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Millionen Saiga-Antilopen durchstreifen wieder die Steppen Kasachstans, auf Routen, die lange unsichtbar waren. Ein digitaler Atlas macht ihre Wanderungen sichtbar und zeigt auf Basis neuer umfassender Daten der ZGF, warum ihr Schutz weit über einzelne Schutzgebiete hinausgehen muss.

Wenn sich große Herden in Bewegung setzen, durchqueren sie Landschaften oftmals nach einem bestimmten Muster. Jahr für Jahr ziehen so auch die Saiga-Antilopen durch die Weiten Zentralasiens. Sie folgen dem frischen Grün, meiden tiefe Schneelagen und weichen Dürreperioden aus – und finden immer wieder zu ihren Kalbungsplätzen zurück. Diese Wanderungen gehören zu den eindrucksvollsten Naturphänomenen der Steppe. Trotzdem haben Forschende erst seit Kurzem damit begonnen, diese Langstreckenbewegungen systematisch zu dokumentieren.

Nun können wir diese Wanderungen besser nachvollziehen: im Atlas of Ungulate Migration, einer frei zugänglichen, wissenschaftlich fundierten Online-Plattform, die Bewegungsdaten von Huftieren weltweit bündelt – von Gnus und Elefanten über Rentiere bis hin zu Saigas. Die ZGF lieferte dafür jetzt neue Daten über die Wanderungen der Antilopen in Kasachstan, unter anderem zur größten Saiga-Population im Zentrum des Landes, die im Frühjahr veröffentlicht wurden. Damit enthält der Atlas nun Karten zu den Wanderungen aller drei Saiga-Populationen Kasachstans und visualisiert die Saiga-Wanderungen damit weltweit am genauesten.

Als die Global Initiative on Ungulate Migration (GIUM) den digitalen Atlas 2024 veröffentlichte, steuerte die ZGF bereits Monitoringdaten für die Ustyurt-Population bei, die im Westen Kasachstans wandert. Im Februar 2026 kamen nunmehr die Wanderungen der Betpak-Dala-Population, der größten Saiga-Population mit Verbreitungsgebiet im Zentrum des Landes, sowie der Ural-Population, die im Westen des Landes bis nach Russland wandert, dazu.

Mapping saiga movements in the Kazakh Steppe
Die Bewegungsdaten der Saiga-Antilopen basieren auf der Feldarbeit der ZGF und ihrer kasachischen Partner vor Ort - seit insgesamt mehr als einem Jahrzehnt sind Ranger und Forschende für das Monitoring im Einsatz.

Satellitenhalsbänder für flinke Antilopen

Die Daten für den Atlas stammen aus aufwendiger Feldarbeit: Seit 2009 wurden insgesamt über 150 Tiere in den zwei Populationen beobachtet. Um ihre Bewegungsmuster nachzuvollziehen, werden einzelne Saiga-Antilopen mit Satellitenhalsbändern ausgestattet, die täglich ihre Positionen übermitteln. Um diese anzulegen, müssen die Tiere zunächst eingefangen werden. „Das ist bei einem der schnellsten Landsäugetiere der Erde keineswegs einfach“, sagt Steffen Zuther, Projektmanager der Altyn Dala Conservation Initiative und wissenschaftlicher Mitarbeiter für die ZGF in Kasachstan. Das Team treibt jede Saiga einzeln mit einem Geländemotorrad in ein Netz, das auf dem Boden ausgebreitet ist. An den Enden warten Helfer, die es im richtigen Moment hochziehen.

„Diese Methode hat sich als sehr erfolgreich und sicher erwiesen. Wir verfolgen ein Tier für maximal vier Minuten, um den Stress gering zu halten und Verletzungen zu vermeiden. Ist die Antilope in dieser Zeit nicht im Netz, konzentrieren wir uns auf ein anderes Tier“, sagt Steffen Zuther. Nach dem Einfangen sind weitere vier Minuten für Untersuchungen und das Anbringen des Halsbandes eingeplant. „Dank dieses Vorgehens können wir die Saiga-Antilopen stets in gutem Zustand und mit einem Halsband versehen wieder in die Steppe entlassen.“

Die besenderten Tiere liefern wertvolle Informationen darüber, wann und wohin sie wandern, wie schnell sie sich bewegen und welche Landschaftselemente sie meiden oder bevorzugen. So entsteht ein detailliertes Bild davon, wie die Saiga-Antilopen weite Strecken auf der Suche nach Nahrung, nach sicheren Plätzen zum Kalben sowie dem Schutz vor extremen Wetterbedingungen zurücklegen. Nach der jetzt veröffentlichten Analyse legen die Tiere aus der zentralen Betpak-Dala-Population dabei im Durchschnitt rund 250 Kilometer pro Saison zurück, einzelne Tiere sogar bis zu 500 Kilometer. In der Ural-Population waren es im Schnitt rund 130 Kilometer.

Der Vergleich der Bewegungsmuster zeigt, wie unterschiedlich Populationen auf Landschaftsveränderungen und Wetterbedingungen reagieren und wo sich ihre Routen über Jahre hinweg verschieben. Denn Saiga-Wanderungen sind nicht jedes Jahr gleich. Niederschläge, Schneehöhen, Dürreperioden und das Wachstum der Vegetation beeinflussen, wann die Tiere aufbrechen und welche Wege sie wählen. Gerade deshalb sind Langzeitdaten so wertvoll. Sie zeigen nicht nur eine Momentaufnahme, sondern auch Muster in einer sich ständig verändernden Landschaft.

