Einmal Welt retten, bitte!

2020 hätte das Superjahr in Sachen Biodiversität werden sollen – mit dem IUCN-Weltkongress im Sommer und der großen UN-Konferenz zur Biodiversität (COP 15) im Oktober. Verschoben ist all das ins nächste Jahr. Doch die Zeit drängt. Es muss viel schneller gelingen, den Anteil der unter Schutz stehenden Regionen zu erhöhen, wenn wir einen lebenswerten Planeten erhalten wollen.

Die Welt wollte sich im Oktober auf der UN-Konferenz zur Biodiversität im chinesischen Kunming auf das sogenannte „Post-2020 Biodiversity Framework“ einigen. Ein sperriger Begriff, hinter dem ein komplexes Geflecht von internationalen Abkommen, Zielen, Verhandlungen und Kompromissen steckt. Um die biologische Vielfalt auf unserem Planeten zu erhalten und damit die Lebensgrundlage für die gesamte Menschheit zu sichern, haben sich die Staaten bereits 1992 in Rio de Janeiro auf ein internationales Abkommen geeinigt: das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, die Convention on Biological Diversity oder kurz CBD.

Heute sind 196 Staaten Vertragspartner der CBD. Das in wenigen Wochen zu Ende gehende Jahrzehnt war von den Vereinten Nationen im Jahr 2010 zur UN-Dekade der Biodiversität erklärt worden, mit sehr vielen Zielen und Vorgaben, wie man die biologische Vielfalt international schützen sollte. Sehr weit gekommen ist die Menschheit damit nicht. Wie es nach 2020 weitergehen soll, das wird aktuell in vielen Online- Debatten und virtuellen Sitzungen diskutiert und voraussichtlich im Mai 2021 in besagtem „Post-2020 Biodiversity Framework“ in Kunming festgelegt. Dass in Sachen Biodiversitätsschutz deutlich mehr passieren muss, ist klar und die Ziele sind hochgesteckt.
Bisher war das Ziel der Weltgemeinschaft, 17 Prozent der Landmasse der Erde unter Schutz zu haben. Zurzeit sind es etwas mehr als 15 Prozent. Im aktuellen Entwurf für den Biodiversitätsplan nach 2020, dem sogenannten Zero-Draft, werden 30 Prozent terrestrische Gebiete plus 30 Prozent der Ozeane als Schutzgebiete gefordert. „Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel“, sagt ZGF-Geschäftsführer Dr. Christof Schenck. „Wir haben es in den letzten 150 Jahren auf weltweit 15 Prozent geschafft. Jetzt müssen wir es in nur zehn Jahren unbedingt verdoppeln, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.“ Dazu muss die Staatengemeinschaft entschlossener handeln. Denn was passiert, wenn sie das nicht tut, hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES mehr als deutlich gesagt.

Es steht viel auf dem Spiel

Dieser Rat hat im letzten Jahr einen monumentalen Bericht vorgelegt zum Zustand der Biodiversität auf der Erde und den sogenannten Ökosystemleistungen, also dem, was uns die Natur gratis liefert: sauberes Wasser und Luft, bestäubende Insekten oder die natürlichen Rohstoffe für Medikamente. Die Mahnung der 145 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Bericht verfasst haben, ist klar: Ganze Ökosysteme sind in Gefahr oder schon zu großen Teilen zerstört und wir werden die Ziele für eine bessere Welt, die „Sustainable Development Goals“ (SDG), im Wesentlichen verfehlen.
Seit dem Jahr 2000 sind 1,9 Millionen Quadratkilometer an ökologisch intaktem Land verloren gegangen. Eine Fläche von der Größe Mexikos! Bereits 75 Prozent der gesamten Landoberfläche und 66 Prozent der Meere wurden drastisch verändert. „Die Biodiversitätskrise ist mindestens genauso groß wie die Klimakrise“, sagt Christof Schenck. Und dass ein Verlust von Biodiversität nicht nur bedeutet, einige Tierarten zu verlieren, könnten dank SARS-CoV-2 endlich mehr Menschen als bisher verstanden haben. Die beiden globalen Krisen, der Klimawandel und der Biodiversitätsverlust, hängen auch mit Krise Nummer drei zusammen: den Pandemien. All dies macht deutlich, warum die Erhaltung der letzten großen ursprünglichen Landschaften so wichtig ist und warum auch ihre Größe eine zentrale Rolle spielt.

