
Ein historischer Moment: Im Wiederansiedlungszentrum Alibi in der kasachischen Altyn-Dala-Steppe ist erstmals seit rund 200 Jahren wieder ein Przewalski-Pferd auf zentralkasachischem Boden geboren worden. Das männliche Fohlen wurde am 22. August geboren und ist der erste Nachwuchs der Wildpferde, die im Rahmen des internationalen Wiederansiedlungsprojekts in ihre ursprüngliche Heimat zurückgebracht wurden. Mutter ist die siebenjährige Stute Tessa, die in Berlin geboren wurde und vor zwei Jahren aus dem Tierpark Berlin nach Kasachstan reiste. Ein zweites männliches Tier wurde am 30. August geboren. Möglich war dieser Erfolg durch die langjährige Zusammenarbeit von zoologischen Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Forschungsinstituten und politischen Institutionen aus Europa und Asien.
„Die Rückkehr der Przewalski-Pferde ist weit mehr als die Wiederansiedlung einer einzelnen Art“, sagt Michael Brombacher, Leiter des Europareferats der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, die das Wiederansiedlungsprojekt im Rahmen der „Altyn Dala Conservation Initiative“ begleitet. „Große Wildtiere, die Pflanzen fressen, sind ein wichtiger Bestandteil natürlicher Steppenökosysteme und prägen diese Landschaften durch ihre Beweidung. Dass nun die ersten Fohlen geboren wurden, ist deshalb nicht nur ein wichtiger Schritt für die Wildpferde, sondern auch für die langfristige Wiederherstellung der zentralkasachischen Steppe. Wir sind auf einem guten Weg.“

Für die Berliner Stute Tessa ist es der erste Nachwuchs. Die Mutter des zweiten Fohlens, Umbra, wurde ebenfalls 2024 aus Berlin nach Kasachstan gebracht. Beide Stuten gehörten zu den ersten sieben Przewalski-Pferden, die unter Leitung des Zoo Prag im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ per tschechischem Militärflugzeug nach Kasachstan transportiert wurden, um dort eine stabile Population aufzubauen. Beide Fohlen sind wohlauf und standen bereits kurze Zeit nach der Geburt auf eigenen Beinen. Die Jungtiere werden nun gemeinsam mit der Herde in der weitläufigen Steppe aufwachsen – in einem Lebensraum, aus dem Przewalski-Pferde rund 200 Jahre lang verschwunden waren.
Letztes freies Wildpferd
„Die Geburt des ersten Fohlens ist das Ergebnis einer enormen Menge an Arbeit, die lange vor der Ankunft der Pferde in Kasachstan begonnen hat“, sagte Vera Voronova, Direktorin der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK). „Die Vorbereitung des Geländes und der Infrastruktur, die Organisation der komplexen Logistik für den Transport der Tiere, ihre Eingewöhnung sowie die tägliche Überwachung und Versorgung durch Fachleute, all dies war entscheidend, damit sich die Pferde erfolgreich an ihre neue Umgebung anpassen konnten. Nun steht eine neue Aufgabe vor uns, denn wir müssen das Wachstum und die Entwicklung der ersten in Kasachstan geborenen Przewalski-Pferde beobachten. Wir hoffen, dass diese erste Generation den Grundstein für eine sich selbst erhaltende Population legen wird.“
„Die Geburt des ersten Fohlens ist das Ergebnis einer enormen Menge an Arbeit, die lange vor der Ankunft der Pferde in Kasachstan begonnen hat.“
Das Przewalski-Pferd (Equus przewalskii) gilt als das letzte noch lebende echte Wildpferd. Nachdem die Art in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Wildnis ausgestorben war, überlebte sie nur dank internationaler Zuchtprogramme in Zoos. Heute soll sie im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ unter der Leitung des Zoo Prag wieder dauerhaft in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. In der Mongolei und China ist dies bereits erfolgreich gelungen. Kasachstan ist damit das dritte Land, in dem Przewalski-Pferde wieder in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. Die ersten sieben Przewalski-Pferde aus dem Tierpark Berlin und dem Zoo Prag erreichten Kasachstan 2024, später folgten unter anderem Tiere aus dem Zoo Nürnberg. Im Wiederansiedlungszentrum Alibi wurden sie zunächst in großzügigen Akklimatisierungsgehegen untergebracht. Dort konnten sie sich ein Jahr lang an das Klima, die Landschaft und die natürlichen Bedingungen ihrer neuen Heimat gewöhnen. Temperaturen von bis zu -40 Grad und die raue Umgebung der kasachischen Steppe stellen besondere Anforderungen an die Tiere.
