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In den Regenwäldern der Demokratischen Republik Kongo haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine bislang unbekannte Affenart entdeckt, die nun den Namen Colobus congoensis trägt. Die Primaten aus der Verwandtschaft der Stummelaffen sind die fünfte Affenart, die in den vergangenen 75 Jahren in Afrika neu beschrieben wurde.

Es handelt sich dabei um eine Art, die sich seit vier bis fünf Millionen Jahren evolutionär von ihren nächsten Verwandten wegentwickelt hat – das bestätigten genetische und anatomische Analysen. Die überwiegend schwarzen Tiere mit auffälligen orangefarbenen Gesichtspartien kommen ausschließlich in einem kleinen Gebiet von etwa 1.700 Quadratkilometern vor. Aufgrund des zunehmenden Drucks durch Lebensraumverlust und Jagd empfehlen das Forschungsteam, die Art als stark gefährdet einzustufen. Die Entdeckung wurde im Fachmagazin PLOS One veröffentlicht.

Der Affenart wurde der wissenschaftliche Name Colobus congoensis gegeben; vor Ort ist sie als „Likweli“ bekannt. Das überwiegend schwarze Tier mit auffälligen orangefarbenen Gesichtspartien ist erst die fünfte Affenart, die in den vergangenen 75 Jahren in Afrika neu beschrieben wurde. Versteckt in einer abgelegenen Region des Kongobeckens blieb sie trotz jahrzehntelanger wissenschaftlicher Erkundungen in Zentralafrika zunächst undokumentiert.

 

In den Regenwäldern der Demokratischen Republik Kongo haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine bislang unbekannte afrikanische Affenart identifiziert – eine der seltensten Entdeckungen in der modernen Primatologie. © Zoologische Gesellschaft Frankfurt / Daniel Rosengren

Das Rätsel um diese neue Art begann mit einer unerwarteten Sichtung im Jahr 2008, als Forschende ein Foto des Affen aufnahmen, in der das Tier teilweise verdeckt war. Ein Jahrzehnt später begegneten Forschende dem Tier erneut und konnten ein wesentlich deutlicheres Bild aufnehmen. Diese Entdeckung gab den Anstoß zu weiteren Untersuchungen des schwer zu beobachtenden Primaten.

Nun haben neue genetische, anatomische und akustische Analysen bestätigt, dass der Affe eine eigenständige evolutionäre Abstammungslinie repräsentiert. Diese hat sich vor vier bis fünf Millionen Jahren von ihrem nächsten bekannten Verwandten getrennt. Die im Fachmagazin PLOS One veröffentlichten Ergebnisse deuten außerdem darauf hin, dass die Art aufgrund ihres begrenzten Verbreitungsgebiets, des Verlusts ihres Lebensraums und des Jagddrucks bereits gefährdet sein könnte.

Entdeckt hat die Art ein internationales Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Florida Atlantic University, der Lukuru Wildlife Research Foundation, der Yale University, der City University of New York sowie des Lomami-Nationalparks und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Der rätselhafte Affe wurde in einem abgelegenen Landstrich zwischen den Flüssen Lomami und Kongo (Lualaba) im östlichen Zentrum der Demokratischen Republik Kongo gefunden, einer der biologisch bedeutendsten Regionen Zentralafrikas, in dem die Zoologische Gesellschafft Frankfurt seit vielen Jahren aktiv ist. Die Entdeckung von C. congoensis unterstreicht die wissenschaftliche Bedeutung des Lomami-Nationalparks und seiner Pufferzone in der Demokratischen Republik Kongo. Dort war mehreren Mitgliedern dieses Forschungsteams bereits 2012 eine weitere bedeutende Primatenentdeckung gelungen: der Lesula (Cercopithecus lomamiensis).

„Schutzgebiete sind essenziell für die Biodiversität weltweit”, sagt Mardoche B. Koko, Mitarbeiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt in der Demokratischen Republik Kongo und einer der Studienautoren. „Die Entdeckung der bisher unbekannten Affenart zeigt, welche außergewöhnliche Vielfalt der Lomami-Nationalpark und die umliegende Landschaft in der Demokratischen Republik Kongo beheimaten – und wie wenig wir darüber noch wissen. Für Bonobos, Waldelefanten und viele weitere bedrohte Arten ist das Schutzgebiet ein wichtiger Rückzugsort. Gemeinsam mit der kongolesischen Naturschutzbehörde ICCN und den lokalen Gemeinden arbeitet die ZGF daran, diese einzigartige Landschaft langfristig zu schützen – ganz praktische Unterstützung im Naturschutz sowie mit wissenschaftlichem Monitoring und nachhaltigen Perspektiven für die Menschen vor Ort.”

