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Die Karpaten sind eine der Hochburgen der Artenvielfalt in Europa

So vielfältig wie die Lebensräume der Karpaten sind, so hoch ist auch die Vielfalt bei Pflanzen- und Tierarten. Kein Wunder also, dass in dieser Region eine Schatzkammer der Artenvielfalt liegt.

Es ist eine Landschaft wie aus einer anderen Zeit. Alte Märchen könnten hier spielen, Geschichten voll malerischer Bergpanoramen und geheimnisvoller Wälder. Die Karpaten bieten die richtige Atmosphäre dafür. Über 2500 Meter hohe Gipfel ragen in den Himmel, Nadelbäume klammern sich an steile Hänge. Blütenübersäte Bergwiesen und grasende Schafherden passen ebenso ins Bild wie große, weitgehend unberührte Buchen- und Mischwälder.

So vielfältig wie die Lebensräume der Karpaten sind, so hoch ist auch die Vielfalt bei Pflanzen- und Tierarten. Kein Wunder also, dass in dieser Region eine Schatzkammer der Artenvielfalt liegt. Hier wächst rund ein Drittel aller europäischen Gefäßpflanzen, das sind allein an die 4000 Arten. Etliche Arten davon sind sogar weltweit einmalig. Denn Berge sind aus Sicht der Evolution betrachtet etwas ganz Ähnliches wie Inseln: Wer dort lebt, hat wenig Kontakt zu seinen Verwandten in anderen Regionen. Und diese Isolation fördert die Entstehung neuer Arten, die nirgendwo sonst vorkommen. In den Karpaten haben Biologen sehr viele solcher sogenannten Endemiten gefunden. Die Palette reicht von der Tatra-Wühlmaus bis zum Karpaten-Molch und vom Zwerg-Eisenhut bis zur Polnischen Primel.

Die Stars der Region aber streifen auf vier Beinen durch die weitläufigen Wälder. So findet man unter dem Kronendach auf Schritt und Tritt die Spuren ganz realer Märchenfiguren: Eine Wolfsfährte, die den Waldweg kreuzt. Oder einen Haufen Kot voller Bucheckern-Schalen, die von einer Bärenmahlzeit zeugen. „Die Karpaten sind eine der wenigen Regionen Europas, in denen es noch lebensfähige Bestände von Braunbären, Wölfen und Luchsen gibt“, sagt Michael Brombacher, Europa-Referatsleiter bei der ZGF und für das Karpatenprogramm zuständig. Auch für die großen Vegetarier der Tierwelt wie den mächtigen Wisent ist hier noch reichlich Platz.

Beeindruckend ist aber nicht nur die Weitläufigkeit der Wälder. Wer die aufgeräumten Forste Mitteleuropas gewöhnt ist, kann sich hier vom Urwald-Flair verzaubern lassen. Ein grünes Dämmerlicht herrscht unter dem Kronendach der mächtigen Baumriesen, zwischen denen ungezähmte Bäche entlangplätschern. Dicke Moospolster überziehen die Stämme, Pilze sprießen aus bizarren Baumstümpfen. Und überall stehen und liegen sterbende und tote Stämme in verschiedenen Stadien des Zerfalls. Der Anteil an solchem Totholz ist in einem Urwald oft zehn- bis zwanzigmal größer als in einem Kulturforst. Und davon profitieren nicht nur viele Insekten und Pilze, die von abgestorbenem Holz leben. Auch Vögel, Fledermäuse und kleine Säugetiere, die in Baumhöhlen schlafen oder ihre Jungen aufziehen, nutzen das Angebot gern. So wachsen in den Karpaten nicht nur die typischen Pilze alter Wälder wie der Stachelbart oder die Zarte Zahnhaut. Auch alle zehn europäischen Specht-Arten hämmern hier ihre Unterkünfte in die Bäume.

