50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald

Bernhard Grzimek und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) leisteten Ende der 1960er-Jahre entscheidende Starthilfe für Deutschlands ersten Nationalpark.

Eine „bayerische Serengeti“ ist der Nationalpark Bayerischer Wald nicht. Einer Savannenlandschaft mit großen Gnu-Herden, Nashörnern, Löwen und Büffeln ähnelt die bergige Nadelbaumlandschaft im bayerisch-böhmischen Grenzland wohl kaum. Dennoch wird der älteste und bekannteste deutsche Nationalpark immer wieder mit der Serengeti verglichen, auch heute noch. Es waren aber durchaus die großen Wildnisgebiete Ostafrikas und vor allem die Serengeti, die die Inspiration für die Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald vor mehr als 50 Jahren waren. Auch der konsequente Wildnisansatz, wie er beispielsweise schon damals von den Naturschutzbehörden afrikanischer Länder in ihren neu entstehenden Großschutzgebieten verfolgt wurde, sollte lange Jahre zur „fachlichen Richtschnur“ für die Waldentwicklung im ersten deutschen Nationalpark werden.
Beeindruckt und fasziniert von den riesigen Graslandschaften und Urwäldern mit großen Wildtierbeständen, die Bernhard Grzimek in den 1950er- und 1960er-Jahren auf zahlreichen Reisen erlebte, konnte sich der Frankfurter Zoodirektor vergleichbare geschützte Naturlandschaften für Europa, das seine Urwälder nahezu vollständig verloren hatte, eigentlich überhaupt nicht vorstellen. Aus seiner Sicht hatte Europa sein Naturerbe nachhaltig zerstört und vor allem Deutschland war für Grzimek im Naturschutz ein echtes Entwicklungsland.
„Hier irrst du“, sagte ihm Hubert Weinzierl, der als Präsident des Bayerischen Naturschutzbundes und später auch des BUND den Naturschutz in Deutschland für Jahrzehnte prägte, bei einer gemeinsamen Reise in Tansania. Zurück in Deutschland, durchwanderten Weinzierl und Grzimek im Frühjahr 1966 zwei Tage lang die Fichten- und Bergmischwälder entlang des Lusen. Grzimek, von einer internationalen Konferenz kommend, mit Anzug und Lackschuhen!

Grzimeks Bedingungen für einen Nationalpark in Deutschland

Bernhard Grzimek war nunmehr überzeugt davon, dass sich das Gebiet für einen Nationalpark eignen würde und unterstütze das Projekt seitdem mit ganzer Kraft: Mehrmals sprach er bei der Staatsregierung in München vor. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt unterstützte Flächenkäufe, um die Gebietskulisse des Parks zu vervollständigen und um Tiere für den Park zu erwerben und stellte dafür 1970 und ‘71 eine Anschubfinanzierung in Höhe von rund 100.000 D-Mark bereit. Außerdem gründete die ZGF gemeinsam mit Landkreisen und Gemeinden in der Region einen Zweckverband, um die Nationalparkidee Realität werden zu lassen. Getrieben von der Sorge, dass der Park nur ein leeres Versprechen und ein Etikettenschwindel für einen weiterhin bewirtschafteten Wald bliebe, betonte Grzimek in Vorträgen, Briefen, Artikeln und auch bei politischen Gesprächen mit der Staatsregierung in München immer wieder, wie wichtig es sei, dass der geplante Nationalpark internationalen Prinzipien folge und ähnlich wie die Serengeti ein großes, von menschlichem Eingriff und forstwirtschaftlicher Nutzung freies Gebiet werde.
Am 7. Oktober 1970 wurde der Nationalpark Bayerischer Wald mit einem Staatsakt in Neuschönau gegründet. Der damalige Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann dankte Weinzierl und Grzimek und bezeichnete sie als „mächtige Vertreter des Nationalparkgedankens“. Doch wie richtig Grzimeks Mahnung gewesen war, der Nationalpark solle internationale Standards erfüllen, zeigte sich bald.
Mit zunächst 10.000 Hektar, die im selben Jahr auf 13.000 Hektar erweitert wurden, war der Nationalpark für ein deutsches Schutzgebiet stattlich. Aber schon im ersten Jahr nach der Nationalparkgründung führte der zuständige Oberförster in den Wäldern des Bergs Lusen Kahlschläge durch. Zu dieser Zeit waren nur 480 Hektar des Nationalparks streng geschützt. Auch größere Windwürfe in den Fichtenwäldern des Parks, die es erlaubt hätten, hier erstmalig der Natur die Waldentwicklung zu überlassen, wurden bis auf wenige Reste beseitigt und das Stammholz verkauft.
Es brauchte eine unerschrockene Nationalparkverwaltung mit mutigen Förstern, angeleitet vom ersten und langjährigen Leiter der Nationalparkverwaltung Hans Bibelriether und unterstützt durch öffentlichen Druck, den Bernhard Grzimek durch seine Fernsehsendungen erzeugte, um die nutzungsfreie Kernzone des Parks auf die Hälfte der Nationalparkfläche auszuweiten.

