Wollt ihr mehr Wald?

Ob Naturschutz funktioniert und sich die Erweiterung eines Schutzgebietes durchsetzen lässt, das hängt auch ganz wesentlich von der Akzeptanz der Menschen vor Ort ab.

Von Robert Brozovic

„Die sind ja komplett nass geworden!“, sage ich zu meinen ukrainischen Kolleginnen Maria Galaiko und Zoryana Stotsko. „Moment, ich hole nochmal 300 Stück aus dem Auto.“ Ich stapfe wieder nach draußen. In den Händen halte ich regendurchtränkte Fragebögen. Der nächste Windstoß haut mir buchstäblich meine eigenen Worte um die Ohren. Dabei hatte es doch so entspannt angefangen, hier an einer Grundschule in einem abgelegenen Dorf in den Ukrainischen Karpaten. Ganz in der Nähe befindet sich der Verhovynskyi-Nationalpark – eine Hochburg der Artenvielfalt in Europa. Wir sind hier, um herauszufinden, wie die Bevölkerung in dieser Region zu dem Schutzgebiet steht und welchen Stellenwert die Natur für die Menschen hier hat. Dafür führen wir diese Umfrage durch. Mit Tausenden von Zetteln, fester Entschlossenheit und manchmal auch mit etwas Druckerschwärze im Gesicht.

Ukrainian forest
In der Ukraine gibt es noch völlig unangetasteten Buchen-, Tannen- und Fichtenwälder ©Sergey Kantsyrenko

Die Karpaten sind die flächenmäßig größte Gebirgskette Europas, mit einigen der letzten zusammenhängenden und teils völlig unangetasteten Buchen-, Tannen- und Fichtenwäldern des Kontinents. Während der letzten Eiszeit war der Gebirgszug nicht von Gletschern bedeckt und viele Tier- und Pflanzenarten konnten sich dorthin zurückziehen. In den Karpaten leben daher besonders viele Endemiten, also Arten, die nur dort vorkommen, wie zum Beispiel der Karpatenmolch, aber auch zahlreiche Orchideenarten. In den großen Wäldern, vor allem in den Ukrainischen Karpaten, leben unter anderem Wölfe, Luchse und Bären. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt setzt sich dafür ein, dass das so bleibt. In einem von der KfW Entwicklungsbank finanzierten Projekt arbeiten wir gemeinsam mit mehreren Partnern daran, insgesamt acht große Schutzgebiete in dieser einmaligen Landschaft zu erhalten – mit einer beeindruckenden Gesamtfläche von über 2.400 Quadratkilometern.

Diese Größe bringt allerdings auch gewisse Herausforderungen mit sich. Unter anderem bereitet uns eine entscheidende Frage Kopfzerbrechen: Wie können wir gewährleisten, dass die weit über 100.000 Menschen, die in der Nähe der Schutzgebiete leben, die Gebiete und ihre Regeln akzeptieren und sich nicht irgendwann gegen die Schutzgebiete stellen?

DIE MEINUNG DER BEVÖLKERUNG ZÄHLT

Dirt roads in Ukraine
Unterwegs zu den abgelegensten Dörfern in den Ukrainischen Karpaten ©Sergey Kantsyrenko

Ein Hauptziel unseres Projektes im ZGF-Karpatenprogramm ist deshalb, die Akzeptanz gegenüber den Schutzgebieten zu erhalten oder sogar auf ein positives Niveau anzuheben. Hierzu wollen wir in Zukunft mehrere Initiativen auf den Weg bringen, durch die die Bevölkerung selbst direkt von dem Projekt und vom Naturschutz profitieren kann, etwa durch besser entwickelte Schutzgebiete mit funktionierenden und gut ausgerüsteten Verwaltungen. Aber auch durch einen besser entwickelten Ökotourismus oder eine bessere Abfallentsorgung, denn die Vermüllung der Karpaten mangels Deponien und Entsorgungswegen ist ein echtes Problem. Bevor das aber passieren kann, gilt es, eine ganz zentrale Frage zu klären: Wie ist es denn aktuell um die Akzeptanz bestellt?

Um das herauszufinden, haben Maria, Zoryana und ich uns über drei Wochen hinweg auf den Weg zu fünf Schutzgebieten gemacht. Maria ist unsere Projektassistentin und hat den Überblick darüber, wann und wo wir uns mit wem treffen werden. Ohne sie wären wir schnell aufgeschmissen. Zoryana ist kurzzeitig als Expertin in unserem Projekt aktiv und kennt sich gut in den ländlichen Gemeinden der Karpaten aus. Vor allem versteht sie es, sich das nötige Gehör zu verschaffen. Das ist wichtig, denn ukrainische Unterhaltungen beginnen oft ruhig und zurückhaltend, werden dann aber schnell laut und impulsiv. Zoryana ist da ganz in ihrem Element.

map of Ukrainian protected areas
Übersicht über die Projektgebiete der ZGF in den Ukrainischen Karpaten ©himmelbraun

