Der große Berg

Seit zehn Jahren engagiert sich die ZGF für die Wälder im zentralvietnamesischen Bergland. Unsere Programmassistentin für Südostasien war anlässlich des Jubiläums vor Ort im Kon-Ka-Kinh-Nationalpark.

Von Stefanie Wolf

Nach einem 14-stündigen Flug lande ich in der zentralvietnamesischen Hafenstadt Danang. Es ist über 30 Grad heiß, der Himmel ist strahlend blau. Mein Abholer lächelt freundlich und begrüßt mich mit einem höflichen „xin chào“: Dr. Ha Thang Long, ZGF-Projektleiter, Biologe und leidenschaftlicher Primatenforscher. Ohne ihn würde es unser Projekt im Kon-Ka-Kinh-Nationalpark wohl nicht geben. 

Meeting in Vietnam
ZGF-Projektleiter Ha Thang Long (li.) und sein Kollege Tam Ai Nguyen sichten mit zwei Rangern des Kon-Ka-Kinh-Nationalparks die Wildtierfotos aus einer Kamerafalle ©Daniel Rosengren

Dr. Long und ich verstauen das Gepäck auf der staubigen Ladefläche des Pickups und wuseln durch die überfüllten Straßen mit unzähligen Mopedfahrern, Autos und Fußgängern. Vietnam hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten unglaublich rasant entwickelt. „Ochsengespanne sind im Verkehr nicht mehr zu entdecken und Rikschas sind heutzutage Touristenattraktionen“, erzählt mir Dr. Long auf dem Weg ins ZGF-Büro. Vietnam boomt. Das schmale Land, ein wenig kleiner als Deutschland, hat heute mehr als 96 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren waren es noch knapp zehn Prozent weniger. Es hat sich im Turbotempo von einem der zehn ärmsten Länder der Erde zum Schwellenland entwickelt. Große Hotelkomplexe wachsen in der Küstenmetropole Danang dort aus dem Boden, wo zu Zeiten des ZGF-Projektbeginns im Jahr 2010 noch vereinzelte Fischerhütten standen.


Hier in Danang befindet sich das Büro der ZGF, wo unser kleines Team mit sechs vietnamesischen Kolleginnen und Kollegen Rangerschulungen und Umweltbildungsaktivitäten für den Kon-Ka-Kinh-Nationalpark konzipiert, Bildungsmaterialien erstellt und administrative Aufgaben erledigt. Darüber hinaus pflegt die ZGF eine enge Partnerschaft mit der Fakultät für Biologie der Universität Danang, um Nachwuchswissenschaftler zu fördern, die uns helfen können, die Ökologie unseres Projektgebietes Kon Ka Kinh besser zu verstehen.

DIE GRAUSCHENKLIGEN KLEIDERAFFEN VOM GROSSEN BERG

Grey shanked Douc
Der grauschenklige Kleideraffe (Pygathrix cinerea) lebt nur im vietnamesischen Bergland ©Daniel Rosengren

Kon Ka Kinh ist ein Nationalpark und der Name bedeutet auf vietnamesisch „der große Berg“. Am nächsten Tag machen wir uns frühmorgens auf den Weg dorthin. Die Autofahrt dauert mehr als 12 Stunden, der Verkehr und die zahlreichen Serpentinen erfordern von Dr. Long viel Konzentration. Long wählt die Strecke, die er schon vor mehr als zehn Jahren gefahren ist, noch bevor das Projekt gestartet wurde. Zu jener Zeit waren noch einige Abschnitte ungeteert. Er war damals Anfang dreißig und hatte gerade seine Dissertation über das Verhalten der Grauschenkligen Kleideraffen abgeschlossen. Er untersuchte in Kon Ka Kinh die Affen mit den orangefarbenen Gesichtern, haarbüscheligen Backenbärten und grauen Schenkeln. Er wählte Kon Ka Kinh, weil nirgendwo anders auf der Erde so viele Tiere der vom Aussterben bedrohten Art Pygathrix cinerea auf einem Fleck zu finden sind. Der Park beherbergt weitere vier gefährdete Affenarten, unter denen der Nördliche Gelbwangen-Schopfgibbon (Nomascus annamensis) als stark gefährdet eingestuft ist. Allein dies beweist, dass Kon Ka Kinh ein besonderes Gebiet ist.

Kon Ka Kinh ist ein entlegener Park. Etwa 32.000 Menschen leben im Umland des Parks und der Großteil von ihnen gehört der Volksgruppe der Bana an. Sie sprechen eine eigene Sprache und pflegen eine eigene kulturelle Identität. Auch Dinh Djung, der uns die nächsten Tage in den Park begleitet, ist ein Bana. „Dr. Long ist mein langjähriger Freund und Vertrauter. Ich habe ihm schon geholfen, sich in Kon Ka Kinh zu orientieren, als er das erste Mal hier durchstapfte“, erinnert sich Djung. Entgegen der Annahme, es sei ein Leichtes, zahlreiche Tierarten im Regenwald zu erblicken, bedarf es dazu besonderer Fähigkeiten. Dinh Djung hat diese Gabe. Selbst in vollkommener Dunkelheit ist es ihm möglich, sich zu orientierten. Mit großer Geschicklichkeit durchstreift er den Wald und in kürzester Zeit hat er einen prächtigen königsblauen Falter mit bloßen Händen eingefangen.

