Bale Mountains: Win-Win für Menschen und den Nationalpark

Naturschutz endet nicht an der Grenze eines Nationalparks. „Community Conservation“, also die Einbeziehung der Gemeinden am Rande von Schutzgebieten, gehört bei allen Projekten der ZGF dazu. Oft ist es Unwissenheit oder Alternativlosigkeit, wenn Menschen ihr Vieh im Nationalpark weiden oder im Schutzgebiet Kaffee anpflanzen. Will man das verhindern, muss man Alternativen schaffen- die besser sind.

12.04.2021

Für mich persönliches gibt es nichts Schöneres und Erfüllenderes, als Wildtiere zu fotografieren. Diesen einen Moment einzufangen, das perfekte Foto zu machen, von einem vorbeifliegenden Vogel oder einem scheuen Säugetier. Zu meinem Beruf gehört es jedoch, neben der Schönheit von Schutzgebieten, ihrer Flora und Fauna, die Arbeit der ZGF vor Ort zu dokumentieren.

In den Gemeinden am Rande dieser Schutzgebiete treffe ich auf Menschen, die vom Schutz der Natur profitieren und somit zu Verbündeten des Naturschutzes geworden sind. Es sind ermutigende Begegnungen mit interessanten Menschen in einem oft schwierigen Lebensumfeld – wie in den Bale-Bergen im Hochland von Äthiopien.

Mutter von 12 Kindern

Nuri Aliyi lebt in dem kleinen Dorf Chiry Kebele südlich des im Bale-Mountains-Nationalpark gelegenen Harenna Forest, einem ganz besonderen Wald. Durch seine mit Moosen behangenen Bäume wirkt er wie ein Zauberwald.

Früher verdiente Nuri sich ihren Lebensunterhalt mit Viehhaltung. Das Vieh fand nur im Harenna-Wald ausreichend Nahrung. Vieh im Wald grasen zu lassen, ist jedoch illegal, der Weg dorthin ist lang und beschwerlich. Im Wald musste Nuri zudem tagelang in einem zugigen Bretterverschlag übernachten.

Heute hält sie kein Vieh mehr. Sie baut erfolgreich Weizen an und düngt diesen mit Kompost. Bei einem Workshop, veranstaltet von der ZGF, hat sie gelernt, ein modernes Kompostiersystem anzuwenden. Seither sind ihre Erträge pro Quadratmeter viel höher als mit dem alten Dünger. Das hat sie getestet. Und im Schatten ihrer Bananen- und Zuckerrohrstauden pflanzt Nuri zusätzlich Kaffee an. Kaffee hat sie zwar früher auch angebaut, allerdings verbotenerweise im Harenna-Wald im Nationalpark, weit entfernt von ihrem Dorf.

Nuri ist Alleinverdienerin. Sie hat 12 Kinder, ihr Mann hat die Familie verlassen. Dank der Unterstützung, die sie aus dem ZGF-Community-Projekt erfahren hat, kommt sie nach eigener Aussage so gut zurecht, dass sie sich neben ihren eigenen sogar um mehrere Waisenkinder kümmern kann. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, für Nuri und den Wald von Harenna.

Nuri Aliyi begutachtet mit dem ZGF-Agrarexperten Abdulahi Muhamedsani den Kompostierprozess. © Daniel Rosengren

Rettende Erbsen

Auch Sultan Mohamud und Fatuma Abdulahi profitieren von der Unterstützung durch das ZGF-Projekt in den Gemeinden. Die ständige Überweidung der kargen Vegetation hatte dazu geführt, dass ihr Land stark durch Erosion geschädigt war. Nichts wuchs dort mehr, jeder Regenschauer schwemmte Pflänzchen und Keimlinge einfach fort. Die rote Erde sah aus wie eine blutige Wunde.

Im Rahmen des ZGFCommunity-Projekts lernten beide, dass sie schmale Wasserauffangrinnen graben und dazwischen kleine Dämme aufschütten könnten. Darauf bauen sie nun Straucherbsen an. Diese Pflanze ist eine Leguminose, das heißt, sie bindet Stickstoff und bildet Wurzelknöllchen aus, die wiederum den Boden stabilisieren und Erosion verhindern.

So haben nach einiger Zeit auch andere Pflanzen wieder eine Chance, dort zu keimen und zu wachsen. Die Erbsen sind Futterpflanzen und Nahrung für das Vieh von Sultan und Fatuma. Und die Samen verkaufen die beiden inzwischen weiter an andere Kleinbauern, die ihr Land ebenfalls vor Erosion schützen möchten. So profitieren Sultan und Fatuma in mehrfacher Hinsicht von ihren Erbsen.

Wo Überweidung zu Bodenerosion geführt hat, kann der Anbau von Straucherbsen dazu beitragen, den Boden wieder zu festigen. © Daniel Rosengren

Zu Besuch bei Freunden

Früher war das eine echte Herausforderung für mich, Menschen zu fotografieren. Ich fühlte mich immer wie ein Eindringling, der die Privatsphäre der Menschen stört. Manchmal, wenn ich auf dem Weg in eines der Dörfer bin, wäre ich immer noch lieber woanders.

