Homeschooling – auch für Orang-Utans ist plötzlich alles anders

Die Coronapandemie hat unser Leben auf den Kopf gestellt und die Auswirkungen sind überall spürbar, auch in der Dschungelschule unseres Sumatra-Schutzprogramms in Indonesien. ZGF-Tierärztin Andhani Widya berichtet, wie sie und ihre Kollegen vor Ort mit der neuen Bedrohung umgehen und vor welche Herausforderungen sie das Homeschooling der Orang-Utans stellt.

24.11.2020, Dr. Andhani Widya

Wir wissen nicht, ob sich Orang-Utans bei Menschen mit COVID-19 anstecken können. Aber weil sie genetisch sehr eng mit uns verwandt sind und andere Atemwegserkrankungen, wie Tuberkulose, sehr wohl vom Menschen auf Orang-Utans übertragbar sind, gehen wir kein Risiko ein. Solange die Coronapandemie andauert, müssen wir bei unserer Arbeit mit den Tieren besonders vorsichtig sein.

Wir haben zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen eingeführt und sind sehr streng beim Social Distancing: Dafür haben wir alle Mitarbeiter in zwei Teams aufgeteilt, die abwechselnd drei Wochen in der Feldstation am Rand des Bukit-Tigapuluh-Nationalparks verbringen und sich nicht begegnen. Den direkten Umgang mit den Orang-Utans begrenzen wir so gut es geht.

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Als dann in Jambi der erste Fall einer Coronainfektion auftrat, haben wir die Dschungelschule geschlossen. Seither müssen unsere Schüler in der Käfiganlage bleiben. Bisher haben wir sie für den Unterricht in den Regenwald getragen, zum Klettern üben und Futter suchen. Das ist jetzt unmöglich. Seither ist Homeschooling angesagt – Unterricht zuhause. Und das bringt einige Herausforderungen mit sich.

Wir bringen den Wald zu den Orang-Utans

Wir versuchen, den Orang-Utans diese ungewohnte Situation so angenehm und lehrreich wie möglich zu machen. Schließlich sollen sie auch weiterhin die Fertigkeiten lernen können, die sie für ein Überleben in Freiheit brauchen. Seit einigen Monaten bringen wir daher nicht mehr die Orang-Utans in den Wald, sondern den Wald zu den Orang-Utans: Früchte, Rattan-Stämme und Termiten zum Untersuchen, Öffnen und Fressen. Blätter und Zweige als Bettzeug zum Bauen von Schlafnestern. Und damit die Orang-Utans sehen, wie das geht, machen es die Trainer vor der Käfiganlage vor.

„Seit einigen Monaten bringen wir daher nicht mehr die Orang-Utans in den Wald, sondern den Wald zu den Orang-Utans.“

Andhani Widya

Außerdem bekommen die Tiere Puzzles und Rätsel. So langweilen sie sich nicht, sondern können ihre kognitiven Fähigkeiten trainieren. Wir verstecken zum Beispiel Leckerchen in einer Dose und geben den Orang-Utans ein Werkzeug, mit dem sie es aus der Dose herausfischen müssen.

Homeschooling bedeutet Stress – auch für die Tiere

Aber die letzten Monate haben gezeigt, dass dieses Homeschooling das Training im Wald nicht ersetzen kann. Wir merken, dass es den Tieren nicht gut tun, dauerhaft in der Käfiganlage sein zu müssen, sie sind gestresst. Da ein Ende der Pandemie auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist, aber wir die psychische Gesundheit der Tiere durch das Eingesperrtsein nicht gefährden wollen, werden wir die Dschungelschule in veränderter Form wiedereröffnen.

Die ZGF-Dschungelschule

In der Dschungelschule im Bukit-Tigapuluh-Regenwald auf Sumatra lernen Orang-Utans, die zuvor von Menschen gehalten wurden, sich in der Wildnis zurecht zu finden. Mehr erfahren

Die Wiederansiedlung von Orangutans

Seit 1999 unterstützen wir die Wiederansiedlung von Orang-Utans, um eine selbsterhaltende Tierpopulation im BTP Nationalpark zu schaffen. Tiere, die in Gefangenschaft gehalten wurden, werden wieder in ihrem natürlichen Lebensraum angesiedelt. Seit Projektstart konnten wir bereits 170 Tiere erfolgreich wiederansiedeln. Mehr erfahren

Wir werden sie nicht tragen, aber sie sollen an stabilen Gurten selbst in den Regenwald klettern können. Die Gurte spannen wir vom Gehege in das Geäst der umstehenden Bäume. So müssen unsere Schüler den Boden nicht betreten und wir vermeiden weiterhin den Körperkontakt. Als zusätzliche Motivation werden wir Früchte in die Bäume hängen. Bei Schulende locken wir die Orang-Utans mit einer Leckerei zurück in den Käfig, zum Beispiel mit Milch oder Honig. Mit dieser „kontaktlosen“ Methode trainieren wir schon seit Jahren Orang-Utans, die sehr scheu sind und Angst vor Menschen haben.

Win Gayo ist ein erfolgreicher Absolvent der Dschungelschule. Heute lebt er selbstständig im Regenwald von Bukit Tigapuluh. © FZS/Daniel Rosengren
Während der Covid-19-Pandemie dürfen unsere Mitarbeiter die Tiere der Dschungelschule nicht berühren. Der Transport in den Wald gestaltet sich deswegen schwierig. © FZS/Daniel Rosengren
Die Schüler müssen trotzdem beschäftigt werden. Hier wird um das Futter gefeilscht. © FZS/Daniel Rosengren

Alle indonesischen Tierärzte, die mit Orang-Utans arbeiten, sind in der Orangutan Veterinary Advisory Group zusammengeschlossen, die sich regelmäßig austauscht und ihre Erfahrungen teilt. Auf Zoom oder WhatsApp diskutieren wir die Herausforderungen, vor die Corona uns stellt und entwickeln gemeinsam Richtlinien und Methoden. Dabei richten wir uns nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Auch das neue Dschungelschulformat haben wir miteinander abgestimmt.

Im Oktober haben wir mit Genehmigung der Behörde für Natürliche Ressourcen in Jambi den jungen Orang-Utan-Mann Rocky freigelassen. Seine Auswilderung fand natürlich auch unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen statt. In den nächsten Monaten sollen ihm weitere Orang-Utans folgen. Sie haben die Dschungelschule erfolgreich abgeschlossen und sind bereit für ihr Leben im Regenwald.

Wir wissen nicht, was die nächsten Monate bringen werden und wie die Pandemie sich entwickelt – aber wir werden weiterhin dafür sorgen, dass die Orang-Utans in unserer Obhut gesund bleiben und Fortschritte machen, auf ihrem Weg in die Freiheit.

Dieser Artikel ist im Gorilla Magazin Ausgabe 3/2020 erschienen. Sie können das Magazin hier herunterladen:

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