Ranger in Kon Ka Kinh
Rangerpatrouillen in Kon Ka Kinh sind anstrengend, denn der Park wird aus gutem Grund "Der große Berg" genannt ©Daniel Rosengren

Der besondere Artenreichtum der Region geht darauf zurück, dass sich hier auf unterschiedlichen Höhenstufen und über verschiedene Klimazonen hinweg immergrüne, feucht-subtropische Tieflandregenwälder sowie Laub- und Nadelbergwälder vereinen. Flüsse und kleinere Bachläufe durchqueren die Wälder. Sie versorgen die Bevölkerung in der Randzone des Kon-Ka-Kinh-Parks mit Trinkwasser und bewässern ihre Reisfelder. Jedoch ist auch Kon Ka Kinh von Wilderei, Abholzung sowie illegalem Ackerbau und Viehweidewirtschaft beeinträchtigt. Long und sein Team unterstützen daher die Nationalparkverwaltung, damit deren Ranger mehr Präsenz zeigen können und klare Zeichen setzen, dass eine Zerstörung des Gebiets verboten ist.

Auch Fortbildungen für die 56 Ranger bieten unsere jungen Kollegen an. Die Ranger lernen, sich im Gebiet zu orientieren, Patrouillen effizient zu planen und umzusetzen sowie die im Park erhobenen Daten zu verwalten. Auch lernen sie, Konfliktgespräche zu führen und mit schweren Rechtsverstößen umzugehen. „Dank unserer Trainings ist ein Großteil der Ranger in der Lage, diese Aufgaben sehr viel besser durchzuführen“, erläutert Ha Thang Long. Darüber hinaus stellt die ZGF die notwendigen finanziellen Mittel bereit, Equipment für die Arbeit der Parkranger anzuschaffen.

MIT DEN BANAS FÜR DEN SCHUTZ DER WILDNIS

Gibbon
Der Nördliche Gelbwangen-Schopfgibbon (Nomascus annamensis) lebt in den Baumwipfeln von Kon Ka Kinh. Die Stiftung Artenschutz unterstützt uns finanziell dabei, das Überleben dieser Art dauerhaft zu sichern ©Nguyen Ai Tam

Ein wichtiges Element der Gebietssicherung ist die Arbeit mit den Gemeinden, die die ZGF seit 2016 durchführt. Von Anfang an war Tinh Nguyen Thi mit dabei. Sie nahm an einem Kurs der ZGF an der Danang Universität teil und begann dann, die Arbeit mit den Gemeinden südlich des Parks aufzubauen. Liebevoll wird sie von den Banas „Waldmädchen“ genannt. Mit viel Herz und Humor ist sie im engen Austausch mit den Dorfbewohnern. „Zusammen mit Mitarbeitern des Parks biete ich an drei Schulen regelmäßige Naturstunden an“, erzählt Tinh Nguyen Thi. „Wir erklären auf spielerische Weise, welchen Wert die Wälder haben und dass Wilderei nur kurzfristig Profit abwerfen wird, bis die letzten Affen für immer weg sind. Um an ein Gibbon-Jungtier zu kommen, werden oft ein Dutzend Gibbon-Mütter erlegt“, sagt die sonst strahlende Tinh mit ernster Miene.


Es werden aber auch andere Umweltthemen aufgegriffen. So krempelte Tinh gemeinsam mit den Dorfbewohnern die Ärmel hoch, um den Plastikmüll im Dorf einzusammeln. Diese Aktion hat sich nun verselbstständigt und die Regierung lässt, beeindruckt von der Eigeninitiative, den Müll regelmäßig von Sammelstellen abtransportieren.

Das Volkskomitee der Gia-Lai-Provinz steht hinter dem Engagement der ZGF. Auch die staatliche Koordinierungsstelle für ausländische Organisationen in Hanoi hat vergangenes Jahr die Arbeit der ZGF außerordentlich gewürdigt und eine Arbeitsgenehmigung für weitere fünf Jahre erteilt. Long betont: „Es ist keine Selbstverständlichkeit, dieses Vertrauen zu bekommen, gerade weil hier ethnische Minderheiten leben und unsere Aktivitäten durchaus kritisch beobachtet werden.“


Nach diesen erfolgreichen zehn Jahren hat das ZGF-Team ein neues Projektziel formuliert: 100.000 Hektar geschützter Regenwald in Kon Ka Kinh. Das Team will das größte noch zusammenhängende Waldgebiet Zentralvie nams langfristig bewahrt sehen. Das Volkskomitee der Provinz Gia Lai führt derzeit eine Machbarkeitsstudie durch, ob Teile als Biosphärenregion geeignet sind. Eine Ausweisung als Biosphärenregion würde einen Beteiligungsprozess mit den Bewohnern erfordern und die Chancen auf ein langfristiges Miteinander von Mensch und Waldreichtum fördern. Das heißt nicht, dass das gesamte Gebiet unter Schutz steht, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.


Wenn ich mich heute an meinen Projektbesuch in Vietnam zurückerinnere, denke ich an die immergrünen, feucht-subtropischen Wälder, die sich über die Bergketten im zentralen Hochland des Landes kilometerweit erstrecken. Sie liegen fernab von den pulsierenden Großstädten des Landes und ihre Geräuschkulisse wird dominiert von den farbenprächtigen Kleideraffen, den quirligen Makaken, den gesangsstarken Schopfgibbons und den zahlreichen anderen Säugetieren, Vogel-, Amphibien- und Reptilienarten, die hier leben. Möge es sie – mit unserem Einsatz – für immer geben.


Stefanie Wolf ist Landschaftsentwicklerin und seit fünf Jahren bei der ZGF als Programmassistentin für Südostasien tätig.