Der hohe Preis des Goldes

Quecksilber aus illegaler Goldwäsche gelangt über Flüsse und
Nahrungsketten bis in entlegene Schutzgebiete des Amazonas.
Eine neue Studie aus der peruanischen Region Loreto zeigt, wie
stark die lokale Bevölkerung bereits betroffen ist und warum das
Problem weit über nationale Grenzen hinausreicht.

21.04.2026, FZS

Quecksilber hinterlässt zunächst keine sichtbaren Spuren. In seiner
für Mensch und Tiere gefährlichsten Form ist es geruchlos, verfärbt
Wasser nicht und ist kaum herauszuschmecken. Das Schwermetall
wandert mit den Flüssen, wird dort von Mikroorganismen in Me-
thylquecksilber umgewandelt und reichert sich als solches entlang
der Nahrungskette an. Und so landet es schließlich auf den Tellern
der Menschen, die von den Flüssen leben.

Quecksilber kommt in geringen Konzentrationen in der Natur vor –
auch im Amazonasgebiet. In vielen und immer mehr Bereichen dort
wird jedoch die Quecksilberkonzentration in der Umwelt durch
­ illegale Goldwäsche stark erhöht. Dort wird dieses Schwermetall ein-
gesetzt, um aus Flusssedimenten auch feinste Goldpartikel zu gewin-
nen. So gelangt es in Flüsse und Böden.

Eine neue Studie hat erstmals systematisch gemessen, wie stark die
Bevölkerung in Loreto, einer Region im Norden Perus, in der auch
die ZGF aktiv ist, bereits mit Quecksilber belastet ist. Die Ergebnisse
bereiten Grund zur Sorge – und lassen auf schwerwiegende Folgen
für Gesundheit und Ernährungssicherheit der betroffenen Menschen
schließen.

Die Region Loreto im Norden Perus - ein zentraler Teil des Amazonasgebiets und wichtiger Lebensraum für zahlreiche Arten. Über Flüsse und Nahrungsketten gelangt Quecksilber aus illegaler Goldgewinnung selbst in diese abgelegenen Schutzgebiete. © André Baertschi

Großteil der Probanden im kritischen Bereich

Die Untersuchung wurde vom Centro de Innovación Científica Ama-
zónica (CINCIA) unter Leitung der Umweltwissenschaftlerin Clau-
dia Vega durchgeführt, zusammen mit der ZGF in Peru. Analysiert
wurden Haarproben von mehr als 430 Menschen aus neun Gemein-
den in den Einzugsgebieten der Flüsse Nanay Pintuyacu und Putu-
mayo. Haarproben gelten international als etablierter Biomarker für
die langfristige Aufnahme von Methylquecksilber, der organischen,
besonders giftigen Form von Quecksilber. Für möglichst aussagekräf-
tige und verlässliche Ergebnisse kombinierte das Forschungsteam sie
mit Fisch-und Sedimentproben aus den Flussgebieten.

Belastung deutlich über Grenzwerten

Rund um den Fluss Nanay Pintuyacu lag der durchschnittliche
Quecksilbergehalt bei 8,41 Milligramm pro Kilogramm Haar, am
­ Putumayo sogar bei 15,67 Milligramm, mit Spitzenwerten von über
50 Milligramm. Ein Großteil der untersuchten Bevölkerung über-
schreitet damit deutlich die gemeinsame Empfehlung der Weltge-
sundheitsorganisation (WHO) und der Welternährungsorganisation
(FAO) von maximal 2,2 Milligramm pro Kilogramm, ab denen ge-
sundheitliche Risiken nicht mehr auszuschließen sind. Die Werte
sprechen dafür, dass die Betroffenen das Gift über eine längere
Zeit aufgenommen haben. Besonders gefährdet sind schwangere Frauen und Kinder. Im Einzugsgebiet des Putumayo sind laut Ana-
lyse 81 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter diesem erhöhten
Gesundheits­ risiko ausgesetzt.

„Diese Zahlen stehen nicht für abstrakte Belastungen, sondern für
reale Menschen“, sagt Claudia Vega. „Methylquecksilber kann das
zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark, angreifen,
auch bei Babys im Mutterleib. Die Folgen sind schwerwiegend und
können lebenslang sein.“

„Diese Zahlen stehen nicht für
abstrakte Belastungen, sondern für
reale Menschen.“

Claudia Vega, Wissenschaftlerin vom Centro de Innovación Científica Amazónica (CINCIA)
Arowana-Fisch aus der Region des Yaguas-Flusses in Peru - Nahrungsquelle und Einkommensgrundlage, zugleich potenzieller Träger von Quecksilber, das unsichtbar und geruchlos in die Nahrungskette gelangt. © Daniel Rosengren

Das Gift aus der Goldwäsche

Quecksilber zählt laut Weltgesundheitsorganisation zu den gefähr-
lichsten Umweltgiften. Die Belastung in Loreto ist ein lokales Sym-
ptom eines globalen Problems: der steigenden Nachfrage nach Gold.
Der hohe Goldpreis lockt immer mehr Goldwäscher an, fast die
Hälfte des Goldes in Peru wird illegal gewonnen. Weil es kaum Kon-
trollen gibt und Strafen nur selten verhängt werden, setzt sich der
Goldrausch im peruanischen Dschungel beinahe ungehindert fort.
„Jeder Goldring hat eine Geschichte“, sagt Vega. „Viele Konsumen-
ten wissen nicht, woher ihr Gold stammt und dass es illegal abgebaut
worden sein könnte und die Menschen und die Artenvielfalt im Ama-
zonasgebiet, dem größten tropischen Regenwald der Welt, vergiftet.“

