere mich, welche Tiere ich dort sehen könnte. Guyana, das stellte sich schnell heraus, hat eine Menge spektakulärer Tierarten: schöne, beeindruckende und sonderbare. Ich wollte mir aber nicht allzu große Hoffnungen machen, schließlich weiß ich aus Erfahrung, dass in einem Regenwald die Artenvielfalt zwar unglaublich groß ist, dass sich die vielen Arten dort aber auch ziemlich gut verstecken können und man die meisten von ihnen nie zu Gesicht bekommt.

Gleich nach meiner Ankunft, auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Georgetown, entdeckte ich etwas Rotes vor den dunklen Wolken am Himmel: ein Scharlachsichler, ein Vogel, so intensiv rot, dass es in den Augen fast wehtat. Kaum angekommen, hatte ich schon eine der Tierarten gesehen, auf die ich gehofft hatte!

Eine meiner Aufgaben in Guyana war es, die Anzeichen illegaler Goldgewinnung im Kaieteur Nationalpark zu dokumentieren. Die Schutzgebietsverwaltung Protected Areas Commission (PAC), eine der wichtigsten Partnerorganisationen der ZGF in Guyana, leitete diese Mission. Ich wurde also auf den Rücksitz einer kleinen Cessna verfrachtet, der Pilot montierte die Türen ab, damit ich freie Sicht hatte, und dann ging es los.

Spektakuläre Wasserfälle und unerforschte Steilwände

Schnell wurde mir klar, dass Guyana ein Land mit sehr wenigen Einwohnern ist. Schon kurz nachdem wir Georgetown verlassen hatten, flogen wir über das schier endlose Kronendach des Regenwalds. Anzeichen für menschliche Besiedlung gab es so gut wie keine mehr. Nur 726.000 Menschen leben in Guyana und das auf einer Fläche, die nur etwa um ein Drittel kleiner ist als Deutschland. Das sind 3,5 Einwohner pro Quadratkilometer. Deutschland ist mit 588 Einwohnern pro Quadratkilometer 168-mal so dicht besiedelt.

Meine Schnürsenkel flatterten im Wind, denn mein Fuß war nur zur Hälfte im Flugzeug. Der Innenraum schien nur noch von transparentem Klebeband zusammengehalten zu werden und mein Sicherheitsgurt machte seinem Namen keine Ehre. Ich musste ihn immer wieder festzurren. Eine gute Stunde später tat sich plötzlich das Paradies unter mir auf. Ich wusste zwar, was kommen würde und doch war ich in keinster Weise auf diesen Anblick vorbereitet.

Genau unter mir sah ich die Kaieteur Falls. Sie gehören ganz sicher zu den beeindruckendsten Wasserfällen der Erde. Tatsächlich gibt es keinen Wasserfall, der so hoch ist und so viel Wasser führt. Mit 226 Metern sind die Kaieteur Falls fast fünfmal so hoch wie die Niagarafälle und mehr als doppelt so hoch wie die Victoria Falls. Die Kulisse ist überwältigend, das Wasser schießt über eine riesige steinerne Klippe hinab in den dichten Regenwald. An den Seiten des Wasservorhangs kann man die dunkle Höhle erkennen, die hinter den Fällen verborgen liegt. Sie ist noch immer unerforscht. 

Über dem Nationalpark angekommen, fanden wir zwar einige Hinweise auf illegale Goldgewinnung, aber glücklicherweise nur in einem sehr kleinen Maßstab. 

Guyanas Tierwelt: schön, groß, vielfältig

Ein paar Tage später saß ich in einem Boot mit ZGF-Projektleiter Thadaigh Bagallay, einigen PAC-Rangern sowie Expeditionsleiter Ashley Holland und seinem Team. Wir waren unterwegs ins Kanuku-Mountains-Schutzgebiet, ein fast unberührtes Regenwaldgebiet mit kleinen Hügeln, umgeben von einer Savannenlandschaft. Ich habe gehört, dass diese Gegend zu den fledermaus- und fischartenreichsten Regionen der Erde gehört. Letzteres glaubte ich sofort, denn ständig sahen wir Fischadler, viele mit frisch gefangener Beute in den Klauen.

Nachdem wir etwa einen halben Tag lang den milchig braunen Fluss Rupununi hinaufgefahren waren, bogen wir in ein kleineres Nebenflüsschen ab, den Maparri Creek. Dort, wo das klare Wasser des Maparri auf den cappuccinofarbenen Rupununi trifft, vermischt sich das Wasser in wunderschönen zweifarbigen Strudeln. Der Maparri führte nur wenig Wasser und immer wieder mussten wir aussteigen und das Boot durch besonders seichte Stellen oder unter umgefallenen Baumstämmen hindurchziehen oder schieben. Am späten Nachmittag erreichten wir die Stelle, an der wir die Zelte aufschlagen würden.

