
Der Regen ist so stark, dass die Gruppe sich entscheiden muss: weitergehen oder umkehren. Fray Ricardo Talga ist einer der indigenen Jugendlichen aus El Tilla, die an diesem Tag zum Monitoring unterwegs sind. Doch eine Wanderung durch die Wälder Guaviares, in denen Tapire, Jaguare und Pumas leben, schreckt die jungen Naturschützer nicht ab – im Gegenteil. „Da haben wir verstanden, wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten“, sagt er.
Miguel Ángel Martínez begleitet Jugendliche wie Fray seit 2025 dabei, die Artenvielfalt in den Wäldern im Südosten Kolumbiens zu erkunden. Doch für den 31-jährigen ZGF-Mitarbeiter zur Unterstützung der Chiribiquete-Landschaft sind die Daten zu Wildtier- und Pflanzenarten nur ein Aspekt. „Es geht darum, zu lernen, den Wald aufmerksam zu lesen und Verantwortung für die eigene Region zu übernehmen“, sagt der Umweltingenieur und Tourguide.
Lernen in Wäldern und an Flussufern
Die Jugendlichen, mit denen Miguel Ángel Martínez unterwegs ist, stammen aus der Region Guaviare, genauer gesagt aus El Tilla, dem einzigen indigenen Gebiet, das sich mit Kolumbiens größtem Nationalpark Serranía de Chiribiquete überschneidet. Andere stammen aus ländlichen Gemeinden der Region. Gemeinsam streift die Gruppe durch die Natur und lernt an Flussufern, im Wald oder an Wegerändern, die die Jugendlichen aus ihrem Alltag kennen. Auch Miguel Ángel Martínez stammt von hier und nennt sich selbst gern stolz Sohn Guaviares, der Region aus Schutzgebieten und Gemeinschaften, die den Wald seit Langem bewahren.
Guaviare liegt auf den uralten Gesteinsformationen des Guayana-Schilds am Übergang zwischen dem Amazonasregenwald und den Savannen der Orinoquía, einer ausgedehnten, ebenen Landschaft, die sich bis nach Venezuela erstreckt. Die Region gehört zu den artenreichsten Gebieten Kolumbiens. Sie umfasst nicht nur wichtige Lebensräume und Wanderkorridore, sondern auch jahrtausendealte Felsmalereien wie die an der Felsformation Serranía de La Lindosa, die zu den bedeutendsten archäologischen Zeugnissen des kolumbianischen Amazonasgebiets zählen.

Was wir tun, schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Doch die Region steht unter Druck: Abholzung, Viehzucht und Landwirtschaft durch illegale Gruppen dringen immer weiter in die Randgebiete des Chiribiquete-Nationalparks vor. „Ein bewusstes Verständnis der Natur ist ein wichtiger Baustein, wenn wir unsere Region aktiv gestalten wollen“, sagt Miguel Ángel Martínez.
Wenn die Jugendlichen mit Miguel Ángel Martínez unterwegs sind, beginnt oft alles damit, genau hinzuschauen: Spuren zu finden, Pflanzen zu erkennen, Vogelstimmen zu hören. Doch die Jugendlichen lernen auch, Wasserstand und -qualität zu messen sowie Kamerafallen zu installieren und auszuwerten. Dabei identifizieren sie Vögel, Säugetiere sowie Fische mit Büchern und Smartphones und teilen ihre Erkenntnisse sowie ihre Geschichten in sozialen Medien. Mit der Zeit entsteht daraus ein bewussterer Blick auf die Landschaft und ihre Veränderungen.
Vom Staunen zur Mission
Den wachen Blick für die Landschaft hat Miguel Ángel Martínez seit seiner Jugend. Noch bevor er die Schule abschloss, begleitete er seinen Vater, der als Fahrer für Umweltorganisationen arbeitete, auf Reisen durch die artenreiche Region Guaviare. Dort, wo Savanne und Regenwald aufeinandertreffen, erlebte er, mit welcher Begeisterung Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Tiere, Pflanzen und Landschaften sprachen.
Den Begriff Naturschutz kannte er damals noch nicht. Doch die Faszination dieser Menschen für seine Heimat blieb ihm im Gedächtnis – und prägte seine weitere Laufbahn: Er absolvierte eine Ausbildung zum Tourguide, um anderen seine Landschaft näherzubringen. Zudem schloss er sein Studium der Umwelttechnik an der Nationalen Universität von Kolumbien ab und spezialisierte sich dabei auf den Schutz natürlicher Ressourcen. Heute nutzt er seine Fähigkeiten, Menschen für ihre Umgebung zu begeistern, um Wildtiere und ihre Lebensräume zu schützen.
Das GORILLA Magazin
Der Text ist ursprünglich im GORILLA Magazin Ausgabe 2/26 erschienen.
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Drei Wochen im Nationalpark
„Das Schwierigste ist, Vertrauen zu gewinnen und zu erhalten“, sagt er. Besonders in Regionen, in denen frühere Projekte oft nicht langfristig waren, braucht Zusammenarbeit vor allem Zeit. Die ZGF engagiert sich seit über zehn Jahren für den Schutz des Chiribiquete-Nationalparks und seiner Umgebung. Durch den Legacy Landscapes Fund ist die Zusammenarbeit vor Ort langfristig.
Im indigenen Territorium legte Miguel Ángel Martínez bewusst einen Grundstein für das gegenseitige Vertrauen: Bevor er begann, mit den Jugendlichen zu arbeiten, verbrachte er rund drei Wochen in El Tilla. So entwickelte er ein Gefühl dafür, was für die Menschen im Nationalpark wichtig ist – und bezog sie ein. Denn das Wissen der Ältesten spielt eine wichtige Rolle für die Naturbeobachtung. So teilten ältere Mitglieder der Gemeinschaft ihre Kenntnisse über Tiere, Pflanzen und Jahreszeiten – Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde.
Unsere Programme in Kolumbien
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Serranía de Chiribiquete
Im Südosten Kolumbiens lernen junge Menschen, Spuren zu lesen, Flüsse zu beobachten und den Wald mit anderen Augen zu sehen. Miguel Ángel Martínez begleitet sie dabei – als Naturschützer und als Sohn der Region.
Kolumbien -

Flüsse Caquetá, Apaporis und Putumayo
Im Südosten Kolumbiens lernen junge Menschen, Spuren zu lesen, Flüsse zu beobachten und den Wald mit anderen Augen zu sehen. Miguel Ángel Martínez begleitet sie dabei – als Naturschützer und als Sohn der Region.
Kolumbien
Veränderungen im Blick
Einige Jugendliche aus El Tilla, darunter Fray, engagieren sich auch mehr als ein Jahr nach der ersten Tour mit Miguel Ángel Martínez weiterhin für die Biodiversität in ihrem Territorium. Inzwischen haben sie vier Wildtierkameras installiert, die sie monatlich kontrollieren und deren Aufnahmen sie gemeinsam auswerten.
Die gesammelten Informationen helfen inzwischen auch bei Entscheidungsprozessen im indigenen Reservat El Tilla. Sie helfen dabei, saisonale Veränderungen der Flüsse besser zu deuten, wichtige Tierarten im Blick zu behalten und fundierte Entscheidungen für ihre Region zu treffen. „Was wir tun, schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit“, sagt Miguel Ángel Martínez. „Ich hoffe, dass die Gemeinschaften ein starkes Kollektiv von Naturschützern werden, die die nachhaltige Entwicklung der Region vorantreiben.“



