Der Zaun zwischen Mensch und Tier

Sollen Naturschutzgebiete mit Zäunen gesichert werden? Eine Frage, die Natuschützer regelmäßig beantworten müssen.

Von Hattie Hayeck

Überall auf der Welt leben Mensch und Wildtiere zunehmend dichter beieinander. Tiere wie Menschen brauchen Land, Nahrung und Wasser. Am deutlichsten wird diese Nähe in den kleinen, ländlichen Gemeinden, die an die Naturparks angrenzen. Hier sind Ackerbau und Viehzucht für viele Menschen eine wichtige Einkommensquelle und Konflikte mit Wildtieren sind an der Tagesordnung.
Auf der Suche nach Futter halten sich Wildtiere nicht an die Grenzen eines Schutzgebietes. Löwen und Wölfe fressen das Vieh auf der Weide, Elefanten und Bären bedienen sich an den Feldfrüchten. Manchmal enden Versuche, die Tiere von Ackerland und Weide zu vertreiben, für Bewohner, die an Grenzen von Schutzgebieten leben, tödlich. Zum Eigenschutz oder auch zur Vergeltung werden problematische Tierarten von den Bewohnern erschossen, vergiftet oder mit Fallen gejagt.

Aber nicht nur die Wildtiere überschreiten die Grenzen von Schutzgebieten. Vom Bayerischen Wald bis in die Serengeti versuchen Menschen von den natürlichen Ressourcen der Schutzgebiete zu profitieren. Werden Kühe oder Ziegen, wie in der Serengeti, zum Weiden in den Nationalpark getrieben, steigt das Risiko, dass Krankheiten auf die Wildtiere übertragen werden. Die Rinderpest beispielsweise hatte in der Serengeti vor den 1960er-Jahren einen Großteil der Gnu-Population aber auch Büffel und andere Arten vernichtet. Von Haushunden übertragene Staupe-Infektionen setzten in den 1990er-Jahren den Löwen stark zu.

Konfliktmanagement gehört zum Naturschutz

Für Naturschützer auf der ganzen Welt sind die Konflikte zwischen Mensch und Tier eine komplizierte, aber wichtige Komponente bei Projekten zum Schutz von Arten. Elsabe van der Westhuizen ist seit 2007 ZGF-Projektleiterin im Gonarezhou Nationalpark in Simbabwe und kennt die Problematik aus erster Hand – auch die Zwietracht, die Wildtierzwischenfälle zwischen den einzelnen Gemeinden sähen können. „Wir haben Anfang 2010 die Entscheidung getroffen, einen Teilabschnitt der Parkgrenze von Gonarezhou mit einem Zaun zu versehen", erklärt Elsabe. „Wir haben einen kleinen Teil des Parks, auf den eine Gemeinde schon lang Anspruch erhoben hatte, ausgegliedert und umzäunt. Ebenso gibt es einen Zaun, wo eine außerhalb des Parks siedelnde Gemeinde Ackerbau und Viehzucht betreibt.“

Im Fall von Gonarezhou war das Einzäunen ein wichtiges Management-Instrument zur Verringerung des Konfliktpotenzials und zur Stärkung der Akzeptanz des Parks. „Wir haben die Zäune strategisch eingesetzt, einmal um die Zwischenfälle zu verringern, aber auch als Barriere gegen die Viehherden, die in den Park eindringen.“

Sumatra: Ein Frühwarnsystem für Elefanten

Auf der indonesischen Insel Sumatra, liegen die üppigen, tropischen Wälder von Bukit Tigapuluh. Diese Wälder gehören zu den letzten Lebensräumen für Tiger, Elefanten und Orang-Utans. Sie schrumpfen jedoch schnell, da das Land nach und nach abgeholzt, verbrannt und in Palmölplantagen umgewandelt wird. In den letzten zwei Jahrzehnten sind 80 Prozent des Lebensraums der Elefanten in Bukit Tigapuluh verloren gegangen. Das führt entsprechend häufig zu Konflikten zwischen den auf kleine Waldreste beschränkten Elefanten und den am Wald siedelnden Menschen.
Die ZGF arbeitet hier gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden an einer nachhaltigen Lösung: „Wir schulen die Bauern, helfen ihnen mit Material und stellen kleine Finanzhilfen zur Verfügung, falls die Bauern gemeinsam größere Ausrüstung kaufen wollen", sagt Alexander Mossbrucker, Leiter des Elefantenschutzes für das ZGF-Programm in Bukit Tigapuluh.

Unterstützung bekommen die Bauern von den Rangern, denn diese betreiben ein Art Frühwarnsystem mit besenderten Elefanten. „In jeder Elefantengruppe trägt ein Tier einen Sender. Wenn Elefanten in die Nähe der Felder eines Dorfes kommen, werden die Bauern gewarnt und können ihre Ernte zusammen mit unseren Rangern bewachen“, erläutert Mossbrucker.