Die nächsten vier Tage verbrachten wir damit, die Gegend zu erkunden, bei Tag und in der Nacht, vor allem vom Boot aus, weil es nur wenige Pfade im dichten Regenwald gibt. Dieser meinte es gut mit mir und zeigte mir viele der Tiere, die ich mir gewünscht hatte, die zu sehen ich aber kaum zu hoffen gewagt hatte. 

Eine majestätische Harpyie saß in einem riesigen Kapokbaum. Die Harpyie ist der stärkste Adler der Welt und wunderschön dazu. Sie stand ganz oben auf meiner Artenwunschliste. Nicht minder imposant war die Goliath-Vogelspinne, die größte Spinne der Erde, eine Gruppe Riesenotter, die im Fluss vor unserem Boot herschwamm und drei verschiedene Kaimanarten. Der Mohrenkaiman ist übrigens eines der größten Krokodile weltweit.

Auch besonders schöne Tierarten hat uns Guyana nicht vorenthalten: Wir sahen gleich mehrere Kolibriarten, die wie Edelsteine schimmerten, darunter der Rotnacken-Topaskolibri, farbenprächtige Papageien, die Venezuela-Ornament-Vogelspinne, eine prächtige Tarantelart, die erst 1994 entdeckt wurde, und einen Glasfrosch, einen kleinen, fast durchsichtig scheinenden, leuchtend grünen Frosch mit gelben Augen. 

Bizarre Vögel und elektrische Aale

Und dann waren da noch die schrägen Vögel unter den Tierarten, die eindeutig in die Kategorie „bizarr“ gehören und die mir gerade deshalb besonders viel Freude machten. Zum Beispiel der Weißglöckner, ein kleiner, leuchtend weißer Vogel mit einem langen Kehllappen und einem sehr ungewöhnlichen lauten Ruf, der wie ein elektronisches Warnsignal klingt und kilometerweit zu hören ist.

Oder der Guyana-Klippenvogel, ein sonderbarer Vogel und so leuchtend orange gefärbt wie nichts sonst auf der Welt. Ein noch schrägerer Vogel mit einem noch eigentümlicheren Ruf ist der Capuchinbird, ein flaumig brauner, kahlköpfiger Vogel, bei dem man die bläuliche Kopfhaut sieht. Sein Ruf klingt wie ein tuckernder Motor. Nachts sahen wir einen schwimmenden Tapir, das größte Landsäugetier des Kontinents. Sein Rüssel verleiht ihm ein mehr als eigentümliches Aussehen.

Auch ein Dreifingerfaultier haben wir gefunden, oder besser gesagt zwei, eine Mutter mit Baby, hoch oben in einem Baum. Faultiere sind entzückend, sie verbringen ihr Leben in Zeitlupe und in ihrem Fell wachsen Algen.

Die letzte Nacht im Busch lief ich ziellos den Maparri entlang. Mit meiner Taschenlampe leuchtete ich in die etwas tieferen Stellen am Ufer hinein. Und da sah ich ihn, einen Zitteraal! Der Zitteraal sieht urtümlich aus, fast prähistorisch, und lähmt mit Stromstößen von bis zu 860 Volt Beutetiere und Fressfeinde. Es erschien mir völlig abwegig, jemals einen Zitteraal zu Gesicht zu bekommen. Aber da war er, im Schein meiner Taschenlampe im Maparri Creek irgendwo im Dschungel von Guyana.

Guyana und die Kanuku Mountains sind mir nichts schuldig geblieben. Sie haben meine Erwartungen bei Weitem übertroffen und sind ein wahres Paradies für einen Naturfotografen. In einer so kurzen Zeit so viele fantastische Tiere zu sehen, beweist, wie wertvoll dieses Gebiet ist. Dabei, das behauptete Expeditionsleiter Ashley, haben wir es aufgrund des niedrigen Wasserstands nicht einmal in die richtig guten Gegenden der Kanukus geschafft. Es gibt also noch Potenzial für das nächste Mal.

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Daniel Rosengren ist Naturfotograf. Im Februar 2017 war er zum ersten Mal in Guyana, wo er im Auftrag der ZGF das noch recht neue Projektgebiet und die Arbeit der Kollegen vor Ort fotografisch dokumentiert hat. Ein neugieriger Vielreisender ist aufgebrochen, zurückgekommen ist ein Guyana-Fan.

 

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