
An einem Novembermorgen im North-Luangwa-Nationalpark in Sambia erhält Gift Chambatu, Wildereischutzbeauftragter bei der Parkbehörde Department of National Parks and Wildlife, einen dringenden Anruf. Ein Anwohner des Dorfes Nkomba meldet einen Mann, der mit illegalem Wildfleisch aufgefallen sei – ein mutmaßlicher Wilderer. Gift handelt schnell und entsendet ein Team von Rangern, um der Sache nachzugehen. Dort, wo die einzige Population afrikanischer Spitzmaulnashörner lebt und zugleich die größte Elefantenpopulation Sambias vorkommt, gibt es für den Anti-Poaching-Ranger keine Zeit zu verlieren.
Vor Ort, in Nkomba, verschärft sich die Lage fast augenblicklich: Als die Ranger den Verdächtigen festnehmen wollen, beginnt seine Frau zu schreien und bezichtigt sie, ihm schaden zu wollen. Innerhalb weniger Minuten sind die ersten Nachbarn auf der Straße. Aus dem Geschrei wird Wut – kurz darauf fliegen Steine, während sich um das Haus eine Traube Schaulustiger versammelt. Gift Chambatus Team ist genau für solche Momente ausgebildet – und kann eine Eskalation verhindern. Vorsichtig ziehen sich die Ranger schließlich mit dem Verdächtigen sowie dem beschlagnahmten Fleisch zurück.

Frustration und Sorgen ernst nehmen
Fast 800 Kilometer entfernt, am Ufer des sambischen Tanganjikasees im Nsumbu-Nationalpark, geht ebenfalls ein Anruf ein. Bei Sturburn Chuma, Community Conservation Officer für die ZGF in Sambia, meldet sich der Dorfvorsteher von Chambezi: Ranger haben einen Mann festgenommen. Auch ihm wird der Besitz von illegalem Wildfleisch vorgeworfen – und auch hier steigen die Spannungen vor Ort rapide an. Sturburn Chuma macht sich sofort auf den Weg. Doch als er in Chambezi ankommt, wird im Gespräch mit den Beteiligten schnell klar: Die Stimmung ist zu aufgeheizt, um zusammenzufinden und den Konflikt direkt zu lösen. Deshalb fassen sie einen Plan.
Sturburn Chuma kehrt einen Monat später nach Chambezi zurück – diesmal für ein gemeinsames Treffen mit Gemeinde, Rangern und traditionellen Führern (Chiefs). Der Dialog und das gegenseitige Verständnis unterschiedlicher Gruppen im Naturschutz zu fördern, dafür setzt sich Sturburn Chuma rund um den Nsumbu-Nationalpark ein. In Chambezi bringt ein intensiver Austausch die Anliegen der Gemeindemitglieder auf den Tisch. Es hatte sich seit Längerem aufgestaute Sorgen um die persönliche Sicherheit in der Nachbarschaft der Wildtiere, aber auch die Frustration darüber, dass Ressourcen, die das Dorf seit jeher als sein Eigentum betrachtet, nun geschützt sind und nicht mehr genutzt werden dürfen.