Was und wo schützen?

Eine im Sommer veröffentlichte Studie amerikanischer Wissenschaftler zeigt, wo die wertvollsten Gebiete liegen, die geschützt werden müssten, um den Klimawandel merklich aufzuhalten, die noch intakten Ökosysteme und Kohlenstoffsenken dieser Welt zu bewahren und besonders bedrohte und wertvolle Arten zu schützen. Insgesamt wären das 52 Prozent der Erdoberfläche. Ob und wie sich all diese Gebiete weltweit in einer Art globalen Prioritätenliste darstellen lassen, haben das Forschungsinstitut Senckenberg und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt in einer Studie untersucht. Es ist gelungen, eine Methode zu entwickeln, mit der die weltweit wichtigsten Gebiete für den Naturschutz priorisiert werden können. So entsteht eine wissenschaftliche Entscheidungshilfe für Staaten, Geber und internationale Naturschutzorganisationen.

Die wichigsten Gebiete zuerst

Zuerst legten die Senckenberg-Forscherinnen eine umfassende Datenbank mit sämtlichen Schutzgebieten dieser Erde an, die bestimmten Kriterien entsprachen. „Sie mussten mindestens 2.000 Quadratkilometer groß sein und zu den strengen Schutzkategorien I und II der IUCN gehören. Oder die Gebiete waren sogenannte ‚Key Biodiversity Areas‘ oder Weltnaturerbegebiete“, erläutert Dr. Alke Voskamp, die Leiterin der Studie. Auf diese Weise kamen 1.352 terrestrische Schutzgebiete in die Datenbank.

In einem zweiten Schritt wurden die Gebiete auf verschiedene Indikatoren untersucht. Das sind zum Beispiel Biodiversitätskriterien wie die Artenvielfalt bei Vögeln, Amphibien, Reptilien und Säugetieren. Auch der Grad an Endemismus und die genetische Vielfalt wurden miteinbezogen. In der Datenbank kann man sich nun von weltweit 1.352 Gebieten die Top-Kandidaten in Sachen Biodiversität anzeigen lassen.

Aber Biodiversität ist nicht alles. Auch andere Kriterien sind für eine Priorisierung wichtig: Klimaschutzindikatoren wie die Speicherkapazität von Kohlenstoff, der Grad an Wildnis, die Landnutzung oder die prognostizierte Stabilität der Artenzusammensetzungen im sich wandelnden Klima. Sechs verschiedene Erhaltungsziele lassen sich mit der Datenbank darstellen: Biodiversität, Wildnis, Klimastabilität, Klimaschutz, Stabilität der Landnutzung und Größe. Aber gibt es auch Gebiete, die in allen Punkten gut abschneiden? Das wurde im dritten Teil der Studie untersucht.

„Wir haben gesehen, dass es überhaupt keine Gebiete gibt, die in allen Erhaltungszielen hervorragend abschneiden, dennoch korrelieren einige Indikatoren miteinander“, sagt Alke Voskamp, die eine wichtige Erkenntnis der Studie darin sieht, dass es im Naturschutz Kompromisse geben muss. Bei der Auswahl von Schutzgebieten muss man also abwägen, wie die verschiedenen Indikatoren für eine Rangliste zu gewichten sind und wo das Erhaltungsziel liegt.
Autoren: Dr. Valerie Köcke und Dagmar Andres-Brümmer
Publikationsdatum: 24.November 2020

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