Seit vier Jahren sind die Erinnerungen dieselben: der Schock am frühen Morgen des 24. Februar 2022, als Russland in der Nacht die gesamte Ukraine brutal angriff.

Vier Jahre Krieg – und warum wir die Schutzgebiete der Ukraine gerade jetzt stärken
In den ersten Stunden überschlugen sich die Gedanken. Wie geht es unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? Wer ist in Sicherheit? Wen müssen wir aus den Gebieten herausbringen, wo Gefahr droht? Und wie können wir den tausenden Menschen helfen, die in den Gebäuden der Nationalparks in den sicheren Karpaten Zuflucht suchen?
Die Situation war chaotisch – und gleichzeitig war sofort klar: Wir müssen handeln.

Schnelle Unterstützung für Schutzgebiete und Menschen in der Ukraine
Nur wenige Tage vor der Invasion hatten wir in der Ukraine drei Pickups zugelassen. Wir hatten ein starkes Team in den Karpaten und Zugang zu Diesel. Was unter normalen Umständen nebensächlich wirkt, wurde in diesen Tagen entscheidend. Dank einer überwältigenden Spendenbereitschaft konnten wir innerhalb kürzester Zeit reagieren. Schon nach wenigen Tagen lieferten wir Hilfsgüter in die Schutzgebiete. Wir versorgten Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten, organisierten Betten und Matratzen. Mehr als 3.000 Schlafplätze richteten wir in kürzester Zeit ein. Über 100 Tonnen Lebensmittel, Medizin und Ausrüstung brachten wir in den ersten Wochen und Monaten nach Beginn des russischen Angriffs in insgesamt 35 Schutzgebiete des Landes – auch im Osten, unweit der Front, wo Menschen Schutz in Verwaltungsgebäuden der Nationalparks suchten.

Schutzgebietsmitarbeitende unter doppeltem Druck
Für die Verwaltungen der Schutzgebiete war diese Zeit eine doppelte Belastung. Viele Mitarbeitende meldeten sich freiwillig zur Verteidigung des Landes und fehlten plötzlich. Gleichzeitig mussten sie eine humanitäre Aufgabe bewältigen, auf die niemand vorbereitet war. Dass schnelle Hilfe dennoch möglich wurde, lag auch an der Solidarität über Ländergrenzen hinweg. Die rumänische Foundation Conservation Carpathia (FCC) stellte Lebensmittel, Transport und Spenden zur Verfügung. Nationalparks und Biosphärenreservate in Deutschland beteiligten sich ebenfalls; Mitarbeitende nahmen Urlaub und fuhren Hilfsgüter selbst an die polnisch-ukrainische Grenze. In diesen Wochen wurde deutlich, wie eng Schutzgebiete europaweit miteinander verbunden sind.

Warum die Unterstützung von Nationalparks im Krieg entscheidend ist
Mitten in einem Krieg, der täglich Menschenleben fordert, Städte zerstört und Felder wie Gewässer auf lange Zeit belastet, stellt sich dennoch eine berechtigte Frage: Warum ist es in dieser Ausnahmesituation wichtig, gerade die Nationalparks weiter zu unterstützen?
Weil Schutzgebiete in der Ukraine heute mehr sind als Orte des Naturschutzes. Sie sind Rückzugsräume für Menschen. Die waldreichen Karpaten ermöglichen Familien eine Pause vom Kriegsgeschehen. Kinder aus Kyiv und anderen Großstädten erleben fernab von Luftalarm und ständiger Unsicherheit einige Tage Normalität. Sie schlafen wieder ruhig. Sie atmen auf.
Schutzgebiete als Orte der Stabilität
Gemeinsam mit Schutzgebieten in den Karpaten haben wir deshalb ein großangelegtes Umweltbildungsprogramm aufgebaut. Mehr als 1.300 Kinder haben in den vergangenen eineinhalb Jahren an Exkursionen in die wilde Natur teilgenommen. Eigens angeschaffte Busse bringen Gruppen aus unterschiedlichen Regionen des Landes in die Berge. Neue Camps entstehen, damit Kinder und Jugendliche Zeit in einer Umgebung verbringen können, die Stabilität vermittelt, wo sonst Unsicherheit herrscht.
Doch die Bedeutung der Schutzgebiete reicht weit über diesen Moment hinaus.

Die Karpaten und die Polesie: Schlüsselregionen der Biodiversität in Europa
Die Urwälder im ukrainischen Teil der Karpaten und das riesige Binnenfeuchtgebiet der Polesie gehören zu den wertvollsten Naturlandschaften Europas. Sie speichern große Mengen Kohlenstoff, regulieren Wasserhaushalte, bieten Lebensraum für eine außergewöhnliche Vielfalt an Arten und sind Teil des ökologischen Rückgrats unseres Kontinents. Gerade in Zeiten von Krieg und politischer Instabilität besteht die Gefahr, dass solche Gebiete geschwächt oder nach einem Kriegsende wirtschaftlichem Druck ausgesetzt werden.
Um sie zu erhalten, braucht es starke, handlungsfähige Nationalparks – mit funktionierenden Verwaltungen, ausgerüsteten Rangerinnen und Rangern, stabiler Infrastruktur und verlässlicher Finanzierung.

Jetzt handeln – für die Zeit nach dem Krieg
Deshalb unterstützen wir derzeit 20 Nationalparks und Schutzgebiete in den beiden wichtigsten Naturlandschaften des Landes, der Polesie und den Karpaten, mit dem, was sie konkret benötigen. In einer eigenen Werkstatt reparieren wir Fahrzeuge der Parks zuverlässig und kostenfrei. Wir beschaffen Ausrüstung für Ranger, sanieren Gebäude, verbessern Wärmedämmung, installieren Solaranlagen und effiziente Heizsysteme, um die Unterhaltskosten zu senken. Wir renovieren Unterkünfte für Besucherinnen und Besucher und modernisieren Besucherzentren, damit Schutzgebiete langfristig eigene Einnahmen erzielen können. Denn nur wirtschaftlich stabile Parks können ihre Schutzfunktion dauerhaft erfüllen.
Kriege hinterlassen nicht nur menschliche, sondern auch ökologische Narben. Wenn die Zeit des Wiederaufbaus kommt, wird es entscheidend sein, dass die letzten großen Wälder Europas in den Karpaten und das artenreiche Feuchtgebiet der Polesie nicht weiter unter Druck geraten. Indem wir die Schutzgebiete jetzt stärken, sichern wir ihre Handlungsfähigkeit für die Zukunft.
Was auch immer die kommenden Jahre bringen werden, eines ist für uns klar: Wir stehen an der Seite der Schutzgebiete in der Ukraine. Wir unterstützen die Menschen, die dort arbeiten und leben – solange es nötig ist und mit allem, was möglich ist. Und wir tun dies in der Überzeugung, dass der Schutz dieser einzigartigen Landschaften nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa von Bedeutung ist.


