Für den Schutz der Tiere ist das entscheidend. Wenn bekannt ist, welche Gebiete die Tiere in guten wie in schwierigen Jahren nutzen, lassen sich Schutzgebiete, ökologische Korridore und Infrastrukturmaßnahmen sinnvoller planen. Der Atlas macht diese Zusammenhänge auch für Menschen nachvollziehbar, die nicht täglich mit Telemetriedaten arbeiten: etwa Behörden, Planungsbüros oder politische Entscheidungsträger.

Researchers capture a saiga antelope with a net during fieldwork in the Kazakh Steppe.
Saiga-Antilopen gehören zu den schnellsten Landsäugetieren der Erde. Umso schwieriger ist es, einzelne Tiere kurzzeitig mit Netzen einzufangen, um sie später mit Sendern für das Monitoring auszustatten.

Wissen, wo die Tiere hinziehen

„Wandernde Tiere sind besonders schwer zu schützen, da sie sich weit über die Grenzen einzelner Schutzgebiete hinausbewegen“, sagt Prof. Dr. Thomas Müller vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt. Der Biologe ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der GIUM, die den Atlas federführend betreut und unter der Schirmherrschaft der Bonner Konvention tätig ist.

Die Initiative GIUM hat zum Ziel, Wanderbewegungen von Huftieren weltweit zu dokumentieren, besser zu verstehen und zu schützen. Dafür bündelt das internationale Netzwerk aus Forschung und Naturschutz wissenschaftliche Daten sowie lokale Expertisen und stellt sie frei zur Verfügung.

„Der Atlas ist wichtig, weil er vereinzelte Ortungsstudien und lokales Wissen in eine globale, lebendige Karte verwandelt, die zeigt, wohin sich Huftiere bewegen und auf welche Routen sie angewiesen sind“, so Thomas Müller. Der Atlas deckt wichtige Migrationskorridore und saisonale Verbreitungsgebiete auf. Er liefert Regierungen und Naturschutzfachleuten so konkrete Informationen, um Schutzgebiete besser zu planen sowie Straßen und Zäune neu zu gestalten. Er hilft, neue Entwicklungen so vorzusehen, dass sich die Tiere weiterhin frei bewegen können.

Wanderungen für ein stabiles Ökosystem

Aufgrund des rasanten ökonomischen Aufschwungs Kasachstans und der wachsenden Bedeutung des Landes als Transitland zwischen China und Europa wurde die lineare Infrastruktur vielerorts stark ausgebaut. Die Entwicklung hält an. Eisenbahnstrecken, Straßen und Zäune schränken die Bewegungsfreiheit der Saiga-Antilopen immer mehr ein. Zwar gelingt es einigen Tieren, sie zu überqueren, für viele bleiben sie jedoch ein Hindernis. Zudem setzen ihnen Licht und Lärm der Fahrzeuge zu. All das wirkt sich auf ihre körperliche Verfassung aus, vermindert ihre Fortpflanzung und erhöht die Sterblichkeit.

Für die Saiga-Antilopen sind diese Wanderungen überlebenswichtig. Gleichzeitig prägen sie selbst diese Landschaft: Durch ihre Wanderungen vermeiden sie eine zu starke Beweidung, sorgen für eine große Pflanzenvielfalt, transportieren Samen über weite Strecken und schaffen eine gesunde Dynamik in einem Ökosystem, das von ständiger Veränderung lebt. Ihre weitläufige Migration ist damit für die Stabilität der gesamten Steppe entscheidend.

Die ZGF setzt sich seit vielen Jahren zusammen mit ihren Partnern der Altyn Dala Conservation Initiative, wie etwa der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan, für die Saiga-Antilopen ein. Neben dem Monitoring der Saiga-Antilopen erhebt die ZGF in Kasachstan auch Bewegungsdaten für andere systemrelevante Huftiere wie Kulane und Przewalski-Pferde. Diese sollen in Zukunft ebenfalls im Atlas veröffentlicht und für die Forschung und die Politik zur Verfügung stehen – sowie einen ganzheitlicheren Blick auf diese wichtige Landschaft ermöglichen.

Zum Online-Atlas: www.cms.int/en/gium/migration-atlas

Die drei Saiga-Populationen in Kasachstan
Millionen Saiga-Antilopen durchqueren die Steppen Kasachstans auf saisonalen Wanderrouten und treffen dabei zunehmend auf Barrieren wie Straßen, Eisenbahnlinien und Zäune. Die Karte zeigt die Verbreitungsgebiete der drei Populationen Ural, Ustyurt und Betpak-Dala. Wie komplex die Wanderungsmuster aussehen können, zeigt der vergrößerte Ausschnitt der zentralen Betpak-Dala-Population, in dem jede graue Linie die Wege eines besenderten Tiers darstellt. Zu erkennen sind hier auch die Zonen, in denen sich die Antilopen vorwiegend im Sommer (Summer Range) oder im Winter aufhalten (Core Winter Range).

Anja Schuller ist freie Journalistin. Als Autorin schreibt sie über Naturthemen.