Die Schimpansen von Rubondo

Als Bernhard Grzimek 1964 erstmals auf die Insel Rubondo im Viktoriasee in Tansania kam, war er begeistert von dem Projekt, das der Game Warden Peter Achard begonnen hatte: Rubondo sollte eine Art Arche für bedrohte afrikanische Tierarten werden. Die Rubondo-Arche mit Schimpansen zu ergänzen – dafür war Grzimek sofort Feuer und Flamme.

14.02.2022, Marco Dinter

Vikuñas aus den Anden, Okapis aus dem Kongobecken. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand, unterbrochen von den zwei Weltkriegen, der Handel mit Wildtieren in voller Blüte. Tierhandelsfirmen wie Hagenbeck in Hamburg oder Ruhe in Alfeld an der Leine organisierten Expeditionen in alle erdenklichen Regionen der Erde und brachten Wildtiere und Abenteuergeschichten mit. Aus heutiger Sicht und in Anbetracht der Bedrohung der Artenvielfalt ist das Fangen und der Export in die Zoologischen Gärten Europas nicht mehr akzeptabel. Damals schuf das Geschäft mit wild gefangenen Tieren die Grundlage für die heutigen Zoos und Erhaltungszuchtprogramme.

Die Insel Rubondo liegt im Viktoriasee in Tansania.
Eine Karte von 1971. Damals war Rubondo ein Wildschutzgebiet (Game Reserve).

In den 1960er-Jahren war der Handel mit Wildtieren noch nicht vollständig zum Erliegen gekommen, auch mit Menschenaffen wurde noch häufig gehandelt. Doch langsam setzte ein Wandel ein. Für viele Zootiere hatten sich die Haltungsbedingungen deutlich gebessert und immer mehr Tierarten wurden in menschlicher Obhut erfolgreich zur Zucht gebracht. Dadurch konnten die Zoos ihren Bedarf an Tieren vermehrt über eigene Nachzuchten decken.

 

Rubondo von oben, 2021.
Die Wildnis von Rubondo

Projekt Schimpansen-Arche

Als Bernhard Grzimek, Frankfurter Zoodirektor und Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, 1964 erstmals auf die Insel Rubondo im Viktoriasee kam, war er gleich Feuer und Flamme für das Projekt von Wildhüter Peter Achard: Rubondo sollte eine Arche für bedrohte afrikanische Tierarten werden. Die Parkbehörde hatte bereits 16 Nashörner und einige andere Arten auf die Insel gebracht und die 500 Zinza, die als Fischer und Bauern auf Rubondo lebten, kurzerhand ans gegenüberliegende Festlandufer umgesiedelt.

Grzimek war damals sehr besorgt, dass wilde Schimpansen aussterben könnten, da die humane Transplantationsmedizin große Fortschritte machte und in den USA erste Schimpansenorgane an Menschen verpflanzt wurden. Die Rubondo-Arche mit Schimpansen zu ergänzen – dafür war Grzimek sofort zu begeistern.

Bernhard Grzimek mit einem jungen Schimpansen

Nach dem Besuch auf der Insel Rubondo und zurück in Frankfurt, begann Bernhard Grzimek für sein Projekt zu werben. Anfang 1965 schrieb er an rund 50 Zoos in Deutschland, im europäischen Ausland und in den USA: „Nach meiner Meinung ist diese Insel ein idealer Platz, um vom Aussterben bedrohte Waldtiere auszusetzen und zu schützen. Der Bestand einiger dieser Arten ist in Tansania, das ja vorwiegend Steppenland ist, sehr gering.“ Und weiter: „Diese Aktion wird für Ihren Tiergarten sich propagandistisch sehr gut auswirken, denn die Öffentlichkeit wird sicher gern lesen, dass umgekehrt zum gewöhnlichen Vorgang in Gefangenschaft gehaltene bzw. gezüchtete Tiere nach Afrika in die Freiheit kommen.“ Grzimek wollte die Zoos überzeugen, ihm überzählige Schimpansen zur Verfügung zu stellen. Nach vielen Absagen gelang es ihm, elf Schimpansen zusammenzubekommen. Alle Tiere waren in der Wildnis geboren und dort gefangen worden, um in Zoos oder Tierparks zu leben.