„Diese Entdeckung ist gleichermaßen aufregend und für mich von großer persönlicher Bedeutung. Sie unterstreicht die außergewöhnliche Biodiversität meines Heimatlandes und zeigt, wie vieles noch undokumentiert ist“, sagt Junior Amboko, Doktorand am Department of Biological Sciences des Charles E. Schmidt College of Science der Florida Atlantic University und einer der Studienautoren. „Es war mir eine Ehre, die Art Colobus congoensis zu nennen und damit das bemerkenswerte Naturerbe des Kongobeckens zu würdigen. Dies ist zugleich der erste Primat, der nach der Demokratischen Republik Kongo selbst benannt wurde – ein Name, der sowohl ihre globale Bedeutung als auch den lokalen Stolz hervorhebt.“ 

 

Die Entdeckung der bisher unbekannten Affenart zeigt, welche außergewöhnliche Vielfalt der Lomami-Nationalpark und die umliegende Landschaft in der Demokratischen Republik Kongo beheimaten. © Zoologische Gesellschaft Frankfurt / Daniel Rosengren

Mit seinem glänzend schwarzen Fell, den umhangartigen Schulterpartien, dem langen, geschwungenen Schwanz und einer leuchtend orange-cremefarbenen Partie um Mund und Nase besitzt C. congoensis ein auffälliges, maskenartiges Erscheinungsbild. Das unterscheidet ihn von allen anderen bekannten Stummelaffen aus der Familie der Meerkatzenverwandten. Mit einem Gewicht von knapp sieben Kilogramm ist die Art kleiner als verwandte Stummelaffen. Kennzeichnend sind ihr glattes, lichtreflektierendes Fell und die markanten Gesichtszüge, die durch lange schwarze Gesichtshaare und große, gefaltete Ohren entstehen. Weiße perianale Zeichnungen am Hinterteil unterscheiden diese Art zusätzlich von ihren Verwandten.

Genetische Analysen bestätigten, dass C. congoensis zur Gattung Colobus gehört, zeigten jedoch zugleich eine unerwartete evolutionäre Verbindung.

„Die Entdeckung von Colobus congoensis verändert unser Verständnis von der Evolution afrikanischer Affen“, sagt Kate Detwiler, Ph.D., außerordentliche Professorin für Biowissenschaften am Charles E. Schmidt College of Science der Florida Atlantic University und Seniorautorin der Studie. „Der nächste bekannte Verwandte ist Colobus satanas, der mehr als 1.200 Kilometer entfernt vorkommt. Unsere genetischen Befunde zeigen jedoch, dass sich die beiden Arten vor etwa vier bis fünf Millionen Jahren voneinander abspalteten. Damit handelt es sich um eine der ältesten bekannten evolutionären Aufspaltungen innerhalb der Colobus-Abstammungslinie.“

Anatomische Analysen spielten eine entscheidende Rolle dabei, C. congoensis als eigenständige Art zu bestätigen und jene körperlichen Merkmale zu bestimmen, durch die sie sich von anderen afrikanischen Stummelaffen unterscheidet.

„Wir verglichen die Schädel und Felle von C. congoensis mit denen anderer afrikanischer Schlankaffenarten, wodurch deutlich wurde, wie einzigartig diese neue Art ist“, sagt Julia L. Arenson, Ph.D., Postdoktorandin am Yale Institute for Biospheric Studies und einer der Studienautorinnen. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit über Stummelaffen hatte sie eine sehr umfangreiche Sammlung von Skelettdaten zusammengetragen. „Gleichzeitig konnten wir zeigen, dass die Art trotz ihrer deutlich geringeren Körpergröße Merkmale der Zähne, des Schädels und des Gesichts mit der Gattung Colobus teilt, die bei anderen afrikanischen Schlankaffen nicht vorkommen.“

Die Befunde zu Schädel und Zähnen bestätigten die genetischen Nachweise und halfen den Forschenden dabei, die formale anatomische Diagnose zu erstellen, die für die Anerkennung der Art erforderlich ist.