Beziehung zu Wildtieren verstehen
Gift Chambatu und Sturburn Chuma, beide 29 Jahre alt, arbeiten seit knapp zehn Jahren im Naturschutz und kennen solche Konflikte gut. In Gemeinden, die in der Nähe von Schutzgebieten liegen, wurden Ranger teilweise über Jahre hinweg als Bedrohung und Naturschutz als Beschränkung betrachtet – auf ihrem Land, für ihre Ressourcen und in ihrer Lebensweise. Diese Sichtweise ist das Ergebnis eines veralteten Verständnisses von Naturschutz, das die Menschen zu lange ausgeblendet hat – besonders diejenigen, die betroffen sind. Und das mitunter seit Generationen.
Sturburn Chuma versteht diese Perspektive aus eigener Erfahrung. Er wuchs in Provinz Muchinga, westlich des Nsumbu-Nationalparks, auf. Die Jagd auf Wildtiere war dort ein normaler Teil des Lebens und er teilte die kritische Haltung gegenüber Rangern. Eines Tages verirrte sich ein Elefant ins Dorf und Sturburn Chuma war überwältigt, als er die Anmut und Feinseligkeit in seiner Gemeinde miterlebte. Ihm wurde klar, wie stark die Beziehungen zu Wildtieren sowie die Bedürfnisse und Einstellungen der Menschen mit dem Naturschutz verknüpft sind – und dass Naturschutz nur gemeinsam gelingen kann.
Verständnis und Verantwortung wachsen
Gemeinsam mit seinem Team setzt sich Sturburn Chuma nun rund um den Nsumbu-Nationalpark dafür ein, den Dialog zwischen Rangern und Gemeinden zu fördern. Regelmäßige Treffen zwischen Dorfbewohnern und Rangern etwa sollen dazu beitragen, Spannungen zu lösen, bevor sie eskalieren, sowie das gegenseitige Verständnis und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Männer und Frauen aus den Dörfern können ihre Anliegen zudem anonym über Feedbackboxen einreichen. Darüber hinaus fördern sogenannte Community Conservation Banks (COCOBAs) das Wachstum kleiner Unternehmen: Sie werden von den Gemeinden verwaltet und bieten Männern und Frauen die Möglichkeit zur Mikrofinanzierung – und damit eine attraktive Alternative zur Wilderei.
Weiter im Süden des Landes gibt es ähnliche Initiativen. Gift Chambatu leitet die Anti-Poaching-Aktivitäten im gesamten North-Luangwa-Nationalpark, koordiniert Patrouillen und bildet Rangerinnen und Ranger aus. Sein Team arbeitet mittlerweile mit einem Outreach-Team zusammen, das gemeinsame Treffen in den umliegenden Dörfern organisiert – zu Themen wie Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren, alternative Lebensgrundlagen und Schutz von Gemeindeeigentum. Die COCOBAs sind auch hier seit vielen Jahren Bestandteil des Naturschutzes.

Fortschritte spürbar
Dieser umfassende gemeinsame Naturschutz wirkt. Sowohl Gift Chambatu als auch Sturburn Chuma erleben, wie die Initiativen Wirkung zeigen. Mittlerweile gibt es in beiden Nationalparks zwischen Rangern und Gemeinden deutlich seltener Konflikte und alle fühlen sich sicherer. Die Sichtweise auf den Naturschutz scheint sich insbesondere bei den jungen Menschen geändert zu haben. Gift Chambatu erinnert sich daran, dass er auf eine Ausschreibung für neue Mitarbeitende im Team des North-Luangwa-Nationalparks im vergangenen Jahr über 600 Bewerbungen von motivierten Männern und Frauen aus den umliegenden Dörfern erhielt. Sturburn Chuma sieht den Wandel bereits im Klassenzimmer: In Schulen blickt er bei Vorträgen und „Karrieregesprächen“ zum Naturschutz in viele interessierte Gesichter.
Die Herausforderungen, denen sich Gift Chambatu und Sturburn Chuma in ihrem jeweiligen Job gegenübersehen, sind nach wie vor komplex – und sie reichen weit über ihren Nationalpark und Sambia hinaus. Denn im Naturschutz geht es ebenso sehr um Menschen und deren Lebensgrundlagen wie um Wildtiere und ihre Lebensräume. Die beiden jungen Sambier fühlen sich persönlich dafür verantwortlich, diese Sichtweise zu stärken. Auch damit sich die nächste Generation in vorderster Reihe wiederfindet, wenn es darum geht, den Naturschutz in ihren Gemeinden zu gestalten.
Die Autorinnen und Autoren haben sich in der Frankfurt Spring School on Conservation Project Management 2026 kennengelernt und den Artikel gemeinsam verfasst.

• Johanna Mitra studiert „Internationalen Naturschutz“ an der Georg-August-Universität Göttingen und der Lincoln University in Aotearoa (Neuseeland).
• Jana Scherbarth hat „Biodiversität, Ökologie und Evolution“ an der Georg-August-Universität Göttingen studiert und setzt sich für den Schutz der Großtrappe ein.
• Sturburn Chuma ist Community Conservation Officer der ZGF in Sambia im Nsumbu-Nationalpark.
• Gift Chambatu ist leitender Anti-Poaching-Ranger im North-Luangwa-Nationalpark in Sambia und arbeitet für die Parkbehörde Department of National Parks and Wildlife, einer Partnerorganisation der ZGF.
• Céline Partridge hat an der University of Sydney und am Taronga Institute of Science and Learning studiert und absolviert ihren Master über die Populationsdynamik von Amphibien in den Schweizer Alpen an der Universität Bern.