Der Schimpanse Jimmy kam aus dem Zoo Frankfurt nach Rubondo.

Ein kleines Paradies

Rubondo liegt im tansanischen Teil des Viktoriasees und ist etwa 237 Quadratkilometer groß. In den 1960er-Jahren glich die Insel einem kleinen Paradies: Mehr als 90 Prozent waren mit dichtem Wald bedeckt und nur wenige Menschen bewohnten das Eiland.

Am 1. März 1965 schrieb Grzimek an den Agrar-, Forst- und Wildtier-Minister der noch jungen Vereinigten Republik Tansania, S. A. Maswanya. Grzimek schlug ihm vor, Rubondo zu einem Schutzgebiet für Wildtiere zu machen. In Grzimeks Vorstellung sollten Schimpansen und andere Affen, Okapis und Antilopen auf der Insel angesiedelt werden. Da auf der Insel keine größeren Raubtiere vorkamen, seien die „wertvollen“ Tiere dort sicher.

Die Kosten für den tansanischen Staat hielt Grzimek für überschaubar, denn die Insel sei leicht vor Wilderei zu schützen. Den Transport der Tiere wollte er aus anderen Quellen bezahlen. Damit das Gebiet auf lange Sicht geschützt wäre, schlug Grzimek zudem die Einrichtung eines Nationalparks vor.

Die Vorteile für den Staat Tansania lagen für Grzimek ebenfalls auf der Hand: die Erhaltung bedrohter nationaler Tierarten und mehr Touristen. Ein Nationalpark auf Rubondo, der sich landschaftlich von den anderen, durch große Savannenlandschaften geprägten ostafrikanischen Nationalparks unterschied, würde sich zu einem Besuchermagnet entwickeln, erst recht, wenn dort „halb zahme“ Menschenaffen zu beobachten wären.

Tatsächlich ist Rubondo mittlerweile ein beliebtes Ziel für Touristinnen und Touristen geworden. 1983 baute Markus Borner, später Leiter des ZGF-Afrikaprogramms, die ersten Besucherunterkünfte auf der Insel. Heute liegen außerhalb des Rubondo-Island-Nationalparks, der sich nicht über die komplette Insel erstreckt, eine Lodge und eine Jugendherberge.

Die M. S. Eibe Oldendorff brachte die Schimpansen von Antwerpen in Belgien nach Dar es Salaam in Tansania.

Menschengemachte Vielfalt auf der Insel

Der tansanische Staat erklärte Rubondo erst 1977 zum Nationalpark, aber auf Grzimeks Initiative hin wurde bereits 1965 ein sogenanntes Game Reserve (Wildschutzgebiet) auf der Insel eingerichtet. Damit wurde die Grundlage gelegt, Tierarten auf der Insel anzusiedeln, die in anderen Gebieten Afrikas selten wurden.

Ursprünglich plante Grzimek die Ansiedlung von Schimpansen und Gorillas, Sansibar-Stummelaffen, Okapis und Bongos. Trotz vieler Briefe an die Behörden gelang es ihm aber nicht, die Genehmigung für Gorillas zu bekommen. Eine Gruppe Wissenschaftler, die an den Sansibar-Stummelaffen forschte, ließ sich von Grzimek ebenfalls nicht überzeugen und verhinderte das Einfangen und Umsiedeln dieser auf Sansibar endemischen Primaten.

Dafür wurden einige andere charismatische Tierarten ausgesetzt. Sie wurden vorher in anderen Teilen Tansanias eingefangen und nach Rubondo umgesiedelt. Nicht alle kamen hier gut zurecht: Die 16 Spitzmaulnashörner, die schon 1964 und 1965 auf Rubondo frei-gelassen worden waren, konnten sich ebenso wenig auf der waldreichen Insel etablieren wie die fünf Pferdeantilopen, die man 1967 hierhergebracht hatte. Zwar überlebten einzelne Tiere dieser eigentlich Savannen bewohnenden Arten bis in die 1980er-Jahre, aber Nachwuchs blieb selten.

