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Noch vor zwei Jahrzehnten standen Saiga-Antilopen kurz vor dem Aussterben. Heute ziehen wieder Millionen von ihnen durch die kasachische Steppe. Neue Karten dokumentieren ihre Rückkehr und zeigen Wanderungen von mehr als 300 Kilometern – aber auch die wachsenden Bedrohungen für ihre Lebensräume.

Neue Einblicke in die Wanderungen der Saigas

Die neuen Karten zeigen drei großräumige Wanderbewegungen in der kasachischen Steppe: zwei in der Betpak-Dala-Region in Zentralkasachstan und eine in der östlichen Ural-Region. Die Karten wurden im Atlas of Ungulate Migration veröffentlicht, einer wachsenden Sammlung von Karten zu wandernden Huftieren wie Saigas, Gnus oder Karibus. Die Online-Karten sind öffentlich zugänglich und können für Landnutzungsplanung, Infrastrukturentwicklung und Naturschutz genutzt werden.

Der Atlas wird von der Global Initiative on Ungulate Migration unter dem Dach des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals), einem Umweltabkommen der Vereinten Nationen, herausgegeben. Zusammen mit einer dritten, bereits 2024 veröffentlichten Karte bilden die beiden neuen Saiga-Karten die weltweit aktuellste räumliche Datengrundlage zu den Wanderungen der Saigas in Kasachstan.

Steffen Zuther, Naturschutzbiologe der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) und für die Altyn Dala Conservation Initiative tätig, erklärt, dass die Karten verdeutlichen, welch riesige Lebensräume Saigas benötigen, um in ihrer unberechenbaren Umwelt zu überleben. Gleichzeitig machen sie sichtbar, vor welchen Herausforderungen die Art angesichts des raschen Ausbaus der Infrastruktur in der Steppe weiterhin steht.

„Diese Karten zeigen einerseits eindrucksvoll, was gemeinsame Naturschutzbemühungen in den vergangenen 20 Jahren erreicht haben. Andererseits verdeutlichen sie, wie dringend wir weiter daran arbeiten müssen, die Bewegungsfreiheit zu erhalten, die diese ikonische Tierart zum Überleben in den weiten Landschaften Zentralasiens benötigt“, sagt Zuther, der Saigas seit 19 Jahren erforscht und ihre Wanderungen verfolgt.

Betpak Dala: Die Rückkehr einer der großen Tierwanderungen der Welt

Map showing saiga migration routes in the Betpak Dala region of central Kazakhstan
Karte mit den Wanderrouten der Saigas in der Betpak-Dala-Region in Zentralkasachstan.

Die Saigas Zentralkasachstans, die sogenannte Betpak-Dala-Population, waren einst die zahlenmäßig größte Saiga-Population der Welt. Hunderttausende Tiere zogen jedes Jahr nach Norden zu ihren Sommerweiden und mit dem Einsetzen der Winterstürme wieder nach Süden.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion führten nachlassende Strafverfolgung und wirtschaftliche Not zu intensiver Wilderei – vor allem wegen der Hörner männlicher Saigas. In der Folge wurde die Art als vom Aussterben bedroht eingestuft. Zwischen 1993 und 2003 verlor die Betpak-Dala-Population 95 Prozent ihres Bestands. Anfang der 2000er-Jahre waren nahezu keine Saigas mehr in der Steppe zu finden.

Durch erfolgreiche Schutzmaßnahmen konnte die illegale Tötung stark eingedämmt werden, und die Saigas sind in große Teile ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets zurückgekehrt. Die wenigen Tiere, die den Bestandseinbruch überlebten, bewahrten vermutlich das über Generationen weitergegebene Wissen um ihre früheren Wanderrouten. Heute legt diese Population noch immer die weltweit längsten Wanderungen der Art zurück.

Auf Grundlage von Ortungsdaten der Betpak-Dala-Saigas wies die kasachische Regierung 2014 einen ökologischen Korridor aus und stellte damit ein wichtiges Wandergebiet der Population unter Schutz.

Researchers capture a saiga antelope with a net during fieldwork in the Kazakh Steppe.
Eine Saiga-Antilope wird während Forschungsarbeiten in Kasachstan eingefangen. Das Einfangen einzelner Tiere ermöglicht es Naturschutzteams, Daten zu erheben und die Erforschung der Saiga-Populationen und ihrer Wanderbewegungen zu unterstützen.

Straßen und Eisenbahnstrecken bedrohen die Wanderrouten der Saigas

Heute stellt der rasche Ausbau linearer Verkehrsinfrastruktur jedoch die größte Bedrohung für die Saigas und die für ihr Überleben notwendigen Wanderungen dar.