„Um eine neue Art benennen zu können, muss man sie zweifelsfrei nachweisen“, sagt Christopher Gilbert, Ph.D., Professor für Anthropologie am Graduate Center und am Hunter College der City University of New York und einer der Studienautoren. „Wir nutzten umfangreiche Museumssammlungen, darunter Exemplare aus dem Yale Peabody Museum und dem American Museum of Natural History sowie vergleichende Datensätze, um die Schädel und Felle mit denen bekannter afrikanischer Stummelaffen zu vergleichen. Dank dieser umfassenden Informationsgrundlage konnten wir relativ schnell und eindeutig bestätigen, dass C. congoensis eine neue Art ist.“

Die Befunde zu Schädel und Zähnen bestätigten die genetischen Nachweise und halfen den Forschenden dabei, die formale anatomische Diagnose zu erstellen, die für die Anerkennung der Art erforderlich ist. © Zoologische Gesellschaft Frankfurt / Daniel Rosengren

Der neu identifizierte Primat unterscheidet sich von anderen afrikanischen Stummelaffen nicht nur genetisch und anatomisch, sondern auch durch seine Lautäußerungen. Seine tiefen, resonanten Brüllrufe ähneln denen verwandter Colobus-Arten, weisen jedoch eine charakteristische akustische Struktur auf.

Die Forschenden bezogen lokales ökologisches Wissen ein, um die Verbreitung und das Verhalten der Art besser zu verstehen. Dazu sprachen sie mit Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Jägern in Dörfern innerhalb der Pufferzone des Lomami-Nationalparks. Nur in acht Dörfern war die Art bekannt oder konnte korrekt beschrieben werden. Die lokalen Gemeinschaften bezeichneten den Affen als „Likweli“ und „kasaba nkoni“, wobei Letzteres „der Astschüttler“ bedeutet. Sie beschrieben ihn als scheu und nur selten zu sehen.

Zwischen 2018 und 2022 dokumentierten die Forschenden 114 Sichtungen in einem geschätzten Verbreitungsgebiet von lediglich 1.700 Quadratkilometern – ein ungewöhnlich kleines Gebiet für Stummelaffen. C. congoensis scheint durch Flüsse und Waldbarrieren auf natürliche Weise isoliert zu sein und ist auf verstreute Hochwaldflächen im Kongobecken angewiesen.

Doch während die Art nun wissenschaftlich dokumentiert ist, warnen die Forschenden, dass sie möglicherweise bereits gefährdet ist. Aufgrund ihres extrem begrenzten Verbreitungsgebiets, der geringen Populationsgröße, des zunehmenden Jagddrucks und des anhaltenden Verlusts ihres Lebensraums schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, C. congoensis auf der Roten Liste der IUCN als „stark gefährdet“ einzustufen. Der größte Teil ihres bekannten Lebensraums liegt im Lomami-Nationalpark, weshalb der Schutz dieser Region für das Überleben der Art entscheidend ist.

„Wir werden immer wieder daran erinnert, dass das Kongobecken nach wie vor eines der letzten großen Grenzgebiete der Säugetierforschung weltweit ist“, sagt John A. Hart, Erstautor und Naturschutzwissenschaftler bei der Lukuru Wildlife Research Foundation. „Selbst in Regionen, die bereits wissenschaftlich erkundet wurden, kommen weiterhin völlig neue Arten ans Licht. Diese Entdeckung verdeutlicht, wie viel Biodiversität im zentralen Kongobecken noch undokumentiert ist und wie diese Region unser Verständnis der Evolution und des Schutzes von Primaten weiterhin verändert.“

„Die Entdeckung von Colobus congoensis ist sowohl ein wissenschaftlicher Triumph als auch eine ernüchternde Erinnerung daran, dass einige der seltensten Lebewesen der Erde verschwinden könnten, bevor die Welt überhaupt von ihrer Existenz erfährt“, sagt Kate Detwiler.

Weitere Mitautorinnen und Mitautoren der Studie sind Emma R. Horton und Kathryn F. Coates vom Department of Biological Sciences der Florida Atlantic University; Jean-Pierre Kapale von der Lukuru Wildlife Research Foundation sowie vom Lomami-Nationalpark und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt; Terese B. Hart, Ph.D., von der Lukuru Wildlife Research Foundation; sowie Eric J. Sargis, Ph.D., von der Yale University, dem Yale Peabody Museum und dem Yale Institute for Biospheric Studies.

„Wir werden immer wieder daran erinnert, dass das Kongobecken nach wie vor eines der letzten großen Grenzgebiete der Säugetierforschung weltweit ist“, sagt John A. Hart, Erstautor und Naturschutzwissenschaftler bei der Lukuru Wildlife Research Foundation. © Zoologische Gesellschaft Frankfurt / Daniel Rosengren

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