Der Ursprung einer neuen Wildnisdiskussion in Deutschland

Die große Wende für den Nationalpark kam Mitte der 1980er-Jahre mit der Entscheidung des damaligen bayerischen Landwirtschaftsministers Hans Eisenmann, großflächige Windwürfe der Jahre 1983 und 1984 den Gestaltungskräften der Natur zu überlassen. „Die Windwürfe bleiben liegen. Wir wollen hier einen Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder“, sagte Eisenmann damals. Auf diesen Windwurfflächen, so kann man rückblickend sagen, lag damit auch der Ursprung einer neuen Wildnisdiskussion und
-bewegung in Deutschland. Auf einem beeindruckenden Naturlehrpfad ist heute zu sehen, wie Fichten, Vogelbeeren und Buchen zu einem arten- und strukturreichen Wald heranwachsen. Ganz ohne Zutun des Menschen.
„Natur Natur sein lassen“, war die Prämisse von Nationalparkleiter Hans Bibelriether. Doch die nächste Zerreißprobe für den Wildnisansatz war von viel größerem Ausmaß und folgte prompt: Als ab 1986 immer größere Flächen des Fichtenwaldes dem Borkenkäfer zum Opfer fielen, drohte dem Nationalpark fast das Ende. Schlussendlich waren fast 5.000 Hektar Wald vom Borkenkäfer befallen. Selbst Naturschützer warfen der Parkverwaltung damals vor, durch Starrsinnigkeit eine ökologische Wüste zu hinterlassen. Die Rufe wurden lauter, die vertrocknenden Fichtenstämme abzutragen und den Wald neu anzupflanzen. Die bayerische Landesregierung entschied sich nach schwierigen Abwägungen dagegen und das beeindruckende Ergebnis sehen wir heute.
Hans Bibelriether Natur Natur sein lassen. Hans Bibelriether
Eine eigene Forschungsabteilung des Nationalparks untersucht systematisch, wie sich der Wald in diesen, im Fachjargon als „Störungsflächen“ bezeichneten Gebieten entwickelt. Wie Vogelarten wie der Habichtskauz, der Zwergschnäpper oder Spechte, aber auch Käfer und andere Insekten von der neuen Vielfalt an Lebensräumen profitierten. Und wie der Luchs in diesem neuen Urwald wieder heimisch wird.
Der Nationalpark Bayerischer Wald ist in 50 Jahren zu einer Blaupause geworden – nicht nur für 15 weitere Nationalparks in Deutschland, sondern auch für großflächige Wildnisgebiete in Europa. Auch die Bevölkerung vor Ort profitiert: Laut einer Studie der Universität Würzburg erzielte die Region im Jahr 2007 einen Bruttoumsatz von 13,5 Millionen Euro durch die Nationalparktouristen. Die Wissenschaftler berechneten, dass damit mehr als 450 Vollzeitarbeitsplätze direkt vom Tourismus abhängen. Knapp zehn Jahre später lag der Bruttoumsatz bereits bei rund 26 Millionen Euro.
Und eine weitere wichtige Funktion kommt dem Nationalpark in Zeiten des Klimawandels mit den immer trockener werdenden Wäldern in Deutschland zu: Der Bayerische Wald ist zu einem einzigartigen Freilandlabor geworden. Hier können wir lernen, wie sich unsere Wälder auch ohne Eingriff des Menschen zu einzigartigen, abwechslungsreichen, stabilen und artenreichen Mischwäldern entwickeln können. Wenn auch keine bayerische Serengeti entstanden ist, so ist der Nationalpark doch zu einem Wildnisgebiet von herausragender Bedeutung geworden, so wie sich das Bernhard Grzimek von Anfang erträumt hat.
Text: Michael Brombacher, ZGF-Referatsleiter Europa
Publikationsdatum: 07.10.2020

Was verbindet die ZGF heute mit dem Nationalpark Bayerischer Wald?

  • Wir fördern den Austausch zwischen den Experten des Nationalparks und Kollegen aus anderen ZGF-Schutzprojekten, beispielsweise im Umgang mit dem Borkenkäferbefall oder zum Besuchermanagement.
  • Angeleitet von Wissenschaftlern aus dem Nationalpark betreiben wir ein Monitoringprogramm in Schutzgebieten in der Polesie, den Karpaten und auch im Nationalpark Beloveshskaya Pushcha.
  • Wir forschen gemeinsam mit dem Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Nationalparks Bayerischer Wald zu Naturwäldern in Belarus. Junge Biologen und Forstwissenschaftler bekommen in Zukunft die Möglichkeit, im Rahmen von Kurzaufenthalten im Nationalpark Bayerischer Wald ihr Wissen zu erweitern und dort zu forschen.
  • Mit knapp 20 Naturschutzorganisationen haben wir die Initiative "Wildnis in Deuschland" gegründet, die das Ziel verfolgt "Natur Natur sein zu lassen".

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