Demnach könnte das globale 30×30-Ziel näher sein als gedacht. Doch die Studie zeigt auch: Entscheidend ist nicht allein, wie viel Fläche geschützt wird, sondern auch, wo und wie.
Bis 2030 sollen weltweit mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen wirksam geschützt und erhalten werden. Darauf hat sich die internationale Gemeinschaft bei der UN-Biodiversitätskonferenz (COP15) im Dezember 2022 in Montreal geeinigt. Bisherige Statistiken weisen für Landflächen einen Anteil von 18,5 Prozent an Schutzgebieten aus.
Nature-Studie: 26,8 Prozent der Landfläche könnten zum Naturschutz beitragen
Dabei wurde auch vereinbart, dass neben klassischen Schutzgebieten weitere Flächen zum 30×30-Ziel beitragen können, die auf andere Weise zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beitragen – etwa durch die Arbeit indigener Gemeinschaften, von Naturschutzorganisationen oder Privatpersonen. Viele dieser Gebiete sind jedoch noch nicht international erfasst. Die neue Studie versucht, ihren möglichen Beitrag bereits zu berücksichtigen. So kommen die Forschenden auf eine Schätzung von 26,8 Prozent.
Die Studie erscheint kurz vor der UN-Biodiversitätskonferenz (COP17) in Jerewan, bei der die Umsetzung der globalen Biodiversitätsziele eine wichtige Rolle spielen wird. Die neuen Zahlen sind ermutigend, bedeuten aber nicht, dass das 30×30-Ziel bereits erreicht ist. Denn viele ökologisch besonders wertvolle Lebensräume sind weiterhin unzureichend geschützt. Zudem kommt es darauf an, wie wirksam und langfristig der Schutz ist.
Was die Ergebnisse für den Naturschutz bedeuten und welche Rolle die Arbeit in Kasachstan dabei spielt, erklärt ZGF-Mitarbeiter und Studienmitautor Steffen Zuther.
Im Interview: Studienmitautor Steffen Zuther über das 30×30-Ziel
Steffen, erstmal herzlichen Glückwunsch zu eurer Publikation in Nature.
Steffen Zuther: Danke! Ich freue mich sehr, dass wir mit unseren Erfahrungen und Daten aus Kasachstan zu dieser internationalen Studie beitragen konnten. Geleitet wurde die Untersuchung vom britischen Durrell Institute of Conservation and Ecology an der University of Kent.
Passend zur nächsten UN-Biodiversitätskonferenz erscheint eure Studie zum 30×30-Ziel. Bisher galten 18,5 Prozent der weltweiten Landfläche als geschützt, ihr kommt auf fast 27 Prozent. Haben wir plötzlich mehr Schutzgebiete?
Nein, leider nicht! Es wurden keine neuen Schutzgebiete geschaffen, sondern die Datengrundlage erweitert. Viele Flächen, die bereits zum Naturschutz beitragen, tauchen in den internationalen Statistiken bisher gar nicht auf. In Kasachstan gibt es zum Beispiel Jagdgebiete, in denen Ranger patrouillieren, um die Wildtiere zu schützen. Unsere Partnerorganisation ACBK verwaltet ein solches Gebiet seit Jahren – quasi als ein jagdfreies, privates Schutzgebiet. Solche Flächen waren zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch nicht in den offiziellen Statistiken enthalten.

Warum tauchen solche Gebiete in den internationalen Statistiken nicht auf?
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Manche Schutzgebiete sind zwar im jeweiligen Land offiziell anerkannt, aber nicht in den internationalen Datenbanken erfasst. Andere Flächen sind gar keine klassischen Schutzgebiete, tragen aber trotzdem langfristig zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Das können zum Beispiel Gebiete sein, die von lokalen Gemeinschaften oder indigenen Bevölkerungsgruppen verwaltet werden. Oder auch Flächen, um die sich eine Naturschutzorganisation oder eine Privatperson kümmert, so wie die eben erwähnten Jagdgebiete in Kasachstan.
Und wie habt ihr diese Lücken aufgespürt?
Für die Studie wurden Daten für 25 Länder bzw. Regionen ausgewertet, die zusammen etwa zehn Prozent der weltweiten Landfläche abdecken. Dabei ist auch Expertise von vor Ort eingeflossen, um exakt zu erheben, welche Gebiete geschützt sind und welche weiteren Flächen zum Naturschutz beitragen – für Kasachstan war ich Ansprechpartner. Auf dieser Grundlage wurde dann eine globale Schätzung abgeleitet. So kommt die Studie auf 26,8 Prozent.
Naturschutz ist mehr als grüne Flächen auf einer Karte. Schutzgebiete müssen gut gemanagt, miteinander vernetzt und gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung geschützt werden. Nur so können sie die Natur wirklich bewahren.
Dann können wir beim 30-Prozent-Ziel ja schon fast die Sektkorken knallen lassen, oder?
Ein bisschen Optimismus ist sicher angebracht! Aber wir dürfen uns von den Zahlen nicht blenden lassen. Die reine Flächengröße sagt noch nicht, wie gut die biologische Vielfalt tatsächlich geschützt ist. Wichtig ist, dass besonders wertvolle Lebensräume erhalten bleiben, der Schutz vor Ort funktioniert und die Gebiete sinnvoll miteinander verbunden sind. Das sehen wir auch in Kasachstan: Saiga-Antilopen wandern über riesige Entfernungen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur einzelne Schutzgebiete zu sichern, sondern auch ihre Verbindungen zu erhalten und auszubauen.
-

Altyn Dala – Schutz der goldenen Steppe
Eine neue Nature-Studie schätzt den Anteil naturschutzrelevanter Landflächen auf 26,8 %. ZGF-Experte Steffen Zuther erklärt Chancen und Grenzen des 30×30-Ziels.
Kasachstan
In Kasachstan arbeitet ihr ja schon lange daran, ganze Landschaften zu schützen. Wie sieht das konkret aus?
Gemeinsam mit unseren kasachischen Partnern haben wir dazu beigetragen, fünf neue Schutzgebiete einzurichten und einen rund zwei Millionen Hektar großen Schutzkorridor für die Saiga-Antilopen zu schaffen. Außerdem unterstützen wir die Ausbildung von Rangern, die Überwachung der Wildtierbestände und die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Denn langfristig funktioniert Naturschutz nur, wenn die Gebiete gut betreut werden und die Menschen in der Region einbezogen sind.
Was ist also deine wichtigste Botschaft?
Die 30-Prozent Marke scheint nicht so schrecklich unrealistisch, wie man bisher dachte. Es geht aber nicht nur darum, möglichst viele Quadratkilometer auf der Karte grün einzufärben. Vielmehr muss noch viel passieren beim Management von Schutzgebieten, der Einbindung der lokalen Bevölkerung, dem Schutz von bisher vernachlässigten Ökosystemen und der Vernetzung der Schutzgebiete. Nur dann haben wir für den Schutz der Natur wirklich etwas gewonnen.
Steffen Zuther ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der ZGF und Projektmanager der Altyn Dala Conservation Initiative in Kasachstan. Er ist Co-Autor der im Fachmagazin Nature publizierten Studie und hat dafür Daten aus Schutzgebieten in Kasachstan beigesteuert.
Link zur Studie: https://www.nature.com/articles/s41586-026-11157-4