Ob Frühwarnsystem oder Abschreckung, nicht immer funktioniert das. „Wenn Maßnahmen wie Chilizäune, Bienenstöcke oder die Abschreckung der Tiere mit Schallkanonen nicht gut genug funktionieren, sind Elektrozäune der letzte Schritt", sagt Christof Schenck, Geschäftsführer der ZGF, der kein Freund von Zäunen ist. „Wenn sie gut geplant sind und von den örtlichen Gemeinden gut gewartet werden, können Zäune eine hundertprozentige Lösung sein, um Wildtiere und Menschen voneinander fernzuhalten“, so Schenck.

Zäune sind Barrieren für wandernde Tiere

Zäune schränken allerdings die Bewegung der Tiere ein, ihr Zugang zu Nahrung und Wasserquellen wird limitiert und auch potenziellen Paarungspartner sind außer Reichweite, was zu einer verminderten genetischen Vielfalt und im schlimmsten Fall zur Ausrottung kleiner, isolierter Populationen führen kann. Im Fall des Gonarezhou-Nationalparks war der Zaun ein zweischneidiges Schwert. „Ja, die Zäune zerschneiden die traditionellen Wildtierkorridore,“ sagt Elsabe van der Westhuizen. „Aber in Gonarezhou war die Dichte der Siedlungen rund um den Park bereits so groß, dass diese Wanderkorridore ohnehin bereits verloren gegangen waren.“

Bildung statt Zäune

Auch in Peru beschäftigen sich unsere Teams damit, zwischen Mensch und Tier zu vermitteln. In den hochgelegenen Regionen des Manu-Nationalparks, an den steilen Hängen der Anden, sind Zäune wenig praktikabel. Und den Andenbär würden sie ohnehin kaum abhalten. Unser Peru-Programm erarbeitet daher mit den lokalen Gemeinden alternative Anbaumethoden, die die Koexistenz zwischen Mensch und Tier verbessern.

„Es hat sich gezeigt, dass der Andenbär gar nicht der große Ernteräuber ist. Vögel, Nagetiere und Insekten fordern ebenfalls ihren Tribut - und die können wir nicht durch einen Zaun aufhalten“ sagt Christof Schenck. Als hilfreich hingegen erwies es sich, den Maisanbau mehr zu den Dörfern hin zu verlegen, da sich die Bären nicht in die Nähe von Siedlungen trauen. Auch der Anbau von Goldbeeren oder Physalis war erfolgreich, führte zu höheren Erträgen und die Verluste in den Maisfeldern fielen nicht mehr so stark ins Gewicht.

Auch konsequente Umweltbildung für die lokalen und indigenen Gemeinschaften im Manu-Nationalpark hat geholfen. Allein das Arbeitsbuch "Pablo der Andenbär" ist ein schönes Beispiel, wie gute Bildungsarbeit dabei helfen kann, aus einem Feind einen Freund zu machen. „Es hat zu einer völligen Verschiebung der Wahrnehmung von Bären geführt: vom verhassten Schädling zur geliebten Vorzeigeart", sagt Christof Schenck.

Zäune sind keine einfache Lösung

In Gonarezhou gibt es solche Anbau-Alternativen wie in Peru nicht, hier sind die an den Park angrenzenden Farmen überwiegend Viehzuchtbetriebe. Um die übertragung von Krankheiten zu verhindern, hat das staatliche Veterinäramt Simbabwes jetzt zusätzliche Zäune entlang der Grenze des Gonarezhou-Nationalparks errichtet. In Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt stellte die ZGF sicher, dass der Zaun so konstruiert wurde, dass weder Wildtiere darin hängen bleiben, noch dass Zaunmaterial gestohlen werden kann, um daraus Wildererschlingen zu machen. „Zäune sind kostspielig, müssen ständig gewartet werden und sollten nur dann installiert werden, wenn alle Beteiligten – die Gemeinden und die zuständigen Regierungsabteilungen im Boot sind, sagt Elsabe van der Westhuizen.

Alexander Moßbrucker fasst es pragmatisch zusammen: „Der Name „Mensch-Elefanten-Konflikt“ sagt es schon. Es ist ein Mensch-Elefanten-Problem, kein Elefanten-Problem. Um es zu lösen, muss man mit Menschen und Elefanten gleichermaßen arbeiten.“
Alexander Moßbrucker, Projektleiter Sumatra Der Name „Mensch-Elefanten-Konflikt“ sagt es schon. Es ist ein Mensch-Elefanten-Problem, kein Elefanten-Problem. Um es zu lösen, muss man mit Menschen und Elefanten gleichermaßen arbeiten. Alexander Moßbrucker, Projektleiter Sumatra

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