Andere Arten waren erfolgreicher. 1965 wurden zwölf Giraffen ausgesetzt, deren Nachkommen bis heute auf der Insel leben. Auch Guerezas, eine kleine Affenart, haben sich etabliert und sind von den ursprünglich ausgesetzten 20 Tieren auf eine größere Population angewachsen. Selbst Elefanten (zwei Bullen und vier Kühe) wurden auf die Insel gebracht. 2014 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Population auf etwa 100 Tiere.

Im Gegensatz zu den anderen Tieren hatten die Schimpansen, die nach Rubondo kamen, einige Zeit in Zoos verbracht. Das machte ihre Ansiedlung zu einem besonderen Unterfangen.

Bernhard Grzimek informierte seinen Stellvertreter in Frankfurt per Telegramm über die Ankunft der Schimpansen in Mombasa.

Die ZGF als Financier

Elf Schimpansen aus verschiedenen Zoos zusammenzusammeln und über Antwerpen bis nach Mombasa zu verschiffen, war teuer. Neben den reinen Frachtkosten fielen Kosten für die Transportkisten an, für das Futter während der mehr als drei-wöchigen Reise und für die Ausrüstung vor Ort, da die Tiere nach dem Freilassen überwacht werden sollten. Auch die Tiere selbst kosteten zum Teil hohe Summen. Der Direktor des Tiergartens Schönbrunn in Wien, Dr. Walter Fiedler, forderte den nicht unüblichen Preis von 1.500 D-Mark für das etwa 10-jährige Schimpansenweibchen aus seinem Bestand.

Doch Grzimek überzeugte viele der Zoodirektoren, ihre Schimpansen kostenfrei oder vergünstigt zur Verfügung zu stellen. Viele der Tiere seien ohnehin „Problemfälle“, die den Zoos bald zur Last fallen würden. Auch die Reederei Deutsche Afrika-Linien verzichtete darauf, den Transport der Schimpansen in Rechnung zu stellen. Schnell stand fest, dass das Projekt finanziell auf sicherem Boden stand, auch dank der Spenden vom Sonderkonto „Hilfe für die bedrohte Tierwelt“, das Grzimek am Ende seiner Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“ bewarb. Die Ansiedlung von Schimpansen und anderen Tieren auf Rubondo wurde zu einem der ersten größeren Projekte der ZGF.

Einen Monat dauerte die Schiffsreise der Schimpansen.

Die Reise der Schimpansen

Für die erste Schimpansen-Fracht nach Afrika konnte Grzimek drei männliche und acht weibliche Schimpansen organisieren. Schilla, Josephine, Robert, Lillemor, Simba und ihre Artgenossen kamen aus den Zoos von Stockholm, Mühlhausen, Berggreen, Kopenhagen und Wien, außerdem von zwei Tierhandelsfirmen. Um die Tiere vor der langen Reise aneinander zu gewöhnen, wurden sechs von ihnen einige Tage vor Reisebeginn im Zoo Hannover zusammengebracht. Für sie hieß es am Mittwoch, dem 18. Mai 1966, dann: Aufbruch im Lkw nach Antwerpen.

Zwei der Schimpansenweibchen wurden direkt dorthin transportiert. Gerade noch rechtzeitig erreichten sie den Hafen und wurden auf die M. S. Eibe Oldendorff gebracht. Das Verladen der Tiere in Antwerpen lief reibungslos.

Auf dem Vorderdeck des Frachtschiffes war eine zwölf Meter lange und zwei Meter breite Hütte aus festen Brettern gebaut worden, in der die neun Kisten mit den Menschenaffen Platz fanden. Um die Tiere vor Unwetter und zu viel Sonne zu schützen, wurde der Verschlag mit einer Persenning abgedeckt. Es gab elektrisches Licht und bei gutem Wetter konnten die Stoffbahnen beiseitegezogen werden, um den Schimpansen ausreichend frische Luft zu gewähren. Der Menschenaffenpfleger Gerhard Podolczak aus dem Frankfurter Zoo begleitete die Tiere, um für ihr Wohlergehen zu sorgen. Auch ausreichend Proviant wurde verladen: 300 Kilogramm Bananen, 600 Kilogramm Äpfel, 260 Kilogramm Orangen, 150 Kilogramm Brot, 135 Kilogramm Reis und acht Kilogramm Tee sollten für die etwa einmonatige Reise ausreichen. Hinzu kamen 120 Kilogramm Stroh und Sägespäne als Einstreu.