Das bestätigen auch die Fischproben aus den Flüssen und von loka-
len Märkten. Vor allem große Raubfische, die das Schwermetall mit
ihren Beutetieren aufnehmen, weisen hohe Belastungen auf. Für viele
Peruanerinnen und Peruaner, die entlang der Flüsse leben, ist Fisch
die wichtigste Eiweißquelle und kaum vom Speiseplan wegzuden-
ken. „Das Tragische ist“, so Vega, „dass viele Gemeinden selbst keine
Goldgewinnung betreiben. Sie tragen die Folgen einer Zerstörung,
die anderswo beginnt und über die Flüsse zu ihnen kommt.“

Echte Handarbeit: Fischerei mit einem einfachen Netz hat Tradition am Putamayo. © Daniel Rosengren/ZGF

Schadstoffe erreichen abgelegene Regionen

Das Amazonasgebiet ist weit verzweigt. Die Schadstoffe wandern oft
über hunderte Kilometer, auch in entlegene Schutzgebiete. In der Re-
gion Yaguas-Putumayo unterstützt die ZGF seit Jahren den Schutz des Gebiets. Ein strategisch wichtiger Rangerposten im Yaguas-Nationalpark
soll helfen, illegale Aktivitäten frühzeitig zu erkennen
und zu verhindern.

„Unsere Ranger sind die Augen und Ohren im Gebiet“, erklärt Claus
Garcia, Koordinator der ZGF für die Landschaft Yaguas-Putumayo
und Mitautor der Studie. „Nachdem Baggerschiffe innerhalb des Schutzgebiets entdeckt wurden, koordiniert die Gebietsleitung nun
gemeinsam mit den Behörden Maßnahmen zu deren Beseitigung.
Wir sind besorgt darüber, wie dieser Druck von außen wächst. Ohne
Präsenz vor Ort würden Schutzgebiete, die Rückzugsgebiete für viele
Arten sind, schnell verlorengehen.“

„Wenn Flüsse vergiftet werden,
leidet das gesamte Gefüge: Ökosysteme
genauso wie die Menschen, die von
ihnen abhängen.“

Claus Garcia, ZGF-Koordinator der Landschaft Yaguas-Putumayo

Problem entlang des gesamten Amazonas

Die Studie reiht sich ein in frühere Untersuchungen aus dem kolum-
bianischen Amazonasgebiet, die erhöhte Quecksilberwerte bei Men-
schen und Fischen nachgewiesen haben. Eine der Untersuchungen
hat die ZGF gemeinsam mit indigenen Gemeinden vor Ort durch-
geführt (siehe GORILLA 1/2025). Die beiden Studien zeichnen ein
­ klares Bild: In vielen Gebieten am Amazonas ist Quecksilber eine
stille Bedrohung für Mensch und Natur. Und sie breitet sich aus,
denn mit den Flüssen gelangt das Quecksilber auch in die Ozeane.

Für die ZGF ist der Schutz der Biodiversität untrennbar mit dem
Schutz der lokalen Bevölkerung verbunden. „Naturschutz endet
nicht an der Grenze eines Nationalparks“, sagt Garcia. „Wenn Flüsse
vergiftet werden, leidet das gesamte Gefüge: Ökosysteme genauso
wie die Menschen, die von ihnen abhängen.“

Die Studie aus Peru liefert eine wissenschaftliche Grundlage, um ver-
stärkt für dieses Problem zu sensibilisieren. Sie zeigt, wie dringend
nötig stärkere Kontrollen gegen illegale Goldgewinnung, internationale
Verantwortung und langfristige Unterstützung für Schutzgebiete
sind. Denn für die Menschen im Amazonasgebiet entscheidet sich
nicht nur die Zukunft ihrer Umwelt, sondern auch die ­ ihrer Kinder.

– von Anja Schuller.

Bei einem Workshop besprechen lokale Gemeinden aus Loreto, CINCIA und die ZGF in Peru die Ergebnisse der Studie über Quecksilberwerte. © CINCIA

SO WIRKT QUECKSILBER IM KÖRPER

Quecksilber wirkt als starkes Nervengift, aber nicht sofort. Die
Schäden entstehen schleichend, oft über Jahre. Vor allem in
seiner organischen Form als Methylquecksilber gelangt es über
den Blutkreislauf ins Gehirn und kann dort irreversible Schäden
verursachen. Bei Erwachsenen kann eine langfristige Belastung
zu Konzentrationsstörungen, Gedächtnisproblemen, Zittern und
Koordinationsschwierigkeiten führen. Auch Herz-Kreislauf-Erkran-
kungen werden mit erhöhter Quecksilberaufnahme in Verbindung
gebracht. Besonders gefährdet sind ungeborene Babys und
Kleinkinder. Methylquecksilber überwindet die Plazenta und kann
die Gehirnentwicklung des Fötus beeinträchtigen. Mögliche Folgen
sind verminderte Lernfähigkeit, Sprach- und Motorikstörungen
sowie eine dauerhaft eingeschränkte kognitive Entwicklung. Schon
Belastungen, die bei Erwachsenen kaum Symptome auslösen, kön-
nen hier gravierende Auswirkungen haben. Über die Muttermilch
können auch Neugeborene damit in Kontakt kommen.

Fisch ist ein wichtiger Teil der Ernährung für viele Menschen im Amazonasgebiet - hier angeboten auf einem lokalen Markt in El Estrechno. © Daniel Rosengren/ZGF

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