„Emotionaler Moment“ für das Team
Anne Dohrmann, Projektbeauftragte der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, erinnert sich: „Als vor rund zwei Jahren die ersten Wildpferde wieder ihre Hufe in die kasachische Steppe setzten, sehnten wir den Tag herbei, an dem hier das erste Fohlen geboren wird. Heute ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Für unser gesamtes Team ist dies ein sehr emotionaler Moment, der Hoffnung gibt. Die beiden Fohlen sind der lebendige Beweis dafür, dass wir gemeinsam Großes schaffen können, für die Wildpferde und für das Ökosystem von Altyn Dala.“ Die ZGF engagiert sich seit 2006 in Zentralkasachstan und ist Gründungsmitglied der Altyn Dala Conservation Initiative.
Das Wiederansiedlungsprojekt ist zugleich Teil dieser Initiative und in einen umfassenden Ansatz zur Wiederherstellung der zentralasiatischen Steppenökosysteme eingebettet, zu dem auch die Erholung der Saigaantilopenbestände gehört. Als große Pflanzenfresser tragen Przewalski-Pferde dazu bei, die Landschaft offen zu halten, Samen zu verbreiten und Lebensräume für zahlreiche weitere Arten zu schaffen. Darüber hinaus können sie dazu beitragen, die Ausbreitung von Bränden in der Steppe zu begrenzen. Durch ihr Grasen halten sie die Grasvegetation kurz und reduzieren so potenziell die Menge an brennbarem Pflanzenmaterial. Neben den Przewalski-Pferden engagiert sich die Initiative auch für die Wiederansiedlung einer weiteren wichtigen Weidetierart, die aus der zentralkasachischen Steppe verschwunden war: des Asiatischen Esels, auch Kulan genannt.
Meilenstein grenzenloser Zusammenarbeit
„Dass nach Jahrhunderten wieder ein Przewalski-Fohlen in Zentralkasachstan geboren wurde, ist ein wichtiger und zugleich sehr freudiger Meilenstein“, sagt Lenka Poliaková, Direktorin des Zoo Prag. „Es ist nur einer von vielen Schritten auf dem Weg zu einer erfolgreichen Wiederansiedlung dieser Art in der Altyn-Dala-Steppe. Aber es ist ein Meilenstein, der unbedingt notwendig ist. Nachrichten wie die Geburt dieses Fohlens geben allen, die an diesem Projekt beteiligt sind, neue Energie, diesen Weg weiterzugehen.“
„Die Geburt dieses Fohlens zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn zoologische Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Wissenschaft und Behörden langfristig zusammenarbeiten“, betont auch Dr. Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark Berlin. „Sie motiviert uns, unsere Arbeit konsequent fortzuführen. Denn der größte Erfolg im Artenschutz ist nicht die erfolgreiche Zucht in menschlicher Obhut, sondern wenn eine Art wieder dort leben kann, wo sie ursprünglich zu Hause war.“
Julia Bohner, Tierärztin vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW), sagt: „Während ihres ersten Jahres in Kasachstan begleiten wir die Pferde bei der Eingewöhnung intensiv und sind für ihre tiermedizinische Betreuung verantwortlich. Dass sich die Tiere in ihrer neuen Heimat so gut eingelebt haben, dass sie sich hier erfolgreich fortpflanzen und nun die ersten Fohlen geboren wurden, ist für uns ein ganz besonderes Zeichen. Es zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind – und lässt uns hoffen, dass in den kommenden Jahren noch viele weitere Fohlen folgen werden.“
Die Wiederansiedlung der Przewalski-Pferde in Kasachstan ist eine Kollaboration zwischen dem Forst- und Wildtierkomitee des kasachischen Ministeriums für Ökologie und natürliche Ressourcen, dem Zoo Prag, der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK), der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), dem Tierpark Berlin, dem Tiergarten Nürnberg und dem Hortobágy-Nationalpark. Wissenschaftlich und veterinärmedizinisch wird das Projekt durch das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) begleitet.
Kontakt
Michael Brombacher
Leiter des Europareferats
+49 (0) 171- 9200224
brombacher@zgf.de
Anne Dohrmann
Projektmitarbeiterin, Altyn Dala Conservation Initiative
+49 (0) 69 94344632
anne.dohrmann@fzs.org
Dr. Eva Diehl
Senior Communications Manager
+49 (0) 69 9434 4611
presse@zgf.de
Julia Bohner
Tierärztin
+49(0)30 5168445
bohner@izw-berlin.de
Jan Zwilling
Science communication
+49(0)30 5168121 / +49(0)1512 6764603
zwilling@izw-berlin.de
Philine Hachmeister
Abteilungsleitung Kommunikation
+49 (0)30 / 25401‑212
presse@tierpark-berlin.de
Pressebilder & PDF
Fotos der Przewalski-Fohlen und von unseren Projektgebieten finden Sie in unserer Bilddatenbank zur freien Verwendung im Zusammenhang mit dieser Pressemitteilung.
Pressemeldung zum Download (PDF): Nach 200 Jahren: Erste Przewalski-Fohlen in der zentralkasachischen Steppe geboren (PDF)
