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„Was soll ich sagen, ich bin immer noch hier und tue, was ich liebe!“

Ob als unerschrockener Pilot an vorderster Front im Kampf gegen Wilderer oder als Mitentwickler einer entwicklungszentrierten Naturschutzpolitik - Gerald Bigurube ist das Gesicht erfolgreichen Naturschutzes in Afrika. Dafür erhielt er im November in Berlin den Deutschen Afrikapreis. Wir haben im Vorfeld mit ihm gesprochen.

Herr Bigurube, wie sind Sie zum Naturschützer geworden?

In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hätte keins von uns Kindern je daran gedacht, im Naturschutz arbeiten zu wollen. Aber als ich auf die Highschool im Iringa Distrikt in Tansania ging, machten wir irgendwann eine Klassenfahrt in den Ruaha-Nationalpark, den zweitgrößten Nationalpark in Tansania. Ruaha hat mich völlig in seinen Bann gezogen und mein ganzes späteres Leben beeinflusst. Es wurde meine Inspiration und erweckte meine Leidenschaft für den Naturschutz.

Wie ging es dann weiter?

Als ich mit der Schule fertig war, musste ich für ein Jahr zum Militär, meinen Wehrdienst leisten. Danach, das war 1973, war ich Praktikant bei der tansanischen Wildtierbehörde. Ich war achte Monate lang im Saandani Game Reserve stationiert, bevor ich anfing, an der Universität von Dar es Salaam Wildtierbiologie zu studieren. Das war sehr praxisorientiert und ich erinnere mich, dass einige Kommilitonen aufgegeben haben, weil sie mit den langen Einsätzen im Feld und den oft harten Bedingungen in der Wildnis nicht zurechtgekommen sind. Für mich war das eine großartige Zeit.

German_President's_visit Gerald Bigurube and Gauck
Gerald Bigurube und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Im Februar 2015 war Gauck zu Besuch im Serengeti Nationalpark.

Dann sind sie also Zoologe aus Leidenschaft?

Genau! Nach meinem Abschluss an der Uni habe ich von der kanadischen Regierung ein Stipendium bekommen und konnte an der Universität von Alberta in Kanada Zoologie studieren mit Schwerpunkt Wildlife Management. Nach meiner Rückkehr nach Tansania war ich sieben Jahre lang in der wissenschaftlichen Abteilung der Wildlife Division tätig, bis man mich in den 80er-Jahren als Schutzgebietsleiter in den Selous versetzt hat.

Gab es damals schon sehr viel Wilderei?

Zu der Zeit, als ich in den Selous kam, hatte die Wildereikrise dort ihren Höhepunkt erreicht. Die Lage war völlig außer Kontrolle. Vor allem Elefanten, aber auch andere Tiere, wurden erbarmungslos hingerichtet, eine sehr sehr schwere Zeit.

Das klingt beinahe aussichtlos. Wie sind Sie der Lage damals wieder Herr geworden?

Mit einer Aktion namens „Operation Uhai“, die ich mit vorangetrieben habe. Das war nichts geringeres als ein militärischer Feldzug gegen die Wilderei. Eine gemeinsame Kraftanstrengung, koordiniert vom tansanischen Militär und der Polizei. Generalmajor John Butler Walden hat die Operation geleitet. Man nannte ihn „Black Mamba“ und genauso tödlich war er auch. Zu unserem Glück hatte er eine große Leidenschaft für wilde Tiere und die Aktion war ein Erfolg. Trotz der schwierigen Anfangszeit habe ich wunderschöne Erinnerungen an meine Zeit im Selous. Damals kam ich auch zum ersten Mal mit der ZGF in Berührung.

Grzimek's tomb / memorial pyramid, Christof Schenck and Gerald Bigurube © Norbert Guthier / FZS
Gerald Bigurube und Geschäftsführer Christof Schenck am Grab von Bernhard und Michael Grzimek am Ngorongoro-Krater in Tansania.

Gab es etwas, von dem Sie heute sagen würden: das war ein entscheidender Schritt gegen die Wilderei?

Ja, zum Beispiel die Entscheidung, drei Kleinflugzeuge anzuschaffen, um das Wildtiermonitoring und die Sicherheit in den Schutzgebieten zu verbessern. Damals, in den späten 90er-Jahren, war ich Leiter der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA. Ich bin heute noch überzeugt davon, dass Luftüberwachung im Kampf gegen Wilderei und illegale Aktivitäten in den tansanischen Schutzgebieten unverzichtbar sind. Diese Flugzeuge sind übrigens noch immer im Einsatz und jedes Mal, wenn ich sie am Flughafen von Arusha stehen sehe, muss ich lächeln.