Eine 2015 errichtete Eisenbahnstrecke hat einen großen Teil des ehemaligen Verbreitungsgebiets der Betpak-Dala-Saigas abgeschnitten, darunter wichtige Winterlebensräume. Zwar überqueren einige Saigas die Strecke weiterhin, Fachleute gehen jedoch davon aus, dass sie für den Großteil der Population eine erhebliche Barriere darstellt. Zusätzlich hat eine von Norden nach Süden verlaufende Straße die östlichen Saigas weitgehend von den westlichen Tieren getrennt und so zwei Teilpopulationen geschaffen.

Eine weitere Straße ist zwischen Astana und Irgiz geplant und soll durch die Sommerweidegebiete der Betpak-Dala-Saigas führen. Diese Infrastruktur würde den Wanderlebensraum der Saigas weiter zerschneiden. Biologinnen und Biologen gehen jedoch davon aus, dass sich einige der gravierendsten Auswirkungen vermeiden ließen, wenn die Bedürfnisse der Wildtiere bereits bei der Planung und beim Bau berücksichtigt werden.

Die dramatischen Auswirkungen von Infrastruktur sind bei Saigas in anderen Teilen der Region bereits sichtbar. 2015 errichtete die Regierung eine neue Eisenbahnstrecke, die das Wandergebiet der Ustyurt-Saigas durchschnitt. Seit dem Bau erreichen die Saigas ihre Winterrückzugsgebiete jenseits der Grenze in Usbekistan nicht mehr. Dadurch gingen ihnen faktisch rund 100 Kilometer ihres Wandergebiets verloren.

„Wir lernen noch immer viel über das Verhalten der Saigas und darüber, welche Maßnahmen ihnen tatsächlich dabei helfen, Eisenbahnstrecken, Zäune oder Straßen zu überwinden“, sagt Zuther. „Wir hoffen außerdem, dass aktuelle Karten es erleichtern werden, negative Auswirkungen bei der Infrastrukturentwicklung von vornherein zu vermeiden und geeignete Minderungsmaßnahmen bereits in die Planung einzubeziehen.“

Saiga herds as seen from the helicopter during the census 2016 © Timoshenko
Saiga-Herden aus der Luft während der Bestandszählung 2016 © Timoshenko

Ural-Saigas erreichen Rekordbestände

Saiga antelope migrating across the Kazakh Steppe in Kazakhstan
Millionen Saigas ziehen wieder durch die weite Steppe Kasachstans. Neue Karten zeigen ihre bemerkenswerte Erholung – und die wachsende Bedrohung ihrer Wanderrouten durch den Ausbau der Infrastruktur.

Auch die Saigas der Ural-Region erlebten in den vergangenen Jahrzehnten einen ähnlichen Bestandseinbruch und eine anschließende Erholung. Heute ist ihre Population so groß wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. In den vergangenen Jahren führten ihre Wanderungen die Tiere gelegentlich über die Grenze nach Russland und brachten sie dort sowie in Kasachstan zunehmend mit Landwirtschaft und Viehhaltung in Kontakt.

Als Reaktion darauf begann die kasachische Regierung 2025 mit einer staatlich kontrollierten Bejagung, um die Größe der Population zu begrenzen. Naturschutzorganisationen wie die Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK) arbeiten mit der Regierung zusammen, um sicherzustellen, dass die Entnahme nachhaltig erfolgt, und um Lösungen für Konflikte zwischen Menschen und Saigas zu entwickeln.

„Wir sind überzeugt, dass die Lebensgrundlagen der Menschen, wirtschaftliche Entwicklung und der Schutz der Saigas in diesem Land miteinander vereinbar sind – und genau auf dieses Ziel arbeiten wir hin“, sagt Albert Salemgareyev, Biologe bei der ACBK.

Eine Zukunft für Saigas und Menschen gestalten

Die Zukunft der Saiga-Antilopen in Kasachstan wird weiterhin gestaltet. Karten wie jene, die im Atlas veröffentlicht wurden, können Naturschutzmaßnahmen unterstützen und Planungsverantwortlichen dabei helfen zu entscheiden, wo neue Infrastruktur entstehen sollte – oder Gebiete zu identifizieren, in denen ein erhöhtes Konfliktrisiko zwischen Saigas und landwirtschaftlichen Betrieben besteht.

„Die weiten Wanderungen der Saigas zeigen, wie wild und zusammenhängend große Teile Kasachstans noch immer sind“, sagt Salemgareyev. „Hier befinden sich einige der weltweit natürlichsten Graslandökosysteme. Unser Ziel ist es, sie zum Wohl von Wildtieren und Menschen zu schützen.“

Mapping saiga movements in the Kazakh Steppe
ZGF-Projektmanager Steffen Zuther betrachtet gemeinsam mit Rangern eine Karte auf seinem Computer. Neue räumliche Daten helfen dabei, die Wanderungen der Saigas in Kasachstan besser zu verstehen.