Die Straßen sind ein Abenteuer für sich. Vom Asphalt auf den Nebenstraßen ist teilweise nicht mehr viel übrig geblieben, falls es jemals welchen gegeben hat. Unsere Bandscheiben haben jedenfalls schon angenehmere Tage erlebt. Um unsere Fragebögen an möglichst viele Haushalte zu bringen, besuchen wir insgesamt 22 Gemeinden und

Dutzende öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Rathäuser, Kulturzentren und Kirchen. Dort hinterlassen wir letztlich mehr als 3.500 Fragebögen. Mitarbeiter der Nationalparkverwaltungen werden sie zwei Wochen später wieder einsammeln und per Post an unser Projektbüro schicken. Vor allem die Schulen verdeutlichen mir, wie sehr sich das Leben in den abgelegenen Dörfern von dem in den Kleinstädten unterscheidet. Die Gebäude sind oft recht klein, sodass nur ihre Bemalung und die bunten Aufkleber an den Fenstern auf eine Schule schließen lassen. Viele Klassen haben nur fünf oder sechs Schülerinnen und Schüler. Als wir ankommen, wird spontan eine Unterrichtspause eingelegt und wir plaudern ausgiebig mit den Lehrkräften. Die meisten zeigen großes Interesse an unserem Projekt und erweisen sich als extrem hilfsbereit. Über die Schulen erreichen unsere Fragebögen letztlich die Eltern der Schülerinnen und Schüler.

FAST JEDER HAT BERÜHRUNGSPUNKTE MIT DEN SCHUTZGEBIETEN

Das Büro unseres Projektes befindet sich in Lviv, einer charmanten Stadt in der Westukraine, nicht weit von den Karpaten entfernt. Dort knöpfen wir uns die ausgefüllten Fragebögen vor und entlocken ihnen, was wir wissen wollen. Was wir herausfinden, überrascht uns, und zwar positiv: Ein großer Teil der Befragten äußerte sich glücklich darüber, dass es die Schutzgebiete gibt. Für die meisten von ihnen hat die Natur einen hohen Stellenwert und viele befürworteten sogar eine Vergrößerung der Schutzgebiete. Einige beklagten sich zudem über die schlechte Abfallentsorgung in den Karpaten und die damit verbundene Verschmutzung der Landschaft. Die Antworten der Befragten zeigen uns außerdem, wie vielfältig die Beziehungen zwischen den Menschen in den Karpaten und den Schutzgebieten sind. Einige leben in abgelegenen Dörfern und halten sich mit einfacher Landwirtschaft über Wasser. Sie haben in ihrem täglichen Leben ganz unmittelbar mit den Schutzgebieten zu tun, etwa wenn es darum geht, Feuerholz zu beschaffen oder wilde Beeren zu ernten, ohne dabei die Regeln zu brechen. Andere leben von der Forstwirtschaft und dem Holzgeschäft oder sie wohnen in Kleinstädten und nutzen die Schutzgebiete für ein Einkommen über den Tourismus. Wiederum andere haben vermeintlich gar  nichts mit den Schutzgebieten zu tun. Die Bandbreite an Interessen ist also groß und damit möglicherweise auch das Potenzial für Konflikte. Die teils große Armut in den ländlichen Regionen erhöht zudem das Risiko, denn die Versuchung, all die Wälder in Holz und damit schnelles

Geld umzuwandeln ist groß. Umso beeindruckender ist deshalb die positive Einstellung der Menschen gegenüber dieser Landschaft.


Alles in allem lassen uns die Ergebnisse unserer Umfrage mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Wir können optimistisch sein, dass zum Beispiel unsere geplanten Maßnahmen zum Ökotourismus und zur Abfallentsorgung auf Resonanz bei der Bevölkerung stoßen werden. Zufriedene Gemeinden, die von der Existenz der Schutzgebiete profitieren, könnten sich als wichtiger Verbündeter im Widerstand gegen die Abholzung erweisen, die bereits weite Teile der Karpaten in kahle Flächen verwandelt hat. Die Grundbedingungen dafür sind womöglich besser als gedacht. Jetzt gilt es, diese Gelegenheit zu nutzen.



Robert Brozovic ist Ko-Projektmanager im ZGF-Karpatenprogramm.


DEUTSCHE HILFE FÜR UKRAINISCHE NATUR

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stellt aktuell über die KfW Entwicklungsbank 14 Mio. Euro für acht Schutzgebiete der Ukraine, vor allem in den Karpaten, bereit. Über mehrere Jahre hinweg kann damit die Infrastruktur der Parks ausgebaut werden (z. B. Besucherzentren, Schutzhütten, Verwaltungsgebäude) und die notwendige Ausrüstung angeschafft werden (z. B. Fahrzeuge, Uniformen, Computer). Aber auch die Fortbildung des Personals und die Erstellung von Planungsunterlagen werden möglich. Deutschland leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Karpatenwälder. Vor Ort umgesetzt wird das Förderprojekt durch ein Consulting-Konsortium, bestehend aus der AHT Group AG, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), dem WWF-Büro für Zentral- und Mitteleuropa und der Ukrainian Society for the Protection of Birds

(USPB).