Sie sind auch selbst Pilot, da erlebt man bestimmt auch einiges, oder?

Ja, die Fliegerei ist ein Abenteuer! 1982 war ich mit der Cessna 102 der Wildlife Division von Matembwe im Selous nach Dar es Salaam unterwegs war. Plötzlich fiel der Motor aus und ich musste irgendwo im Wald bei Kisarawe eine Bruchlandung hinlegen. Dass ich unverletzt geblieben bin, kann ich bis heute kaum fassen. Ich war ziemlich erschöpft und musste mir genau überlegen, was jetzt zu tun sei. Ich hatte ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder im demolierten Flugzeug bleiben und verdursten oder aussteigen und Wasser suchen! Ich hab mich für beides entschieden. Zuerst habe ich ein Wasserloch gesucht und gefunden, dann habe ich die Nacht im Flugzeug verbracht. Allein in der Wildnis. Niemand wusste wo ich war, die Batterien waren leer und ich hatte keinen Funk.

Gerald Bigurube (regional coordinator) at the ARO office, Arusha, Tanzania. © Daniel Rosengren
Gerald Bigurube in seinem Büro in Arusha, Tansania.

Und wie sind Sie wieder nach Hause gekommen?

Mit sehr viel Glück und dank zweier Schutzengel. Am nächsten Morgen hörte ich auf einmal Stimmen aus einiger Entfernung. Ich hatte einige Mühe, den beiden Frauen, denen diese Stimmen gehörten, begreiflich zu machen, dass ich am Vortag vom Himmel gefallen war und einen Absturz überlebt hatte. Sie waren sehr hilfsbereit und gaben mir Süßkartoffelbrei zum Frühstück.

Da hatten Sie aber wirklich Glück! Haben Sie je ans Aufhören gedacht?

Nach dem Absturz wollte meine Frau, dass ich den Dienst quittiere. Aber was soll ich sagen, ich bin immer noch hier und tue, was ich liebe. Zwar wird keines meiner Kinder in meine beruflichen Fußstapfen treten, aber ich habe all die Jahre überwältigende Unterstützung und sehr viel Toleranz von meiner Familie erfahren, was meine Arbeit betrifft.

Handover event for 21 Vehicles for Selous and Serengeti in Dar es Salaam on 5 September 2016. Left to right: Martin Loiboki, Director-General of TAWA, Professor Jumanne Maghembe, the Tanzanian Minister of Natural Resources and Tourism, Gerald Bigurube, Ma
Gerald Bigurube bei der Übergabe von 21 Einsatzfahrzeugen für das Selous-Wildreservat. Im Bild von links nach rechts: Martin Loiboki (Director-General of TAWA), Professor Jumanne Maghembe (Tansanischer Minister of Natural Resources and Tourism), Gerald Bigurube und Maj. Gen. Gaudence Milanzi (Permanent Secretary of MNRT)

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft für den Naturschutz in Tansania aus?

Ich glaube die Jugend wird eine erhebliche Rolle darin spielen, Afrikas Wildnisgebiete und ihre Wildtiere zu schützen. Und wir müssen sie dazu ermutigen, sich dieser großen Aufgabe mit jugendlicher Energie anzunehmen. Biodiversität ist das nationale Erbe Tansanias, der berühmte Serengeti-Nationalpark zum Beispiel und seine große Migration sind einzigartig. Es gibt sie nirgends sonst auf der Welt. Der Tourismus ist ein wichtiger Devisenbringer, er erbringt 17 Prozent des tansanischen Bruttoinlandsprodukts. Noch größer ist die Bedeutung der Serengeti als Wassereinzugsgebiet. Wir dürfen sie nicht verlieren.

Wo nehmen Sie Ihre Energie her? Was treibt Sie an?

Hingabe und Leidenschaft. Beide muss man haben, wenn man im Naturschutz erfolgreich sein will. Es ist nicht einfach – aber nichts Wichtiges ist einfach, für das der Einsatz sich lohnt.

Gerald Bigurube über die Naturschutzarbeit in der Serengeti, Tansania. © ZGF 2017