Am 20. Mai 1966 lief die M. S. Eibe Oldendorff aus Antwerpen aus. Etwa drei Wochen später sollte sie die Hafenstadt Mombasa in Kenia erreichen, von wo aus die Tiere auf dem Landweg weitertransportiert werden sollten.

Die Transportkisten werden geöffnet. Schimpansen schwimmen nicht gerne, darum blieben die Tierpfleger vorsichtshalber im Wasser.
Die Schimpansen gewöhnen sich an die neue Freiheit.
In den ersten fünf Monaten nach ihrer Ankunft bekamen die Schimpansen noch Bananen, Reis und Brot. Doch sie gewöhnten sich schnell an das große Nahrungsangebot auf Rubondo.
Ein Schimpanse in seinem Schlafnest im Mahale-Nationalpark in Tansania.
Das Auswilderungsteam nach getaner Arbeit

Ankunft im neuen Zuhause

Die Fahrt verlief weitestgehend ruhig, nur bei schlechtem Wetter wurden die Tiere einmal seekrank. Ein tragischer Zwischenfall ereignete sich jedoch irgendwo zwischen Port Said und Djibouti auf dem Roten Meer. Das Schimpansenweibchen Josephine aus Mühlhausen brach offenbar mit einem Hitzschlag tot zusammen. Die übrigen Schimpansen überstanden die Reise unbeschadet.

Als das Schiff Mitte Juni Mombasa erreichte, warteten dort bereits 42 weitere Schiffe vor dem Hafen darauf, dass ihre Ladung gelöscht wird. Bis die M. S. Eibe Oldendorff an der Reihe wäre, würde es etwa acht Tage dauern. Der Kapitän beschloss daraufhin, der afrikanischen Küste weiter nach Süden zu folgen, um im etwa 170 Kilometer entfernten Tanga in Tansania zu landen. Das Empfangskomitee für die Schimpansen, bestehend aus den Lkws zum Weitertransport und dem Filmer und Fotograf Gordon Harvey, ehemals Oberwildhüter in der Serengeti, folgte auf dem Landweg. Harvey sollte die Freilassung der Schimpansen auf Rubondo für Grzimeks Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“ filmen.

Doch auch der Hafen in Tanga war überfüllt, sodass die M. S. Eibe Oldendorff Daressalam ansteuerte. Mit zwei Tagen Verspätung lief sie endlich in einen Hafen ein. Der Schimpansentransport erregte viel Aufmerksamkeit. Jede Kiste, die von Bord gehoben wurde, wurde mit Jubel begrüßt, bevor die Tiere auf zwei Lastwagen Richtung Viktoriasee reisen konnten – eine weitere anstrengende Tour über 1.300 Kilometer auf weitgehend unbefestigten Straßen. Als sie endlich am Ufer des Viktoriasees angekommen waren, brachte ein Boot die Tiere und ihren Tierpfleger Gerhard Podolczak nach Rubondo. Bernhard Grzimek war mit dem Flugzeug nach Tansania gereist und traf den Konvoi am Ufer des Viktoriasees.

Am 23. Juni 1966, nach über einem Monat auf Reisen, wurden die Transportboxen der Schimpansen am Ufer der Insel Rubondo abgestellt. Um 11:30 Uhr wurden sie geöffnet. Während zwei Weibchen direkt ins Gebüsch verschwanden, als hätten sie schon immer dort gelebt, klammerten sich zwei andere an Grzimeks Hosenbein. Letztendlich aber machten sich alle auf ihren Weg in die neue, ungewohnte Freiheit.

Ein Schimpanse inspiziert ein Gästehaus.
Eine Schimpansin interessiert sich für die Bauarbeiten.

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