Für Wissenschaftler ist die Region ein spannendes Freilandlabor. Denn sie haben hier die seltene Gelegenheit zu untersuchen, wie ein europäischer Wald von Natur aus tickt. Wie verjüngen sich die Bäume und wie schnell wachsen sie? Welche Arten setzen sich im Konkurrenzkampf durch? Wann sterben die Stämme ab und wie lange dauert es, bis sie verrotten? Und wie reagieren die Bestände auf Störungen? Das alles würden Forscher zu gern besser verstehen. Sie erhoffen sich dadurch zum Beispiel neue Erkenntnisse für eine naturgemäßere Waldwirtschaft. Oder über die Zukunft der europäischen Wälder in Zeiten des Klimawandels. Und es gibt kaum eine Region, in der sich das alles so gut untersuchen ließe wie in den Karpaten. Zwar gibt es auch in anderen Regionen Europas noch vereinzelte Urwald-Reste. Viele davon sind allerdings nicht einmal einen Quadratkilometer groß. Dagegen bietet allein das ukrainische Reservat Uholka-Schyrokyj Luh mehr als 80 Quadratkilometer reinen Buchen-Urwald – eine einmalige Chance.

Da ist es kein Wunder, dass die Karpaten-Wildnis inzwischen auch ein internationales Gütesiegel trägt: Im Juli 2007 hat die Unesco gut 290 Quadratkilometer Buchen-Urwälder in der Slowakischen Republik und der Ukraine zum Welterbe der Menschheit erklärt. Und es gibt vor Ort zahlreiche Schutzgebiete, die diesen Schatz bewahren sollen. Die Palette reicht dabei von Biosphären-Reservaten, die Schutz und nachhaltige Nutzung verbinden, bis zu Nationalparks, in denen eigentlich vor allem die Natur Regie führen soll. Eigentlich.

„Auf der rumänischen Seite der Berge ist in den letzten Jahren fast eine halbe Million Hektar dieser besonderen Wälder durch meist illegale Kahlschläge verschwunden“, sagt Olga Yaremchenko, Projektleiterin der ZGF in den ukrainischen Karpaten. „Dieses Szenario droht sich in unserem Land, in der Ukraine, zu wiederholen. Die großen Sägewerke, betrieben vor allem von österreichischen Konzernen, sind hungrig nach billigem ukrainischen Holz.“

Aber auch in den sogenannten „Wolf Mountains“ – einem Gebiet voller hoher Berge und fruchtbarer Täler, ungezähmter Flüsse und alter Wälder, das in den Ostkarpaten im Grenzgebiet zwischen Polen, der Slowakei und der Ukraine liegt, sieht es für die Wälder nicht gut aus. Dort gibt es zwar sechs große, miteinander verbundene Schutzgebiete, darunter drei Nationalparks. Das heißt aber nicht, dass dort auch überall Wildnis herrscht. Im knapp 300 Quadratkilometer großen Poloniny Nationalpark in der Slowakei sind zum Beispiel nur sieben Prozent der Fläche vor menschlichen Eingriffen geschützt. Der Rest wird weiterhin genutzt.

Doch selbst in Regionen, in denen der Schutz der Wildnis ausdrücklich auf dem Papier steht, klaffen oft deutliche Lücken zwischen Anspruch und Realität. Vorschriften zu erlassen, bedeutet schließlich nicht unbedingt, dass diese auch eingehalten werden. Vor allem nicht, wenn die Nationalparks finanziell so schlecht ausgestattet sind wie in der Ukraine. „Das staatliche Budget reicht oft nur für die Gehälter der Ranger und Parkmitarbeiter“, berichtet Olga Yaremchenko. „Für Fahrzeuge und Benzin ist dann nichts mehr da.“ Keine guten Voraussetzungen für die Zukunft der wilden Wälder. Denn die brauchen zum Schutz vor Raubbau ganz handfeste Unterstützung.



Text Kerstin Viering, Fotos Daniel Rosengren