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Fliegende Kühe im Regenwald

Der Hoatzin hat viele nicht sehr schmeichelhafte Namen, vom Zigeunerhuhn bis zum stinkenden Truthahn. Dabei hat der Vogel eine bemerkenswerte Biologie und eine höchst erfolgreiche Strategie.

Na, so etwas: ein Hoatzin im Landeswappen von Guyana! Mit der Beobachtung und Untersuchung dieses Vogels hatte ich Jahre im Regenwald von Ecuador verbracht und die „fliegenden Kühe“, wie ich sie scherzhaft oft nannte, waren mir natürlich ans Herz gewachsen. Und wie Studien der letzten Jahrzehnte ergeben hatten, ist der wahrscheinlich eigenartigste Vogel Südamerikas tatsächlich etwas Besonderes. Das dürfte 1966, als Guyana unabhängig von der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien wurde und der Hoatzin seinen Platz im Landeswappen fand, aber sicherlich weniger eine Rolle gespielt haben. In Guyana kommen Hoatzine entlang der Flüsse und besonders häufig in deren Mündungsgebieten vor.

Tauchende und kletternde Küken

Ein Blick auf die Südamerikakarte und die beträchtliche Distanz zwischen Ecuador und Guyana zeigt schon, dass Hoatzine ein großes Verbreitungsgebiet haben. Sie kommen im gesamten Amazonas- und Orinokobecken vor und können lokal in großen Populationen auftreten. Weltberühmt geworden ist der Hoatzin wegen der speziellen Krallen, die seine Jungvögel bereits beim Schlupf an den Flügeln haben. Wegen dieser wurde er lange als ein Bindeglied zwischen Archaeopteryx und den modernen Vögeln eingestuft und als „Urvogel“ bezeichnet.

Inzwischen ist belegt, dass die Flügelkrallen eine sekundäre Entwicklung sind und eine Anpassung an den besonderen Lebensraum darstellen: Hoatzine bauen ihre Nester immer über dem Wasser und bei Gefahr, z. B. durch Greifvögel, stürzen sich die Kleinen „über Bord“, schwimmen unter Wasser viele Meter davon und klettern mithilfe ihrer Krallen an einem anderen Baum wieder hoch ins Geäst. Dort finden die Elterntiere sie in der Regel wieder und füttern weiter.

Meine Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit dann etwas geringer ist, zumal auch der Aufwand größer ist, wenn die Geschwister in verschiedene Richtungen abtauchen. Nach einigen Monaten verlieren die Jungvögel die Flügelkrallen.

Der Wiederkäuer unter den Vögeln

Unter Wissenschaftlern gilt der Hoatzin aber vor allem aus einem anderen Grund als Kuriosität: Als einzige Vogelart besitzt er eine sogenannte Vormagenverdauung, die vergleichbar der Verdauung der Wiederkäuer ist. In einem speziell angepassten Bereich von Kropf und unterer Speiseröhre tummeln sich Bakterien sowie sogar echte einzellige Organismen und helfen dem Hoatzin, seine Blätternahrung zu verdauen.

Mit vollem Bauch ruhen die Hoatzine dann viele Stunden auf einem Ast und lassen ihre kleinen Mitbewohner die Hauptverdauungsarbeit machen. Der Bauch, der dann ein Viertel des Körpergewichts ausmachen kann, wird dabei von einem speziellen Knorpelhöcker am Brustbein abgestützt. Wegen ihrer vergleichbaren Verdauung habe ich sie „fliegende Kühe“ getauft.

Der Geruch und die Konsistenz des Kots sind ähnlich wie bei Kühen. Ein Grund warum der Hoatzin im Englischen den unrühmlichen Spitznamen „stinky turky“ bekommen hat. Im Deutschen wird er wegen seines bunten Erscheinungsbildes auch Zigeunerhuhn genannt.

Ungeklärte Verwandtschaft

Mit all diesen Eigenschaften steht der Hoatzin recht alleine dar in der Vogelwelt. Seine Verwandtschaft ist noch immer nicht geklärt und er wird daher als einzige Art, nämlich Opisthocomus hoazin, in einer eigenen Ordnung geführt (Opisthocomiformes). Während der Hoatzin zunächst zu den Hühnervögeln gezählt wurde, hat man ihn später den tropischen Kuckucken zugeordnet und ihn dann auch bei den afrikanischen Turakos gesehen. Fossilfunde aus Afrika und sogar Europa lassen vermuten, dass die Hoatzine in der alten Welt entstanden und erst später Südamerika besiedelten.

 

Hoatzine leben meistens in Gruppen und besitzen wie einige andere Vogelarten auch ein Helfersystem bei der Aufzucht der Jungen: Jungvögel aus vorangegangenen Bruten helfen beim vierwöchigen Brutgeschäft und bei der anschließenden Fütterungs- und Aufzuchtphase.

Meine Untersuchungen haben gezeigt, dass der Bruterfolg mit der Anzahl der Gruppenmitglieder steigt, wahrscheinlich weil besser bewacht und mehr gefüttert werden kann. Ab einer Anzahl von acht Tieren nimmt der Bruterfolg dann wieder ab. Erhöhte Unruhe am Nest und schwierige Koordination scheinen hier eine Rolle zu spielen. Meine Beobachtungen ergaben auch, dass Regenwaldtouristen oft zu nahe an Hoatzin-Nester heranfahren, um den „Urvogel“ aus der Nähe zu sehen. Dadurch werden Jungvögel gestresst und flüchten häufiger ins Wasser als in ungestörten Familien. Der Bruterfolg war dementsprechend geringer. Aufklärung über Mindestabstände und Besucherlenkung sind daher wichtig.

 

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Dr. Antje Müllner leitet das Referat Südamerika und Südostasien bei der ZGF. Ihre Doktorarbeit schrieb sie vor gut zwei Jahrzehnten über Hoatzine, die sie in Ecuador erforschte. 

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