Dabei freuen sich die meisten Menschen über meinen Besuch und sind stolz, wenn ich sie frage, ob ich sie fotografieren darf. Die Tatsache, dass ich extra hergekommen bin, manchmal vom anderen Ende der Welt, um Fotos von ihnen zu machen, gibt ihnen oft ein Gefühl der Wertschätzung. Sie erzählen mir oft, wie ein ZGF-Gemeindeprojekt ihr Leben zum Besseren verändert hat.

So auch Ruziya Amen und Mohammed Jibril. Sie haben ein neues Haus, auf das sie sehr stolz sind und vor dem sie sich von mir fotografieren lassen wollen. Es steht neben der kleinen Hütte, in der sie früher gelebt haben. Im Rahmen des ZGF-Community-Projekts haben sie an Trainings zur Bienenzucht und Honigproduktion teilgenommen und bauen nun moderne Bienenstöcke. Seither ist ihr Honigertrag um 300 Prozent pro Bienenstock gewachsen. Ruziya hat darüber hinaus noch zehn Hühner erhalten und einen Kurs zur Hühnerhaltung besucht.

Ihr überschüssiges Einkommen legt sie in einer Mikrokreditgruppe an und freut sich über die Erträge. Honig,Hühner, Workshops und Trainings des ZGF-Community-Projekts helfen Ruziya und Mohammed dabei, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und zwar ohne die natürlichen Ressourcen des Nationalparks zu schädigen.

Die Tage, die ich in den Gemeinden verbringe, sind lang und intensiv. Aber die Freude der Menschen zu spüren und ihre Erfolge zu dokumentieren, macht auch mich glücklich. Ich kehre sehr müde in mein Camp zurück, um viele spannende Begegnungen reicher. Der Erfolg der Dorfbewohner, alternative Einkommensquellen zu nutzen und ihr eigenes Leben dadurch leichter zu machen, ist auch ein großer Erfolg für den Schutz ihrer Heimat. Eine klare Win-win-Situation für die Menschen, den Harenna-Wald und den Bale-Mountains-Nationalpark.

Imker Mohammed Jibril konnte durch moderne Bienenhaltung seinen Honigertrag um 300 Prozent steigern. © Daniel Rosengren

"Es hat sich ein gefühl der verantwortung für den parkschutz entwickelt."

Husein Indries kennt die Bale Mountains seit mehr als 25 Jahren. Er hat für die Regierung und humanitäre Organisationen gearbeitet, stets mit dem Fokus auf der Verbindung zwischen Naturschutz und dem Wohlergehen der Menschen. Seit 2015 ist er für die ZGF tätig und koordiniert unser Community-Outreach-Programm im Bale-Mountains-Nationalpark.

GORILLA: Um was geht es beim Community-Outreach-Programm?

Husein Indries: Unser Programm zielt darauf ab, die Lebensbedingungen für die Gemeinden zu verbessern und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass ihre Ressourcen besser geschützt werden – und so den Druck auf die natürlichen Ressourcen des Parks zu verringern. Unser größtes Problem dabei ist es, die Bedürfnisse der Gemeinden mit den Bedürfnissen des Naturschutzes unter einen Hut zu bekommen.

Wie viele Menschen sind in das Programm eingebunden?

Bisher haben wir mehr als 65.000 Menschen erreicht, die in 26 Dörfern außerhalb des Bale-Mountains-Nationalparks leben.

Und wie sieht die Arbeit in den Dörfern aus?

Wir zeigen Wege auf, wie sich die Menschen nachhaltige Existenzen außerhalb des Parks aufbauen können. Durch Hühnerhaltung zum Beispiel, moderne Honigproduktion, Ertragssteigerung beim Getreideanbau durch ein fortschrittliches Kompostiersystem oder den Anbau von ertragsreicheren Fruchtsorten, den Aufbau von selbstverwalteten Dorf-Sparkassen und Verschiedenes mehr. Dazu bieten wir Trainings und Workshops an.

Können Sie uns ein Beispiel nennen, wie der Nationalpark davon profitiert?

Wir werben beispielsweise dafür, Kaffee direkt am eigenen Haus anzubauen. Bislang war man landläufig der Meinung, das würde nicht funktionieren und Kaffee könne nur im Wald angebaut werden. Daher wurde er illegal im Park, im Schatten der Bäume angepflanzt. Mittlerweile sehen wir hier eine Veränderung und der Kaffee wird vermehrt zu Hause angepflanzt. Das schützt den sensiblen Harenna-Wald, einen feuchttropischen Wald, dessen Unterholz für Kaffeeanbau abgeholzt wurde.

Kaffee wird zunehmend auch nahe der Wohnhäuser angepflanzt. © Daniel Rosengren

Sind Sie zuversichtlich für Bale?

Ja. Wir machen in verschiedenen Bereichen gute Fortschritte. Über die Jahre hat das Engagement der lokalen Behörden und die gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden dazu geführt, dass sich ein Gefühl der Verantwortung für den Parkschutz entwickelt hat. Ich wünsche mir sehr, dass es so weitergeht und wir alle gemeinsam diesen einzigartigen Bale-Mountains-Nationalpark erhalten können. Wir haben schon einiges erreicht, und darauf bin ich stolz. Aber der Weg ist noch weit.

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